"Das Leben hier ist nicht leicht, aber es ist wundervoll!"
Ein Bericht über die Studienreise "Junge Gesellschaft in Israel" der Bundeszentrale für politische Bildung
8.12.2010
Zumindest ein Unterschied lässt sich jedoch ausmachen: Es ist die locker sitzende Armeeuniform, die sie tragen und das Sturmgewehr, das lässig über der Schulter hängt. Die Alltäglichkeit von Waffen und Sicherheitskräften lässt deutsche Besucher zunächst stutzen, wenn sie nach Israel kommen. Das geht auch uns so, den gut zwanzig Teilnehmenden einer Studienreise zur "Jungen Gesellschaft in Israel", veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und dem Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch ConAct. Es ist eine von inzwischen mehr als 250 durchgeführten Israel-Reisen der bpb, deren Tradition bis in das Jahr 1963 zurück reicht und von denen mittlerweile sechs im Jahr stattfinden. Dabei sollen sich die Teilnehmenden kritisch mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis auseinandersetzen und Israel und seine Vielfalt kennen lernen. Zielgruppe sind Multiplikatoren/innen der politischen Bildung, also jene, die Erlebnis und Erkenntnis weiter geben können und sollen. Die Teilnehmerzusammensetzung hängt dabei auch stets vom Thema der Reise ab und so sind die meisten von uns in ihren Zwanzigern und in der Jugendarbeit engagiert. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach den Interessen, den Konflikten und dem Alltag Israels und seiner jungen Gesellschaft sowie den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu Deutschland.
Die Reise beginnt an einem Septembertag in einem Hotel in Frankfurt am Main, mit der Vorstellung des Programms und einer Einführung in das historische und das heutige Israel. Gründungsjahr des Staates ist 1948, als die zionistische Bewegung ihr Ziel eines eigenen jüdischen Staates auf dem britischen Mandatsgebiet Palästina verwirklichen kann. Der Zionismus, eine Bewegung europäischer Juden, trat – auch im Sinne des damaligen europäischen Nationalismus – für eine Zusammenführung der über die ganze Welt verstreuten Juden ein. Denn selbst säkulare und national orientierte Juden hatten in Europa keine Gleichberechtigung erreicht, sie wurden gesellschaftlich nicht akzeptiert und waren stets eine Minderheit. So wollten sie die Normalisierung ihrer Situation durch Gründung eines eigenen Staates und eines neuen Ideals, der Schaffung eines "neuen Juden", erreichen. Der Zionismus sollte die Juden zurück in ihr biblisches Ursprungsland führen, das vielen (ungeachtet der einheimischen palästinensischen Bevölkerung) im frühen 20. Jahrhundert als "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" galt.
Am nächsten Morgen verlassen wir das regnerische und kühle Deutschland und besteigen das Flugzeug Richtung Tel Aviv. Viele von uns sind ehrenamtlich in einer Jugendorganisation tätig, andere beruflich. Einige streben das Einrichten eines Jugendaustausches zwischen Israel und Deutschland an. Für viele geht es zum ersten Mal nach Israel, manche hatten aber auch schon früher Gelegenheit, in das Land zu reisen. Alle jedoch sind gespannt auf die folgenden zwölf Tage und das umfangreiche Programm, das vor uns liegt.
Israel, das wird schon in den ersten Vorträgen und Gesprächen der Reise deutlich, ist vielseitig und komplex. Unter den gut sieben Millionen Einwohnern des etwa Hessen-großen Landes sind Menschen unterschiedlicher Ethnien und verschiedenster Herkunft. Hier treffen Nachfahren der zionistischen Staatsgründer, Überlebende des Holocaust und deren Kinder, jüdische Einwanderer aus Äthiopien und der ehemaligen Sowjetunion, Juden aus den arabischen Ländern, muslimische Beduinen und Araber, die dem Islam oder Christentum angehören, aufeinander. Es lassen sich Unterscheidungen bezüglich der Religiosität, der Position im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern oder der Einstellung zum israelischen Staat feststellen. Und jede Gruppe kann ihrerseits unterteilt werden. Israel ist multi-ethnisch und multi-kulturell und auch durch diese Vielfalt ist das Land so interessant. "Was macht also einen Israeli aus?", fragen wir uns, als wir die Sicherheitsschleusen des Flughafens von Tel Aviv passieren und Menschenmassen an uns vorbei strömen. Eine Antwort haben wir noch nicht.
