Veranstaltungen: Dokumentation

17.11.2010

Das flexible Geschlecht

Bericht zum Forum 11: "Eine Liebe wie Buchhaltung: Romantische Beziehungen im Konsumzeitalter"

Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat auch unsere Gefühle erreicht: Experten/innen diagnostizieren die Abkehr von der Liebesheirat und eine Zunahme der Partnerwahl unter rein pragmatischen Gesichtspunkten. Wie hängen Lebensformen und Einkommensniveau zusammen? Unterscheiden sich homosexuelle Paare an diesem Punkt von heterosexuellen? Warum werden nur binationale Ehen auf Romantik geprüft und als "Scheinehen" kriminalisiert? Eine Diskussion zu den neuen Grenzen und offenen Märkten für Liebe und Begehren.

Das Forum 11 ging dem Ideal der romantischen Liebe, Formen von Partner_innensuche sowie der Aktualität der Institution Ehe in gegenwärtigen westlichen (europäischen) Gesellschaften nach. Die in London lebende Journalistin Mercedes Bunz, die das Panel moderierte, eröffnete dieses thematische Spektrum mit der These, dass seit einigen Jahrzehnten eine erneute Naturalisierung der romantischen Beziehung zu beobachten sei. Während Partnerschaft und Liebe im Zuge der 68er Bewegung Gegenstand politischer Debatten waren, gelte die (meist als heterosexuell gedachte) romantische Paarbeziehung derzeit wieder als unhinterfragbar und als die für alle anzustrebende Lebensform. Anliegen dieses Panels sei es hingegen, diese Vorstellung zu irritieren und gesellschaftlich hegemoniale Modelle von Beziehungen zu konterkarieren. In Anlehnung an den Vortrag von Eva Illouz argumentierte sie, dass Emotionen gerade nicht vor-sozial seien, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Figurationen und kultureller Normen. Zu dem Anliegen, Liebe als vermeintlich natürliches Phänomen zu dekonstruieren, trug auch ein Interviewausschnitt mit Niklas Luhmann bei, der zu Beginn des Panels gezeigt wurde: In Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität historisiert der Soziologe die Idee der Liebe als kulturelles Phänomen der Moderne und sucht nach den von ihr ausgehenden "kulturellen Imperativen". Ausgehend von diesem Befund wurde in Panel 11 die Frage nach aktuellen Vorstellungen und Praxen von Liebe, Ehe und Paarbeziehungen gefragt.

Im ersten Vortrag präsentierte der Familien- und Partnerschaftssoziologe Bastian Schwithal einige Zahlen und Fakten, die einen Eindruck gegenwärtiger Lebensformen in Deutschland und Europa vermittelten Lässt man die Statistik sprechen, so drängt sich die Vermutung auf, dass die Ehe für Europäer_innen zunehmend an Attraktivität verliert. Im Jahr 2008 ist die Zahl der Hochzeiten in den 27 EU-Mitgliedsstaaten auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Statistik im Jahr 1964 gesunken. Während 1950 750.000 Ehen in Deutschland geschlossen wurden, waren es 1970 nur 575.000 und 2009 nur noch 376.000 Paarbeziehungen, die sich für den Ehestand entschlossen. Offensichtlich wollen immer weniger Menschen ihre Partnerschaft vom Staat anerkennen lassen – in 40% aller Haushalte in Deutschland leben Alleinstehende, also Unverheiratete, die insbesondere der Altersgruppe der 25-45jährigen angehören. (60% aller Erwachsenen, also über die Hälfte, leben jedoch in einer Ehe, davon 60% seit mindestens 45 Jahren.) Schwithal argumentierte jedoch, dass im starken Gegensatz zu diesen Zahlen die Lebensform Ehe auch heute noch ein hohes Ansehen genieße und zog hierzu Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Allensbach heran: Zwar lebe nur noch jeder Zweite in einer Ehe, dennoch widersprächen 70% der Westdeutschen und zwei Drittel der Ostdeutschen der Aussage, dass diese Institution veraltet sei. Jede_r zweite Ledige, der eine_n Partner_in hat, strebe die Hochzeit an. Allerdings werde auch jede zweite Ehe wieder geschieden.

