Veranstaltungen: Dokumentation

Das flexible Geschlecht

Bericht zum Forum 6: Neue Räume, alte Grenzen? - Gender in der Migrationsgesellschaft

17.11.2010
Bericht zum Forum 6: Neue Räume, alte Grenzen? - Gender in der Migrationsgesellschaft.

Unter der Moderation von Miriam Lau, Journalistin (DIE ZEIT) diskutierten Sharon Otoo Autorin und Blacktivistin; Tülin Duman, Geschäftsfühererin von GLADT e.V. ; Gabriele Dietze, Humboldt-Universität zu Berlin sowie Lamya Kaddor, Religionspädagogin und Autorin, über Neue Räume, alte Grenzen? – Gender in der Migrationsgesellschaft.

Sharon Otoo begann mit einem Inputreferat über "Die drei Lügen, die sich das weiße Deutschland erzählt". An drei exemplarischen Beispielen,
  • der Mord von Marwa el-Sherbini, Sommer 2009,
  • das berüchtigte Wahlplakat von den Grünen in Kaarst, Sommer 2009,
  • die WM der Männer in Südafrika, Sommer 2010,
erläuterte sie wie sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft als eine weiße deutsche Gesellschaft konstituiert, die sich über die Markierung des Anderen herstellt und gesellschaftliche Normierungen als Faktor von Diskriminierung und Ungleichbehandlung ausblendet.

Sharon Otoo beschrieb den Zusammenhang von Rassismus und Sexismus und die Bedingungen der Möglichkeiten von rassistischer Diskriminierung: Die Norm ist weiß und männlich, die Abweichung Schwarz und weiblich.

Hinsichtlich der Diskussion um Migration und Integration stellte Sharon Otoo fest, dass es dabei um Normierungen geht, die einer wirkungsvollen Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik im Wege stehen. Wenn Frauen of Color in Deutschland wirklich von Bedeutung wären und eine Stimme hätten, wäre der Begriff Migrant_in sicherlich unbrauchbar. Nicht alle Migrant_innen sind sichtbar "anders" und nicht alle, die "nicht weiß" aussehen, sind Migrantinnen und Migranten. Dies fasste Sharon Otoo am Ende ihres Vortrags noch einmal kurz und zutreffend zusammen: "Wir Deutschen sind diverser als manche Deutsche uns wahrhaben möchten."

Im Anschluss an das Inputreferat entspann sich eine äußert lebhaft geführte Diskussion rund um die Fragen der Darstellungen migrantischer/muslimischer Frauen in der medialen und politischen Öffentlichkeit. Am Beispiel von Minderheitenrechten wurde die Verschiebung hin zu einem nichteuropäischen, nichtdeutschen Problem kritisch diskutiert. Ebenso kritisch diskutiert wurde das Postulat, dass die Gleichberechtigung von Frauen und der Schutz vor Diskriminierung von Homosexuellen als Errungenschaft der weißen deutschen Gesellschaft verhandelt wird, die als durchgesetzt gilt, und gleichzeitig die Konstruktion einer migrantischen/muslimischen Minderheit, der in diesen Fragen Defizite unterstellt werden.

Worin sich alle einig waren ist, dass der Diskurs um die sogenannte "Frauenfrage" auf muslimische Frauen reduziert wird. Das Bild, das von muslimischen Frauen in der Öffentlichkeit und der Politik gezeichnet wird, wird überwiegend mit Attributen wie mangelnde Integration, Kopftuch als Symbol weiblicher Unterdrückung sowie religiöser Andersheit assoziiert. Alle Panelteilnehmer_innen betonten im Laufe des Diskussion die Wichtigkeit, genau danach zu fragen wer in der politischen Debatte über wen spricht, aus welcher Perspektive und mit welcher Absicht gesprochen wird. Gabriele Dietze fragte, zu welcher Zeit werden von wem Fragen zu Integration auf die politische Agenda gesetzt? Welche Probleme werden in den Mittelpunkt gestellt? Und ob mit dieser Debatte nicht ein deutsches Emanzipationsdefizit über Gender und Integration verhandelt wird und wie die Gleichsetzung von Islam mit Kopftuch und Patriarchat Whitness bzw. Okzidentalismus konstruieren?

An dieser Stelle stellte Gabriele Dietze ihren Begriff des Okzidentalismus vor. Okzidentalismus ist ein kritischer Begriff, der, nach Gabiele Dietze, das Bewusstsein von "Biodeutschen" gegenüber der neuen Migration und Menschen mit Migrationshintergrund beschreibt. Die Entwicklung des Begriffs beschreibt Gabriele Dietze wie folgt: Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus fiel ein konstitutives Außen weg und es brauchte eine Neudefinition. Heute definiert sich dieser Grenzverlauf zwischen Orientalismus und Okzidentalismus. Die Selbstvergewisserung einer europäischen, weißen Identität erfolgt, so Dietze, über die Abgrenzung gegen ein orientalisches Außen ("Terrorismusfigur") und gegen "muslimische Migrant_innen" nach innen.

