Veranstaltungen: Dokumentation
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V. Zukunftsforum Islam

Protokoll zum Themenblock III: Felder gesellschaftlicher Arbeit: Praxisforum - Ausgewählte Akteure und ihre Modelle

29.7.2010
Protokollant: Samy Charchira

Panel 1


Nach kurzer Einleitung durch Abdul Ahmad Rashid (Moderator) stellte Frau Yilmaz, die Bildungs- und Dialogbeauftragte der Merkez-Moschee in Duisburg, ihre Einrichtung vor.

Die Merkez-Moschee ist eine ehemalige Zechenkantine, die zur größten Moschee Deutschlands umgebaut wurde, mit dem Anspruch eine Bildungs- und Begegnungsstätte zu sein, um den christlich-islamischen Dialog zu fördern. Schon in der Bauphase wurde verstärkt auf Transparenz und Dialogbereitschaft gesetzt. Diese Dialogbereitschaft der Duisburger Gemeinden sowie die Unterstützung der Stadt Duisburg schafften ein Klima von Vertrauen und Respekt, das zum Erfolg des Projektes beitrug. Schon in der Bauphase interessierten sich über 60.000 Menschen für das Projekt. Seit Eröffnung haben schon über 50.000 Menschen die Merkez-Moschee besucht. Wöchentlich melden sich ca. 2.000 Menschen für Besichtigungen an. Die Einrichtung erfährt eine gute Resonanz und stellt ein anderes Bild des Islam dar, über den die Besucher erfreut und überrascht sind. Die Merkez-Moschee wird mit einem EU-Zuschuß von über 3 Millionen Euro gefördert. Sie ist nicht nur ein Gebetszentrum, sondern ebenso eine Bildungs- und Begegnungsstätte mit einem entsprechenden Programm. Außerdem ist sie Träger von Jugendarbeit, Zivildienststelle und Integrationsagentur. Ein Antrag auf Anerkennung als Bildungswerk wurde bereits gestellt.
(»www.ditib-du.de«)

Unmittelbar danach hat Daniel Mouratidis, Vorstandsmitglied des Kreisjugendrings Rems-Murr (KjR) seine Einrichtung vorgestellt. Der KjR ist ein Netzwerk der verbandlichen Jugendarbeit und Interessenvertreter der Jugend im Kreis Rems-Murr (Nähe Stuttgart). Der KjR hat sich in den letzten Jahren einem interkulturellen Öffnungsprozess unterzogen und hat nun eine Reihe von muslimischen Jugendorganisationen in ihre Arbeit mit eingebunden. Voraus gegangen ist ein dreigliedriger Prozess, in dem der Kreisjugendring zunächst einmal einen nach innen gerichteten Dialog zum Thema interkulturelle Öffnung unterzogen hat, mit dem Bewusstsein, dass dies auch eine Neuverteilung von Ressourcen bedeuten muss. Am Ende stand ein interkultureller Selbstcheck, um die Unterpräsentierung von migrantischen Jugendlichen in der eigenen Verbandsstruktur deutlich zu machen. In einer zweiten Phasen betreibt der Kreisjugendring intensive Vernetzungsarbeit mit migrantischen Jugendlichen und Vereinen über einzelne Projekte, Internetforen und lokalen Integrationsplänen. Damit hat der KjR die traditionellen Jugendverbandsstrukturen aufgebrochen und Raum für eine Reihe von gesellschaftsrelevanten Themenstellungen, wie die Rolle des Islam unter den muslimischen Jugendlichen, Integration und soziale Arbeit, ... etc. geschaffen. Zur Zeit befindet sich der KjR in der dritten Phase, bei dem ein Aufbau von qualifizierter verbandlicher Jugendarbeit in Kooperation mit der türkisch stämmigen MSO versucht wird. Wichtiger Partner für den KjR ist hier die DiTiB, wobei hier gemeinsam eine professionelle Jugendarbeit zu institutionalisieren angestrebt wird.
(»www.jugendarbeit-rm.de«)

Als dritte Organisation im Panel wurde der Grüne Halbmond e. V. (GHM) vorgestellt. Der GHM ist Träger der sozialen Arbeit und möchte durch seine Arbeit die sprachlichen, kulturellen und religiösen Bedürfnisse vieler Muslime in Anspruchnahme von sozialen Dienstleistungen für eine effektive und nachhaltige soziale Arbeit berücksichtigen. Der GHM versteht sich als wertvolle Ergänzung zur bestehenden sozialen Infrastruktur und verfolgt einen ganz einheitlichen Ansatz in seiner Arbeit. Die angebotenen Dienstleistungen erstrecken sich von ambulanter Pflege über erziehungs- und bildungsorientierter Elternarbeit bis hin zur Familien- und Erziehungsberatung. Der GHM widmet sich in seiner Arbeit dem gesamten Spektrum der sozialen Arbeit und zählt die staatlichen und konfessionellen Träger sozialer Arbeit zu seinen Kooperationspartnern. Der GHM hat keinerlei missionarische Absichten und richtet sich nicht nur ausschließlich an Muslime.
(»www.ghmev.de«)

