V. Zukunftsforum Islam
Protokoll des Themenblocks II - Partizipation: Theologische und gesellschaftliche Perspektiven
Der am 08.05.10 stattgefundene Themenblock II umfasste zwei Vorträge:
Der erste Vortrag: "Gibt es Grenzen für gesellschaftliches Engagement bei Muslimen? Innermuslimische Sichtweisen" von Frau Hamideh Mohagheghi von der Universität Paderborn
In Ihrem Vortrag ist Fr. Mohagheghi auf das muslimische Verständnis des gesellschaftlichen Engagements eingegangen. Dabei ist sie auf die koranisch belegte Rolle des Menschen als Vertreter Gottes auf Erden (Kalif) eingegangen, woraus die menschliche Verantwortlichkeit gegenüber der Schöpfung resultiert. Aufgrund dieser Verantwortlichkeit sind dem Menschen die Vernunft als Unterscheidungsinstanz und Mittel zur rationalen Analyse und Abwägung sowie die Willensfreiheit zur Verfügung gestellt. So trägt der Mensch die Verantwortung für die angemessene Nutzung und Bewahrung der Schöpfung, da der Glaube stets mit Handeln verbunden ist. Ausgehend davon beschränkt Fr. Mohagheghi das Verständnis des Dschihad auf seine semantische Bedeutung, und zwar das intensive Bemühen, leidenschaftlich und nachhaltig für etwas Gutes einzutreten. Demnach verstehen sich wohltätige Handlungen wie das Speisen von Armen, die Beherbergung von Obdachlosen, die Gründung von Schulen und Ausbildungsstätten u.ä. auch als islamische Verpflichtungen. Damit diese sozialen Prinzipien auch gegenüber Nicht-Muslimen Geltung finden können, müssen Koran und Prophetensprüche nach Mohagheghi gemäß ihrem Geist und nicht ihrem Wort sowie nicht selektiv gelesen werden.
Die Diskussion:
In der anschließenden heftigen Diskussion wurde die Herangehensweise von Fr. Mohagheghi zwar begrüßt, aber als subjektiv bezeichnet. So hat ein Teilnehmer darauf hingewiesen, dass die Bedeutung des Kalifats mehrdeutig und sehr umstritten ist. Den einschlägigen Koraninterpretationen zufolge gilt nur ein Muslim als Vertreter/Nachhalter Gottes auf Erden, wodurch das gesellschaftliche Engagement nur innerhalb der muslimischen Gemeinde verortet wird. Fr. Mohagheghi leugnet diese Tatsache nicht und plädiert deshalb für eine zeitgemäße Interpretation der Texte.
Auf den Kommentar, dass die Wohltätigkeiten immer die Anhänger derselben Religion berücksichtigen, was man in Deutschland unter Christen bemerken kann, geht Fr. Mohagheghi kritisch ein. Sie betont, dass auch Nicht-Katholiken von katholischen Wohltätigkeiten tatsächlich profitieren. Selbst wenn dies der Fall wäre, soll nicht als Prinzip gelten. Man muss, sei es Muslim oder Nicht-Muslim, den Menschen als Menschen betrachten und nicht als Anhänger irgendwelcher Religion. Die Frage nach der Rolle der theologischen Auseinandersetzungen mit Fragestellungen der Klassifizierung bzw. Bewertung der Menschen gemäß ihrer Religion, hält Fr. Mohagheghi für nicht unwichtig. Allerdings betont sie, dass es von großer Relevanz ist, die theologischen Debatten nicht von der Realität getrennt durchzuführen. Eine derartige Klassifizierung, die zur Diskriminierung führt, ist historisch bedingt und von Menschen erfunden. Dagegen hilft die vernünftige bzw. kritische Herangehensweise an die Texte, ohne diese außer Acht zu lassen.
Dass die Andersgläubigkeit aus bestimmten theologischen Überzeugungen von Muslimen das gesellschaftliche Engagement hindert bzw. hindern könnte, weist Fr. Mohagheghi zurück, unter der Bedingung, dass dieses Verständnis fördernde Texte in ihrer Historizität verstanden werden sollen. Denn wir sind Geschwister eher in der Menschheit als in der Religion, was zum gegenseitigen Befreunden, zur gegenseitigen Liebe und Unterstützung auffordert.
Den zweiten Vortrag "Gibt es Grenzen für gesellschaftliches Engagement beiMuslimen? Gesellschaftliche Perspektiven" hat Prof. Jamal Malik von der Universität Erfurt gehalten.
