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Geschichte in Medien


Forum Lokaljournalismus 2005

Erinnern und aufarbeiten - das ist auch 50 Jahre nach Kriegsende und 15 Jahre nach der Wiedervereinigung notwendig

Geschichte ist mehr als Erinnerung - sie bedeutet Verantwortung und kann Identifikation schaffen. Die Beschäftigung mit historischen Themen ist deshalb wichtig. Doch wie sollen Medien damit umgehen? Welche Darstellungsformen bieten sich an? Und wie empfinden die Deutschen ihre eigene wechselvolle Geschichte? Die bpb befragte Zeitzeugen, Historiker und Journalisten beim "Forum Lokaljournalismus 2005". Über ihre teils ganz persönlichen Erfahrungen sprechen Joachim Gauck, ehemaliger Beauftragter für die Stasi-Unterlagen, der SPD-Politiker Hans Koschnick und andere.


Der Osten ist eine "Übergangsgesellschaft"
Joachim Gauck



Die Ostdeutschen sind noch nicht angekommen, die Westdeutschen haben die richtige Haltung noch nicht gefunden – das sagt einer, der sich mit den Empfindsamkeiten auf beiden Seiten auskennt: Joachim Gauck, geboren in Rostock und langjähriger "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Gauck war 1989 aktiv am öffentlichen Widerstand gegen die SED-Diktatur beteiligt und Mitbegründer des "Neuen Forum". Obwohl er nie ein Befürworter des Regimes war, kann er dennoch die Sehnsucht mancher Ostdeutscher nach der vergangenen Zeit nachvollziehen. Sie sei ein "habituelles Problem", sagt er. Im Interview erklärt der studierte Theologe, was er damit meint und spart nicht mit Kritik.


Es liegt an dir – engagiere dich!
Hans Koschnick



Er war zehn Jahre alt, als Hitler den 2. Weltkrieg begann: Hans Koschnick erlebte den Bombenhagel und die Internierung seiner Eltern, die als politische Gegner des Nationalsozialismus verfolgt wurden, kannte Hunger und Entbehrung schon als Kind. Diese Erfahrungen haben ihn früh erwachsen werden lassen. Die Konsequenz des Kriegs für sein Leben? Sich engagieren, damit so etwas nie wieder passiert, sagt der 77-Jährige. Das hat er getan - als Bürgermeister der Stadt Bremen, als stellvertretender Parteivorsitzender der SPD oder als Europäischer Administrator der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. Im Interview spricht er über Krieg und Aufbaujahre, die Generation der Kriegskinder und warum es so wichtig ist, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten.


Die Täterseite ist unterbelichtet
Prof. Karl Christian Führer



Die Deutschen als Kriegstäter – darüber berichten die Medien auch heute noch zu selten, meint Karl Christian Führer, Professor an der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der dortigen Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand meistens die Sicht auf die Opferseite. Und auch Deutsche fühlten sich als Opfer, denn Bombenkrieg, Hunger und Entbehrungen zehrten an ihnen. Führer hat lokale Printmedien unter die Lupe genommen: Im Interview gibt der Historiker mit dem Schwerpunkt Mediengeschichte einen Überblick über die historische Erinnerung seit den 20er Jahren. Er spricht von "Heimatkunde" und "Unterhaltung", nennt aber auch Zeiten, in denen Medien sich um historische Aufarbeitung bemühten.


Kriegskinder – in die Geschichtslücke gefallen
Hilke Lorenz



Sie verlassen nicht das Haus, ohne das Notwendigste mitzunehmen; Essen können sie nicht wegwerfen und Kriegsbilder im Fernsehen ertragen sie nur schwer: Rund 15 Millionen Menschen leben in Deutschland, die während des 2. Weltkriegs aufgewachsen sind. Angst, Tod und Hunger gehören zu ihren frühesten Kindheitserlebnissen. Doch viele haben darüber kaum gesprochen. Es gab schließlich ein Ziel: Wiederaufbau. Das hat die Journalistin und Autorin Hilke Lorenz bei den Recherchen für ihr Buch "Kriegskinder" oft gehört. Ein Opfer-Schicksal wurde dieser Generation nicht zugebilligt, angesichts deutscher Kriegsschuld. Nicht Täter, nicht Opfer – die Kriegskinder seien in eine Geschichtslücke gefallen, meint Lorenz. Mit 40 Betroffenen hat sie gesprochen: Sie wollte wissen, wie diese Generation - trotz Kriegstrauma - Deutschland wieder aufbauen konnte.


Viele Geschichten machen Geschichte
Thomas Schunck



Geschichte kann erfolgreich vermittelt werden – Thomas Schunck, Chef vom Dienst beim Flensburger Tageblatt, ist davon überzeugt. Schließlich hat das Projekt "Die Jahrhundert-Story", eine Serie von historischen Berichten zur Landesgeschichte Schleswig-Holsteins, nicht nur den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung gewonnen, sondern auch eine "Bürgerbewegung ins Rollen gebracht", so der Journalist. Der Rahmen für die Serie war breit gesteckt: Einzelschicksale und Landesgeschichte, beides kam vor. Abwechslungsreich und spannend sollte die Umsetzung sein. Viele Leserinnen und Leser konnten sich in den Geschichten wiederfinden. Schunck berichtet, warum eine ganze Region plötzlich wie versessen auf historische Themen war.



Schiller – neue Facetten des Dichters
Martin Schalhorn



Friedrich Schiller – der Name ist ein Begriff, doch gelesen wird der Dichter höchstens noch in der Schule. Was aber verbirgt sich hinter dem großen Namen? Ein politischer Dichter, großer Idealist, pathetischer Freiheitskämpfer? Die Marke Schiller ziehe noch, aber für die meisten sei es schwer geworden, Zugang zu Person und Werk Schillers zu finden, sagt Martin Schalhorn, Kurator der Ausstellung "Götterpläne und Mäusegeschäfte. Schiller 1758-1805". Im 200. Todesjahr des Dramatikers soll die Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum in Marbach andere Facetten des Dichters zeigen. Mit dem alten Schillerbild müsse radikal aufgeräumt werden, meint Schalhorn. Im Interview erklärt der Historiker weshalb.



Rätselhafte Geschichte(n)
Corinna Willführ



Geschichte ist wichtig und gehört in die Zeitung. Doch warum immer so ernst? Die Frankfurter Rundschau macht es anders: Mit rätselhaften Geschichten und einem Quiz will die Redaktion historische Personen und Ereignisse den Lesern nicht nur vorstellen, sondern sie auch zum Mitmachen animieren. Immer in den Ferien starten die "Frankfurter Geschichte(n)" mit Fragen, die es in sich haben - genauso wie die Themen Kriminalgeschichten, Katastrophen, sowie Kurioses, recherchiert von Redakteur Fred Kickhefel. Bei der Planung von historischen Themen für die Zeitung sollten Journalisten jedoch auf einiges achten. Auf welche handwerklichen Kniffe es ankommt, berichtet Corinna Willführ, Leiterin der Stadtredaktion Frankfurt.

26.- 28. Januar 2005

Redaktion: Sandra Schmid, Susanne Sitzler
Kamera: Oleg Stepanov
Schnitt: Oliver Plata

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    03. September 2010
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