Veranstaltungen: Dokumentation
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V. Zukunftsforum Islam

Vortrag von Prof. Jamal Malik (Erfurt)

29.7.2010

Gibt es Grenzen für gesellschaftliches Engagement bei Muslimen?


Gesellschaftliche Perspektiven


Prof. Jamal MalikProf. Jamal Malik
Heutzutage haben wir es mit vielfältigen Formen einer neuen Religiosität zu tun, die einen zunehmenden sichtbaren Platz im öffentlichen Raum einnimmt. Als Faktor ziviler Gesellschaft artikuliert sie verschiedene Gruppeninteressen und strebt eine neue religiöse Grundierung der Gesellschaft an. Religionssoziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Ent-Privatisierung der Religion. Dies hat auch zu einer Konfessionalisierung des Politischen geführt, so auch des Migrationsdiskurses. Zweifellos, Religion wird zum bedeutenden Plausibilisierungsfaktor in Politik und Gesellschaft. Islam bildet dabei oft das Experimentierfeld.

Allerdings, Integrationsprobleme lösen sich in erster Linie nicht durch einen auf religiöse Zugehörigkeit und theologischen Austausch festgelegten Diskurs, auch wenn ein Großteil der Arbeitsmigranten und ihre Nachkommen zufällig muslimischen Ursprungs sind. Die Arbeitsmigration war nun mal eine Migration in untere soziale Schichten. Heute hat die Hälfte davon deutsche Staatsbürgerschaft. In naher Zukunft wird auch die andere Hälfte politisches Mitspracherecht anfordern, und zwar weniger als Muslime, sondern primär als deutsche Bürgerinnen und Bürger.

Es ist banal festzustellen, Religion sei nur ein Identitätsmerkmal neben vielen und ein Bürger oder eine Bürgerin, ob nun Christ oder Muslim, habe Rechte und Pflichten, die ganz außerhalb des Bereichs der Religion angesiedelt sind – und dies nicht nur nach demokratischem Verständnis auch sein müssen. Problematisch wird es, wenn religiöse Identitätspolitik durch Konstruktion und Zuweisung dramatisiert und zu verhärteten Positionen und Spannungen beiträgt.

Hier ergeben sich m.E. die ersten Grenzen eines gesellschaftlichen Engagements, wenn nämlich der Staat die muslimischen Einwanderer und deren Nachkommen in ihrer religiösen Identität zu ernst nimmt. Die gängige Kulturtechnik der Selbstaffirmation und Abgrenzung gegenüber dem vermeintlich kulturellen Anderen schlägt sich in Überislamisierung der Muslime durch die Mehrheitsgesellschaft nieder, wie unlängst in Falle der türkischstämmigen Ministerin Aygül Özkan geschehen. Auch wenn sie im Geiste des Grundgesetzes religiöse Gleichberechtigung forderte, traf sie der christlich-demokratische Zorn ihrer eigenen Partei. Ein anderes prominentes Beispiel ist Barack Obama, der im April 2009 die Muslime aus Kairo ansprach, um die schwer angeschlagenen Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu heilen – als wäre die islamische Welt ein einziger Monolith, den man von einem zentralen Ort ansprechen kann, als gäbe es keine partikularen Nationalinteressen, und als gäbe es den einen Westen mit gemeinsamen Interessen. Die verheißungsvolle Politik des Dialoges und der Hoffnung konnte Obama schon ein Jahr danach auf dem Altar US-amerikanischer Realpolitik opfern.

Solcherlei religiöse, diskursiv hergestellte und mit Bedeutung versehene Identitätspolitik führt nun dazu, dass Muslime sich vermehrt aus dem von ihnen wahrgenommenen Grund ihrer Diskriminierung, nämlich ihre religiöse Zugehörigkeit, zusammenfinden. Ungeachtet ihrer ethnischen und nationalen Herkunft und religiösen Überzeugung schweißt jene Projektion die Muslime zusammen und fördert, ja fordert einen muslimischen Purismus, ganz im Sinne eines durch Homogenisierungsbestrebungen herzustellenden nationalen oder gar supranationalen Islam. Dieser Veränderungsprozess oder Über-Islamisierung mag zu einer Selbst-Exotisierung führen und einen Abschottungsdiskurs befördern. Die Reaktionen auf Obamas Rede waren zwar vielfältig, es wurde aber nicht versucht, dem politischen Diskurs seine religiöse Dimension zu nehmen. Ganz im Gegenteil, Muslime weltweit identifizierten sich mit der - erneut - imaginierten und mit Differenzmerkmalen ausgestatteten islamischen Welt. Diese Verreligionisierung des Politischen hat natürlich ihre Auswirkungen auch auf andere sogenannte Dialogangebote.

