Veranstaltungen: Dokumentation

4.4.2006

Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft

Internationale Konferenz zum künstlerischen und politischen Umgang mit der eigenen Geschichte in China

Revolution und begeisterter Neuanfang, weitgehende Zerstörung einer Jahrtausende alten Kultur, ideologische Gehirnwäsche, scheinbar ungebremster ökonomischer Aufschwung – welche Erinnerungen prägen die chinesische Gesellschaft angesicht derart disparater Erfahrungen? Die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis Chinas war Gegenstand eines zweitägigen internationalen Symposiums in Berlin.

China ist dabei, mehr und mehr weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Seine internationalen Verflechtungen sind weit fortgeschritten und schon ist die Rede vom 21. als dem "chinesischen" Jahrhundert. Aber Zukunft gründet auf Vergangenheit, und wenn China die Welt verändert, wandelt es sich dann auch selbst? Welches kulturelle Bewusstsein prägt das Land, und worauf beruht es? Wie geht China mit der eigenen Vergangenheit, mit seinen künstlerischen und literarischen Traditionen um?

Die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis Chinas war Gegenstand eines zweitägigen internationalen Symposiums in Berlin, das die Bundeszentrale für politische Bildung und das Haus der Kulturen der Welt (HKW) gemeinsam veranstalteten (24.-26. März 2006). Die vielfältigen Debatten bildeten den Auftakt zu der großangelegten Veranstaltungsreihe "Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft" im HKW. In acht Panels und einer Präsentation legten Künstler, Kuratoren, Schriftsteller, Journalisten, Architekten, Theaterleute, Soziologen und Sinologen aus China, Europa und Übersee im Gespräch eine gemeinsame Grundlage zur Betrachtung der kulturellen Identität Chinas.

Immer wieder ging es dabei auch um Auslöschung und Verschwinden – sei es durch Krieg, die Zerstörungen der Kulturrevolution (1966-76) oder die massiven wirtschaftlichen Veränderungen, die das Land in seiner jüngsten Geschichte erfuhr. Zahllose Kunstwerke und Gedächtnisorte sind bereits verschwunden. Oft treten neue, pseudohistorische Gebilde an ihre Stelle. Aber auch das individuelle Bewusstsein der Chinesen wurde in den politischen Kampagnen seit 1949 vielmals neu beeinflusst, wenn nicht gar totalitär gelenkt. Erst seit den Neunzigerjahren haben Künstler und Intellektuelle die Möglichkeit, sich gegen diese Vernichtungsprozesse zu stemmen.

Besonders die bildende Kunst setzte sich frühzeitig zuspitzend mit der Interpretation der chinesischen Vergangenheit und den Umbrüchen der Gegenwart auseinander. Inzwischen wird die Debatte in allen Kunstsparten und intellektuellen Disziplinen geführt. Trotzdem gibt es bei der Herausbildung eines nicht-disparaten kulturellen Gedächtnisses immer noch Schwierigkeiten. Noch existieren Tabus für die gesellschaftliche Bewusstwerdung: Bis heute verhindert die alleinherrschende Kommunistische Partei, dass im Zusammenhang der Kulturrevolution die Frage nach ihrer eigenen Verantwortung gestellt wird. Der "Großen Führer" Mao Zedong bleibt als Integrationsfigur unangetastet. Die Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 darf nach wie vor – bei strengsten Strafen – nicht thematisiert werden. Die Medien, auch das Internet, unterliegen weiterhin parteistaatlicher Kontrolle und werden instrumentalisiert, um neue ideologische Perspektiven zu eröffnen.

Trotz dieser Hindernisse wurde als Fazit aller Beiträge vor allem eines deutlich: Auch in China kommt der Neubewertung der Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart inzwischen eine Schlüsselfunktion zu. Chinas Erinnerunglücken sind dabei, sich zu schließen, auch im Austausch mit dem Ausland. Ein kulturelles Gedächtnis, das auch offene Fragen zulassen kann, formt sich heraus.


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