60 Jahre Grundgesetz: Muslime im demokratischen Verfassungsstaat
Vortrag von Dr. Mathias Rohe
Religionsfreiheit und Grundgesetz: Grundlagen für die "Einbürgerung" des Islam
- 60 Jahre Grundgesetz sind ein Grund zum Feiern, aber auch Anlass zum
Nachdenken darüber, wie die Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes fortgesetzt
werden kann. Gesetze müssen mit Leben erfüllt werden und können nur
bestehen, wenn sie auch im Alltag wirken und von der Grundüberzeugung der
Bevölkerung getragen werden.
- Das deutsche Religionsverfassungsrecht kennt keine "fremden" Religionen,
die erst "eingebürgert" werden müssten. Weitreichende, aber auch nicht
uneingeschränkte Religionsfreiheit gilt für alle gleichermaßen. Freilich ist
Deutschland stark vom Christentum und auch vom Judentum geprägt,
während der Islam als breiter wahrnehmbare Größe erst seit wenigen
Jahrzehnten in Erscheinung getreten ist. So stellen sich auch aus rechtlicher
Sicht eine Fülle neuer Fragen, die z.B. mit der traditionell lockeren
Organisationsstruktur des Islam zusammenhängen. Beispielsweise ist zu
klären, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, um einen islamischen
Religionsunterricht in öffentlichen Schulen zu etablieren, wie es dem System
des Grundgesetzes entspricht. Damit hat sich jüngst z.B. die Deutsche
Islamkonferenz befasst (»www.deutsche-islam-konferenz.de«).
- Die rechtliche Positionierung des Islam in Deutschland muss im Rahmen des
säkularen, religionsoffenen deutschen Verfassungsrechts erfolgen, das in alle
Bereiche des Rechts hineinwirkt. Der Religion wird aus Verfassungssicht das
Potential eines gesellschaftsstabilisierenden Faktors beigemessen, auch wenn
nicht jede einzelne Ausprägung dafür geeignet ist. Sie hat deshalb auch breite
Entfaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Gegenwärtige Konflikte um
das "Sichtbarwerden" des Islam – Stichwort Moscheebau – zeigen, dass noch
vielfach Unklarheit über die verfassungsmäßigen Rahmenbedingungen der
Religionsfreiheit und ihrer Grenzen herrschen. Insofern besteht ein allseitiger
Informations- und Bildungsauftrag.
- Das deutsche Recht hält praktisch bewährte, im internationalen Vergleich sehr
gut funktionierende Mechanismen für den Umgang mit der Religion im
Staatsgefüge bereit. Es stößt jedoch nicht selten an faktische Grenzen: Bei
denjenigen, die zu Unrecht "den Islam" als Bedrohung ansehen, hat die
verfassungsmäßige Religionsfreiheit einen schweren Stand. Andererseits ist
ein wehrhafter Verfassungsstaat gehalten, seine Grundlagen auch gegenüber
religiösem Extremismus zu schützen, der in zahlenmäßig geringem Anteil
auch unter Muslimen vorzufinden ist. Hier beginnt die schwierige
Grenzziehung in der praktischen Umsetzung des Rechts.
- Vielfach werden Probleme, die im Zusammenhang mit dem
Migrationshintergrund einer großen Zahl von Muslimen in Deutschland
stehen, mit deren Religionszugehörigkeit vermischt. Von gefährlichen
extremistischen Bestrebungen abgesehen dürfte gelingendes Zusammenleben
vor allem von den Entwicklungen im Bildungs- und Arbeitsmarktbereich
sowie im alltäglichen Zusammenleben abhängen, wobei die Religion eine
insgesamt eher untergeordnete Rolle spielt.
- Religion kann jedoch in unterschiedlicher Weise für die Frage bedeutsam
werden, wie Menschen sich zu den Grundlagen des säkularen demokratischen
Rechtsstaats stellen. Zwar werden sich viele diese Frage im Alltag nicht
stellen. Jedoch sind Positionsbestimmungen gegenüber existierender
extremistischer Propaganda erforderlich; geeigneter islamischer
Religionsunterricht kann hierbei eine wichtige Rolle einnehmen. Der Islam
steht so vor neuen Herausorderungen, wobei z.B. auch Erfahrungen vom
Balkan, aus der Türkei und anderen Regionen noch mehr fruchtbar gemacht
werden können.
- Die rechtliche Positionierung des Islam in Deutschland wird längerfristig Auswirkungen auf das gesamte System des Religionsverfassungsrechts haben.
Weiterführende Literatur des Referenten:
Mathias Rohe, Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart, München 2009
Mathias Rohe, Muslims and the Law in Europe: Chances and Challenges, New Delhi 2007
Mathias Rohe, der Islam – Alltagskonflikte und Lösungen, 2. Aufl. Freiburg/Br 2001
»www.zr2.jura.uni-erlangen.de«
60 Jahre Grundgesetz: Muslime im demokratischen Verfassungsstaat
Panel 1
Panel 2
Panel 3
Blog
Bundeskongress Politische Bildung
Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter...
5. Fundraising-Tag der politischen Bildung - 10. Juni 2011, Köln (KOMED)
Für immer mehr Bildungseinrichtungen wird es unausweichlich, ein professionelles Fundraising aufzubauen. Während des Fundraising-Tages organisieren die Beteiligten seit nunmehr fünf Jahren einen Wissenstransfer. Im Rahmen von acht Workshops wurden konkrete Aktionen und Konzepte des Fundraisings für die politische Bildung vorgestellt und diskutiert. Weiter...
Zeitschriftbpb:magazin
Aus drei mach eins! Kannten Sie bisher das Publikationsverzeichnis, den Veranstaltungskalender und den Flyer für die Studienreisen, so bietet das bpb:magazin den Service dieser drei Publikationen und viele weitere interessante Informationen nun aus einer Hand. Weiter...
Themen und MaterialienCompasito
COMPASITO bietet Praxisanregungen für Multiplikatoren, die sich mit Menschenrechtsbildung für sieben- bis dreizehnjährige Kinder befassen wollen. Das Buch macht mit den wichtigsten Begriffen der Menschen- und Kinderrechte vertraut und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen zu 13 Menschenrechtsthemen. Weiter...
Themen und MaterialienFreiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit-Werteordnung und Wertevermittlung
Werte gewinnen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung, gerade auch im Schulalltag. Dies stellt den Unterricht vor neue Herausforderungen. Für die Schule und die außerschulische Bildung liefern die zwölf Bausteine des Bandes Vorschläge zur Beschäftigung mit Bereichen unserer Werteordnung. Weiter...
SonstigeEuropa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft
Wer macht Was in Europa? Was ist die Europäische Union? Mit vielen Aufgaben, Quizfragen und Diskussionsideen im Wissensmagazin können Jugendliche sich das Thema Europa erschließen. Weiter...