Tülin Duman stellte die Frage in den Mittelpunkt, ob Sexismus und Homophobie importierte Probleme seien? Und beantwortet sie mit einem eindeutigen Nein. Wie von Gabriele Dietze schon angesprochen, werden Sexismus und Homophobie kulturalisiert und ethnisiert. "Migrant_innen" und "Muslim_innen" werden als nicht bzw. vorzivilisiert markiert und zu Hauptproblemträger_innen von Homo- und Trans*feindlichkeit erklärt, so Duman.

Der Mehrheitsgesellschaft wird demgegenüber eine stillschweigende Emanzipation und Aufgeklärtheit unterstellt, und sie wird zur Norm erklärt. Um die Diskussion voranzubringen ist es, so Frau Duman, notwendig, eine intersektionale Perspektive in den Blick zu nehmen.

Die verschiedenen Diskriminierungsformen existieren nicht unabhängig voneinander, sondern sind miteinander verwoben und können sich gegenseitig verstärken, und immer wieder neue, andere Handlungsspielräume eröffnen oder verengen.

Daran schloss sich die Frage an, ob es "Okay sei, über Minderheiten zu sprechen?" (Mariam Lau), gerade auch, wenn es um "Homofeindliche Einstellungen von Muslim_innen" gehe. Auch auf diese Frage antworteten alle vier Panelnteilnehmner_innen dass es immer darauf ankomme, welche Absichten mit bestimmten Fragestellungen und Themensetzungen verbunden seien. Als sehr problematisch wurde hier bezeichnet , dass dies immer mit einer Konstruktion von Gruppen einhergehe, denen bestimmte Werte, Normen und Handlungen pauschalisiert zugeschrieben werden. Konflikte werden so kulturalisiert und nicht aus einer mehrdimensionalen Perspektive betrachtet, wie auch mehrere Rednerinnen der sich anschließenden Diskussion hervorhoben. Sharon Otoo betonte in diesem Zusammenhang, das es im medialen, politischen, öffentlichen und auch wissenschaftlichen Diskurs um Minderheiten, immer um die Konstruktion von Schwarz, Muslimisch und unbenanntem weißsein geht.

Tülin Duman merkte hier auch kritisch die Hierarchsierung und Instrumentalisierung von Zugehörigkeiten an. Die Anerkennung von Mehrfachzugehörigkeit sei ein elementarer Baustein für den Abbau von Diskriminierung und Ungleichbehandlung. So, wie der Diskurs zur Zeit geführt werde, ziele er auf Exklusion ab. Vereinheitlichte Vorstellungen von "den" Deutschen, "den" Migrant_innen oder "den" Muslim_innen sind in einer Debatte nicht sehr hilfreich wenn es um gesellschaftliche Emanzipation gehe, so Duman.

Frau Duman, Frau Kadoor, Frau Dietze und Frau Otoo betonten mehrfach, dass der aktuelle Diskurs den problematischen Gegensatz der abendländischen, westlichen Kultur gegen das unkultivierte Andere reproduziert. Er zementiere so den Gegensatz zwischen einem nichtweißen, weiblichen Objekt und dem weißen, männlichen Subjekt und dies sei zu kritisieren.

An die Ausführungen der Teilnehmer_innen des Podium schloss sich eine nicht minder lebhaft und kontrovers geführte Diskussion mit dem Publikum an.

Im Zentrum der Diskussion standen die Fragen, ob über Migrant_innen geredet werden darf und wer darüber reden darf.

Die Meinungen und Statements aus dem Publikum waren so different wie auf dem Podium. Halina Bendkowski vetrat die Meinung, dass es notwendig ist, über Probleme zu sprechen, und zwar gerade in der eigenen Community. Sie forderte dazu auf, sich mit der eigenen Herkunftskultur aus feministischer Sicht kritisch auseinander zusetzen. Für Bendkowski ist eine Identitätspolitik wichtig, um bestehende Machtverhältnisse im Kampf für die Freiheit von Frauen erfolgreich zu verschieben.

Regina Stolzenberg unterstütze diese Position, indem sie darauf verwies, dass die Frage danach, wer diese Debatte führen kann, an sich falsch sei. Hauptsache sei doch, dass die Debatte überhaupt geführt wird und es die Möglichkeit gibt, dass sich "Migrant_innen" zu Wort melden können.

Tülin Duman widersprach diesen Einschätzungen vehement und wies wies die Zugschreibungen an ihre Person und die Unterstellung des nicht politisch Handels zurück. Sie machte nochmals deutlich, dass es nicht darum gehe, nicht kritisch in die eigene Community zu intervenieren, sondern darum, in welchem Kontext dies passiert und welche Zuschreibungen damit verbunden seien. Sie lehnte das angeheftete Label Expertin einer Subkultur als rassistische Zuschreibung ab. Identitätspolitik, die diskriminiert und rassistische Stereotype reproduziert, kann nicht Grundlage eine gleichberechtigten Diskussion sein, betonte Duman.