Als letzte Organisation im Panel wurde schließlich die Lichtjugend – Muslime gegen Gewalt von Chalid Dormusch vorgestellt.

Die Lichtjugend ist eine Bildungsinitiative, die sich 2003 mit dem Ziel, die Integration der ausländischen/migrantischen/muslimischen Community sowie den interkulturellen und interreligiösen Dialog zu fördern, gegründet hat. Die Organisation richtet sich an muslimische Jugendliche und versucht eine positive Botschaft "des Lichtes" (Risalat a Nur) zu transportieren, die zu einer Selbsthinterfragung und somit zu einer erfolgreichen Mündigkeit bei den Jugendlichen führen soll. Dabei setzt sie auf "gefühlte authentische" Vorbilder aus der muslimischen Community. Die Lichtjugend ist politisch neutral, transparent und fördert das gegenseitige Einvernehmen. Sie arbeitet mit Jugendlichen in Schulen, Lehrern, Multiplikatoren, Polizei und anderen Akteuren. Einer ihrer primären Zielgruppen sind muslimische Jugendliche in Gefängnissen. Dort leistet sie seit 2003 eine islamische Gefängnisseelsorge. Die Lichtjugend setzt aber auch eine Reihe von anderen Projekten um, wie z. B. Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer, Aufklärung und Antigewaltseminare an Schulen, Anti-Raub- und Gewalt-Projekte, Moscheeführungen, ... etc.
(»www.lichtjugend.de«)

Die erste Diskussionsrunde wurde eingeleitet mit einer Reihe von Fragen an die Vertreterin der Merkezmoschee im Hinblick auf die in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Konflikte innerhalb der Merkez-Moschee. Dort wurde ein neuer Vorstand gewählt, der mehr Einflussmöglichkeiten für sich beansprucht, wo auch bereits die ersten Kündigungen ausgesprochen wurden. Frau Yilmaz hat alle Fragen hierzu offen und transparent beantwortet. Sie hat von den Problemstellungen und den neuen Herausforderungen erzählt, mit denen ihre Kollegen und sie tagtäglich konfrontiert werden. Andere Fragen bezogen sich auf die Mehrsprachigkeit der Freitags-"Khotba". Zwar hat Frau Yilmaz versichert, dass die Khotba stets zweisprachig erfolgt (türkisch/arabisch), doch einige Teilnehmer haben bemerkt, dass hier mit Zweisprachigkeit natürlich deutsch gemeint ist, da sich das Arabische zwangsläufig aus Rezitationen ergibt. Frau Yilmaz hat erklärt, dass es künftig eine KhotbaÜbersetzung in deutsch geben wird, die man auch im Internet downloaden kann. Doch schon heute ist die Arbeitssprache in der Merkez-Moschee deutsch.

Fragen an den Vertreter des Kreisjugendrings Rems-Murr konzentrierten sich auf den sicherheitspolitischen Aspekt und zielten auf Umgangsform und Kooperation mit Sicherheitsorganen wie dem Verfassungsschutz ab. Herr Mouratidis versicherte, dass hier ein Dialog aufrecht erhalten wird. Eine kleine Diskussionsdebatte entfachte über die Unabhängigkeit einer muslimischen Organisation der Wohlfahrtspflege am Beispiel des Grünen Halbmondes. Hier wurde kritisiert, dass Muslime stets eigene Organisationen gründen wollen, teilweise mit einer unmittelbaren konfessionellen Assoziation statt in vorhandene Strukturen eigene Akzente zu setzen. Damit würde man nur eine Segregation begünstigen, bemängelten einige Teilnehmer. Dagegen finden andere Teilnehmer/innen, dass ein Verein wie der Grüne Halbmond eine optimale Ergänzung zu vorhandenen Strukturen der Wohlfahrtsarbeit darstellt, der die speziellen Bedürfnisse der Klienten berücksichtigen kann wie es andere Träger nicht tun können. Damit sei der GHM eine Bereicherung für die soziale Infrastruktur und keineswegs ein Konkurrent.


 

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