Deutlich wird in der Rede vom Dialog mit dem Islam, ein Dialog, der migrationspolitischen Handlungsbedarf mit Fragen von Glauben und religiöser Identität sowie Sicherheit zusammengeführt, um den brennenden Problemen von niedrigem Bildungsniveau, hoher Arbeitslosenrate und Jugendkriminalität zu begegnen. [1] Auf der Suche nach einem muslimischen Vertretungsorgan soll der Islam diszipliniert und homogenisiert werden. Im Gegensatz zum institutionalisierten Christentum lehnt der Islam aber eine übergeordnete Organisation und zentrale Autorität, die in seinem Namen sprechen kann, ab. Das islamische Gesetz ist nämlich aus langen Gelehrtendebatten hervorgegangen und beinhaltet einen Konsens, der flexibel genug ist, den Islam in verschiedenen Zusammenhängen zu leben. Diese Entwicklung erübrigte eine zentrale Lehrinstitution und brachte eine Interpretationsreligion hervor, die pluralistisch angelegt ist. [2]

Denn vergegenwärtigt man sich die bunte muslimische Öffentlichkeit in Deutschland, so sind religiöse Solidaritätsformen erkennbar, die sich eben nicht zuvorderst auf den Islam als religiöses System beziehen, sondern auf gesellschaftliche und kulturelle Muster, die allenthalben historisch mit dem Islam und den Muslimen in Verbindung gebracht werden. Wir haben es aber mit steten Wechselbeziehungen zu tun, die religiöse und religiös legitimierte Grenzen herunterreißen, verwischen, oder zementieren können. Der Islam ist ja als Weltreligion weder ethnisch noch territorial oder alltagsweltlich eingeschränkt, sondern er geht über seine eigene Ursprungskultur hinaus und nimmt spezifische kulturelle Traditionen auf, um sie zu adaptieren, adoptieren, traditionalisieren oder zu modernisieren.

In diesem Sinne können moderne Grundwerte durchaus mit islamischen Traditionen in Einklang stehen. So kennen Islam und dessen Akteure Instrumente verschiedener Verhandlungswege wie der kollektiven Entscheidungsfindung (shura, ijma), dem Analogieschluss (qiyas) und dem selbstständigen Räsonieren (ijtihad). Die Orientierung auf Brüderlichkeit und Gemeinwohl (masalah) fordert eine gerechte Verteilung von Gewinnen. Auch lassen sich in Koran und in der Sunna, also dem Brauch des Propheten, der als zweite Quelle des islamischen Rechts und islamischer Frömmigkeit gilt, Vorschriften für eine gerechte islamische Wirtschaftsordnung finden.

Natürlich verfügen Muslime auch über Mechanismen, die dem modernen Konzept von civil society ähneln. Man denke an die Brüderlichkeitsethik, die vor allem im Sozialfürsorgebereich zur Geltung kommt. Die religiösen Stiftungen (waqf) beispielsweise dienen gemeinnützigen Zwecken und erhalten im Bereich von Sozialleistungen vor allem durch die Schaffung von Schulen und Krankenhäusern höchste Relevanz. Die Almosensteuer (zakat) ist Kern eines familienunabhängigen sozialen Sicherungssystems, und zählt zu den gottesdienstlichen Verpflichtungen eines jeden Muslims. Zwischenmenschliche Verpflichtungen ergänzen dieses Normensystem, um sozialverträgliches Handeln zu ermöglichen. Während erstere – also die wenigen gottesdienstlichen Pflichten - den Muslimen für alle Zeiten gültig und somit unveränderlich sind, müssen letztere sich den verändernden Bedingungen von Zeit und Ort anpassen. Und das tun sie ja, wie aus der islamischen Geschichte hervorgeht. Ziel der islamischen Rechtstheorie war und ist ja nicht etwa Stagnation und Verfall, sondern die Herstellung eines funktionierenden Gemeinwohls und Frieden auf Erden, eben salam.


Fußnoten

  1. Vgl. Malik, Jamal: Islamkonferenz zwischen Religion und Politik, in: BBZ 01-2007, 20.12.2006.
  2. Vgl. Malik, Jamal: "Interreligiöser Dialog – ein Integrationswerkzeug?" in: Gritt Klinkhammer, Ayla Satilmis (eds.): Interreligiöser Dialog auf dem Prüfstand. Kriterien und Standards für die interkulturelle und interreligiöse Kommunikation, Münster: LIT 2008, pp.141-163.
 

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