Weitere Kritik an der Konstruktion von Identität äußerte Sonia Baldessarini, indem sie zu bedenken gab, dass schon die Positionierung im Raum dieses Forums machtvolle Positionen herstellte. Die Anordnung des Podiums im Verhältnis zum Publikum stellte eine übergeordnete Position da, die identifiziert und diskursiv dekonstruiert werden müsse, um alle gleichberechtigt partizipieren zu lassen.

Rebecca Brückmann verwies darauf, dass es nicht darum gehen kann, den Mythos eines feministischen "Universalismus" zu reproduzieren und widersprach damit Halina Bendkowski. Feministischer Universalismus begreift die weiße deutsche Mittelstandsfrau_en als Allgemein und überhöre andere Stimmen. Daraus resultiert eine künstliche Differenz – "...die, mit verlaub, auch durch die Fragen der Moderatorin reproduziert wurden." (Zitat Rebecca Brückmann) - zwischen Identitätspolitik und universellen Rechten. Dies sei nicht neu und erzeuge immer wieder neue Herausforderungen. Fakt sei aber, das sich in privilegierten Positionen immer weiße deutsche Frauen aus der Mittelschicht befinden und diese "...sollten mal die Klappe halten und den anderen zuhören." (Zitat Rebecca Brückmann). Nur so könne eine gemeinsame, gleichberechtigte Politik gemacht werden.

Auch hier wurde nochmal gefordert eine intersektionale Perspektive nicht zu vernachlässigen, sozioökonomische Fragestellungen aufzunehmen und nicht nur Gender in den Fokus zu nehmen um zu einer gemeinsamen Emanzipation zu kommen.

Auch Uta Schirmer kritisierte die Debatte um Integration und bedankte sich beim Podium dafür, dass der Rahmen dieser Debatte zurückgewiesen wurde. Die latente Anwesenheit der Annahme "...Haben wir nun ein Problem mit den Anderen und deren Geschlechterverhältnissen oder nicht? Ist da nun was dran oder nicht?... und wer soll und wie soll die Debatte geführt werden" verhindere genau die Diskussion, so Schirmer. Sie betonte, das sie Sarrazin im Gegensatz zu vielen medialen Kommentator_innenn, explizit nicht dankbar ist für die Eröffnung der medialen Debatte, weil diese Debatte nicht produktiv sei, sondern genau das Gegenteil bewirke: Sie mache die Räume kleiner, die zur Verfügung stehen, um von verschiedenen Minoritätspositionen aus Machtverhältnisse und deren Verschränkungen zu diskutieren. Die Debatte muss aus Sicht von Uta Schirmer andersherum geführt werden. Es muss von einer Grundzugehörigkeit aller Menschen zur Gesellschaft ausgegangen werden und dann können wir eine Gesellschaft gestalten, an der alle gleichberechtigt partizipieren können.

Kritisch angemerkt wurde die Verdrehung der Redestruktur im Forum. Die Frage danach, wer kommuniziert nicht mit wem wurde nach Ansicht einiger Diskussionsteilnehmer_innen auf den Kopf gestellt mit der Unterstellung, dass die Redner_innen auf dem Podium die Frage "Darf man darüber reden" tabuisieren. Sich nicht instrumentalisieren zu lassen und lieber zu schweigen ist eine wichtige politische Position und kein Abbruch der Kommunikation, so die Redner_in. Dieses Handeln ist eher ein Hinweis darauf, das auf der anderen Seite versucht wird zu instrumentalisieren. Hier zeige sich strukturelle Gewalt in der Herstellung von Majoritätspositionen und die Frage "...ob man das jetzt nun darf oder nicht" (tabuisieren) zeigt einen klassischen Umgang mit Minderheitenpositionen. Die Möglichkeit Macht zu- oder abzusprechen sich zu äußern, setzt eine Machtposition voraus, die ein gleichberechtigtes Sprechen unmöglich macht.

Diese Forum hat gezeigt, wie wichtig es ist darüber zu reden, wie in die Debatte um Integration und Migration interveniert werden kann um die Räume für kritische Diskussionen größer zu machen bzw. zurückzugewinnen. Das es darum gehen muss Konflikte nicht zu kulturalisieren und zu ethnisieren und "Die drei Lügen, die sich das weiße Deutschland erzählt" anzuerkennen, zu diskutieren und von dieser Position aus in die Debatte zu gehen.

Bericht: Petra Rost



 

Reader: Das flexible Geschlecht in seiner Vielfalt

Der Online-Reader "Das flexible Geschlecht in seiner Vielfalt“ ist die Begleitpublikation der internationalen Konferenz "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie". Die Artikel erweitern und reflektieren in der Retrospektive, unter Berücksichtigung der Diskussionen, die Themenschwerpunkte der Konferenz.

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Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung dokumentierte das Missy Magazine den Kongress "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie". Weiter...