Jeder Israeli besitzt seine eigene, sehr persönliche Geschichte
Als wir aus dem Flughafengebäude treten, empfängt uns Israel mit Hitze und Schwüle. Auf der Fahrt zum Hotel lassen wir die Landschaft auf uns wirken. Karg ist sie, viel Sand und Geröll. Dazwischen immer wieder Palmen. Hier, nahe der Küste, ist das Land recht flach. Später, wenn wir unsere Reise in Richtung Nordosten fortsetzen, werden wir feststellen, wie hügelig und bergig Israel auch sein kann, wie verhältnismäßig fruchtbar in der Nähe des Jordans, wie wüst im Landesinneren. Und ebenso findet sich auch unter den Menschen eine große Vielfalt auf kleinem Raum, wie wir nach einigen Begegnungen feststellen können.
Einer dieser Menschen ist Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Außenhandelskammer, der auch lange Zeit in Deutschland gelebt hat. Er definiert für das heutige Israel vier relevante Konfliktpaare. Zunächst eines zwischen jüdischer und nicht- jüdischer Bevölkerung, das heißt vor allem muslimische Araber, die etwa zwanzig Prozent der Gesamteinwohnerzahl ausmachen. Innerhalb der jüdischen Bevölkerung gibt es eine sozioökonomische Spaltung zwischen ursprünglich europäischen Juden und orientalischen; letztere werden eher benachteiligt und sind meist in einer schlechteren Lebenslage. Zudem wächst der Konflikt zwischen weltlichen und religiösen Juden. Schließlich gibt es auch noch Spannungen zwischen denen, deren Familien schon lange in Israel leben, und jenen, die erst vor kurzem hierher kamen. Dabei bedeutet eine gemeinsame Position zweier Israelis bei einem der Konfliktpaare keinesfalls eine Übereinstimmung bei einem anderen. Die eigene Position und Identität erklärt sich aus persönlichen Einstellungen, aber auch der Biographie eines jeden.
Am gleichen Tag lernen wir auch Anita Haviv kennen, die die Reisen der bpb auf israelischer Seite organisiert. Sie wurde 1960 in Wien geboren, ihre Eltern sind Holocaust-Überlebende. Als junge Frau entschloss sie sich, alleine nach Israel auszuwandern und gründete hier schließlich eine Familie. Der Wunsch der Juden, so sagt sie, sei gewesen, in einem eigenen Staat zu leben und nie mehr eine – tolerierte oder nicht tolerierte – Minderheit zu sein: "Die Freiheit ist, sich Zuhause zu fühlen". Shira, die 24jährige Jurastudentin, die neben Anita sitzt, wurde in Israel geboren und fühlt sich ganz als Israelin, wenn auch ihre Familie aus Ägypten, Polen und den USA stammt und sie neben dem israelischen auch einen US-amerikanischen Pass besitzt. Sie schätzt es, dass man in Israel jüdisch sein kann, ohne "sich um sein Jüdisch-Sein zu kümmern". Ein weiterer Israeli ergänzt den Kreis, in dem wir sitzen. Der 25 Jahre alte Shai hat marokkanische Eltern, die 1961 nach Israel flohen. Nach Marokko möchte er nicht zurückkehren und ebenso wenig in andere Länder ziehen, von denen er schon viele bereist hat. Auch er empfindet Israel als seine Heimat.
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