Im Folgenden skizzierte Schwithal nochmals den Unterschied zwischen der kulturellen Vorstellung der romantischen Liebe und der Institution Ehe: Romantische Liebe birgt die Anforderung an nicht aufhörende Leidenschaft, ein erfülltes Sexualleben, Selbstverwirklichung und eine gleichberechtigte Aufteilung aller Arbeiten. Das Konzept der wahren Liebe impliziere Schicksalhaftigkeit, das "Füreinander-bestimmt-sein" und ein Happy End – wie in zahlreichen massenkulturellen Produkten vorgeführt wird auch über alle gesellschaftlichen Widrigkeiten hinweg. Die Ehe hingegen ist ein Vertragsverhältnis, das das Einhalten fester Regeln erwartet und, ökonomisch betrachtet, eine Organisation zweier autonomer geschäftsfähiger Individuen, die zwecks Maximierung ihrer individuellen Gewinne in einem geregelten Austauschverhältnis miteinander stehen. Die Bedeutung der Ökonomie für die Ehe wird auch durch Statistiken belegt, die zeigen, dass 60% der Eheschließungen in der gleichen Schicht stattfinden – wobei heterosexuell lebende Männer tendenziell eher auch in untere Schichten heiraten und heterosexuell lebende Frauen eher Partner in höheren Schichten suchen, was für das latente Weiterwirken traditioneller Geschlechternormen spricht. (Die Verlierer_innen auf dem Heiratsmarkt seien entsprechend hochqualifizierte Frauen und unterqualifizierte Männer.) Viele Ehen, so Schwithal, scheiterten an dem Auseinanderfallen von romantischen Vorstellungen von Liebe und der Erfahrung der alltäglichen Praxis. Mit der Liebesehe, die erst seit dem 20. Jahrhundert als kulturelles Leitmodell existiert, wird zusammengedacht, was eigentlich im Widerspruch zueinander steht: Die Ehe hat im Gegensatz zur Liebe ein rationales Fundament. Sie wird in der Regel bewusst, willentlich und vorausschauend eingegangen. Die Schicksalhaftigkeit der Idee der romantischen Liebe steht dem entgegen: Liebe lässt sich nicht institutionalisieren. So komme es in der Realität und in ursprünglich aus Liebe geschlossenen Ehen zu einer notwendigen Aushandlung dieser Widersprüche, die nicht immer glimpflich verläuft.

Dennoch vertrat der Referent die These, dass eine Ehe ohne Liebe nicht bestehen könne. Eine erfolgreiche Vernunftehe setze vernünftigerweise auch auf die Liebe. Als Beleg für seine These zitierte Schwithal eine jüngere Forschung, die herausgefunden habe, dass frisch Verliebte ähnliche Hirnaktivitäten aufweisen wie langjährig Verheiratete. Abschließend ging Schwithal noch auf Geschlechterstereotype ein: Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, dass Männer und Frauen unterschiedliche Vorstellungen von Liebesbeziehungen hätten, zeigten verschiedene Studien (u.a. eine Brigitte Studie), dass die Erwartungen an eine Partnerschaft sich bei beiden Geschlechter stark angleiche. Dennoch seien die Vorstellungen des Zusammenlebens, die beispielsweise die egalitäre Aufteilung von Reproduktionsarbeit enthielten, faktisch oftmals schwer einzuhalten. Fehlende gesellschaftliche Rahmenbedingungen, so wie die mangelnde Infrastruktur zur Kinderbetreuung, verhindern die Realisierung einer gleichberechtigten Partnerschaft. Dennoch, so Schwithals Fazit, sei die Paarbeziehung weiterhin ein tragfähiges Modell, denn nur im partnerschaftlichen Miteinander könnten die Herausforderungen des Lebens geschultert werden.

In der anschließenden Diskussion wurden nach einigen Verständnisfragen auch kritische Nachfragen gestellt, die beispielsweise den Zusammenhang von Ehe und Patriarchat sowie jenen von Ehe und Staat betrafen. Weiterhin wurde festgestellt, dass die Ehe als Institution bürgerlich kapitalistischer Gesellschaften von jeher garantiert hat, dass die in den allermeisten Fällen von Frauen geleistete reproduktive und affektive Arbeit unsichtbar gemacht und nicht entlohnt wurde. Zudem wurde für eine Erweiterung des heteronormativen Blicks auf Partnerschaft und Ehe plädiert: "Wieso bezieht sich die romantische Liebe immer auf heterosexuelle Paare?", so fragte eine Diskutantin. Anknüpfend an den Vortrag von Bastian Schwithal und die Thesen von Eva Illouz betonte Mercedes Bunz abermals den neuen strukturellen Sexismus, der in der marktförmigen Organisation der heterosexuellen Partner_innensuche angelegt sei: Frauen, die eine (biologische) Elternschaft anstreben, haben in der Regel weniger Zeit für die Partner_innensuche. Die normativen Anforderungen an Weiblichkeit, die neben der Berufstätigkeit weiterhin die Verwirklichung der Frau in der Mutterschaft suggerieren, führen zu einem immensen Druck auf Frauen, die in kurzer Zeit "den Richtigen" finden müssen, um diese verschiedenen Anforderungen auch erfüllen zu können. Leider gebe es in Deutschland, anders als in England, weniger alternative Modelle der Organisation verschiedener Lebenswünsche – beispielsweise Hausprojekte oder Lebensräume, in denen alleinstehende oder verpartnerte Frauen gemeinsam die Erziehung von Kindern organisieren.


Reader: Das flexible Geschlecht in seiner Vielfalt

Der Online-Reader "Das flexible Geschlecht in seiner Vielfalt“ ist die Begleitpublikation der internationalen Konferenz "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie". Die Artikel erweitern und reflektieren in der Retrospektive, unter Berücksichtigung der Diskussionen, die Themenschwerpunkte der Konferenz.

Mehr lesen

Blog: Das flexible Geschlecht

Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung dokumentierte das Missy Magazine den Kongress "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie".

Mehr lesen auf genderkongress.blogspot.de