Zunächst hat Herr Malik auf die zunehmende muslimische Religiosität im öffentlichen Raum hingewiesen, was Soziologen als Entprivatisierung der Religion bezeichnen. Für ihn gilt die Religion als ein Identitätsmerkmal neben vielen, wobei Rechte und Pflichten eines jeden Bürgers außerhalb des Bereiches der Religion angesiedelt sind. Wenn der Staat allerdings die Muslime in ihrer religiösen Identität zu ernst nimmt und überislamisiert, ergeben sich die ersten Grenzen eines gesellschaftlichen Engagements. Ausgehend davon kritisiert Herr Malik die Rede von Barak Obama in Kairo, da er die islamische Welt auf die Religion reduzierte und demnach als einen einzigen Monolith betrachtete, den man von einem zentralen Ort ansprechen kann. Solcherlei religiöse Identitätspolitik führt dazu, dass Muslime sich vermehrt aus dem von ihnen wahrgenommenen Grund ihrer Diskriminierung, nämlich ihrer religiösen Zugehörigkeit, zusammenfinden. Die Über-Islamisierung der Muslime ungeachtet ihrer ethnischen und nationalen Herkunft sowie die Verreligionisierung des Politischen führen nach Malik zu ihrer Selbst-Exotisoierung und Abschottung. In Bezug auf die fehlende übergeordnete zentrale Autorität im Islam meint Malik, dass das aus Gelehrtendebatten entstandene, nach Raum und Zeit Unterschiede aufweisende islamische Recht flexibel genug ist, den Islam in verschiedenen Zusammenhängen zu leben. In diesem Sinne können moderne Grundwerte durchaus mit islamischen Traditionen in Einklang stehen. Neben Instrumenten verschiedener islamisch-rechtlicher Verhandlungswege lassen sich in Koran und Prophetenüberlieferungen Vorschriften für eine gerechte islamische Wirtschaftsordnung finden.
Ferner fordert die betonte Orientierung auf Brüderlichkeit und Gemeinwohl (maslaha) eine gerechte Verteilung von Gewinnen. Dazu verfügen Muslime über Mechanismen, die dem modernen Konzept von civil society ähneln. Beispiel dafür sind die sich im Sozialfürsorgebereich realisierende Brüderlichkeitsethik, die gemein-nützlichen Zwecken dienenden religiösen Stiftungen (waqf) und die vorgeschriebene Almosensteuer (zakat). Die Prozesse der Selbstausgrenzung von Muslimen sind nach Malik kulturell und sozial bedingten Gründen geschuldet, die oft religiös formuliert werden. Konkrete Grenzen im Integrationsprojekt sieht Malik im von 70 % der Muslime geforderten islamischen Religionsunterricht und in den aus dem Ausland importierten Imamen, denen die Kompetenzen fehlen, islamische Antworten für die hiesigen Gesellschaftsprobleme zu formulieren. Für integrationsfördernd hält Malik die Zuwendung an die muslimische Jugend als Gesprächs- und Kooperationspartner, und zwar nicht als Muslime, sondern als heranwachsende und wachsende Mitbürger und Multiplikatoren von Morgen. Die Aufnahmegesellschaft ist daher gut beraten, ein Klima der Toleranz und vor allem des Willkommens zu schaffen, in dem auch Integrationsanstrengungen der Migranten wirken können und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe in Zivilgesellschaft und Politik ermöglicht wird. Die muslimischen Gemeinden haben sich ihrerseits darüber zu einigen, was und wie sie etwas wollen, und vor allem, was sie bereit sind aufzugeben.
Die Diskussion:
In der Diskussion hat der Vortrag von Herrn Malik inhaltlich weitgehend Akzeptanz gefunden. In einem Kommentar wurde die Kairoer Rede von Obama wieder hervorgehoben, wobei Obama als eine sympathische Person beschrieben worden ist. Er hat viele Versprechen geäußert, die er später nicht erfüllt und aufgegeben hat. Beispielsweise hat er die von ihm betonte Zivilgesellschaft in der islamischen Welt nicht gefördert. Obama besitzt demnach nur ein Mediencharisma, tut aber sehr wenig.
Auf die Frage danach, was die muslimischen Gemeinden in Deutschland für die Integration konkret leisten können, geht Herr Malik prägnant ein: Die muslimischen Gemeinden müssen ihre Ziele genau definieren sowie das bestimmen, was sie aufgeben können. Sie müssen begreifen, dass sie in Deutschland und im Westen im Allgemeinen in einem anderen Kontext leben als in den Heimatländern. Die gesellschaftliche und familiäre Struktur ist anders. Dies fordert die Reform des muslimischen Denkens.
Der von einem Diskutanten betonten wichtigen Rolle der hermeneutischen Herangehensweise an die normativen Texte des Islam muss nach Malik eine besondere Berücksichtigung geschenkt werden. Nach ihm bedarf der heilige Text einer zeitgemäßen postkolonialen Lesart. Die Etablierung von hermeneutischen Interpretationstheorien, was bislang eine Mangelware ist, ist daher unabdingbar.
Den von einem Teilnehmer hervorgehobene Hinweis, dass viele Muslime kategorisch ablehnen, dass der Islam einer Renaissance bedarf, bedauert Herr Malik und betont, dass die Muslime in Europa dringend dazu aufgefordert sind, eine neue islamische Identität zu schaffen, und zwar eine europäische Identität.
Die Frage nach der Rolle der theologischen Fragestellungen beim ntegrationsprozess hält Malik für nicht besonders sinnvoll. Eher sollte man Prioritäten setzen: Noch wichtiger wären beispielsweise die Beschäftigung mit den Fragen der Menschenrechte, der Staatsbürgerschaft und mit den Problemen der Migranten.
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