Veranstaltungen: Dokumentation

2.7.2009

60 Jahre Grundgesetz: Muslime im demokratischen Verfassungsstaat

Abschließende Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde noch einmal die Frage diskutiert, wie Muslime und Nichtmuslime gemeinsam Gesellschaft gestalten könnten.

Abschließende Podiumsdiskussion: Gesellschaft gemeinsam gestalten


In seinem einführenden Vortrag wies Professor Jamal Malik kritisch auf die "Überislamisierung des Islam" hin, die in den letzten Jahren von nichtmuslimischer wie muslimischer Seite - teils bewusst, teils unbewusst – betrieben wurde. Die Moderatorin Dr. Katajun Amirpur stellte ihm deswegen am Anfang der Diskussionsrunde die Frage, was denn die Alternative zur Abschottung bzw. Selbstexotisierung sei. Professor Malik plädierte eindringlich dafür, den politischen Diskurs zu entkonfessionalisieren und die sozialen, kulturellen und politischen Zusammenlebens deutlicher als bisher zu unterscheiden.

Der Moderator Dr. Michael Kiefer wandte sich dann an Gülistan Yüksel, Ratsfrau der SPD in Mönchengladbach, mit der Frage, wie es um die Brüderlichkeitsethik im kommunalen Raum bestellt sei. Frau Yüksel berichtete, dass es in Mönchengladbach ca. 40 unterschiedliche muslimische Vereine gebe, die sich alle zwei Monate träfen, um sich auszutauschen. Auch werde regelmäßig am 3. Oktober ein "Tag der offenen Moschee" durchgeführt.

Mürvet Öztürk, Mitglied der Fraktion der Grünen im Hessischen Landtag, schilderte die Situation in Hessen. Zwar habe noch keine richtige Institutionalisierung von muslimischen Einrichtungen stattgefunden, es sei jedoch damit angefangen worden, verstärkt Jugendeinrichtungen aufzubauen. Sie kritisierte, dass viele praktische Fragen bezüglich der Wohlfahrtsinstitutionen weder die Politik noch die Moscheen beantworten könnten. Sie forderte mehr Ehrlichkeit und weniger politisches, sondern praktisches Verhalten der Beteiligten. Frau Amipur hakte daraufhin nach, ob rein muslimische karitative Einrichtungen nicht Parallelgesellschaften Vorschub leisteten. Öztürk bestätigte dies und machte deswegen zur Grundbedingung für solche Wohlfahrtseinrichtungen, dass sie offen für alle, auch Nichtmuslime, sein müssten.

Herr Kiefer bat Bülent Arslan, Vorsitzenden des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen, die Situation dort zu schildern. Herr Arslan meinte, dass durch das neue Integrationsministerium eine grundlegend bessere Stimmung geschaffen worden sei. Vielen Menschen mit Migrationshintergrund gehe es auch um symbolische Anerkennungsgeste. Arslan sah vor allem die Uneinigkeit der muslimischen Vereine und Verbände als ein Problem; dadurch werde es dem Staat schwierig gemacht, mit einem starken Partner zu verhandeln. Aber Arslan zeigte sich zuverlässig, dass es bald eine Einigung gebe. Insgesamt gehe es voran, die Muslime müssten nur die Geschwindigkeit des Prozesses und den Druck erhöhen, um bald Ergebnisse zu sehen.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum richteten sich viele Fragen auf konkrete Maßnahmen, mit denen Muslime positiv auf den Integrationsdiskurs einwirken könnten. Herrn Arslan war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es zwar jede Menge Projekte gebe, aber die Mittel dafür oft nicht adäquat eingesetzt würden. Man müsse sich auf mehrere Zielgruppen konzentrieren, um die Breite der Bevölkerung zu erreichen. Gülistan Yüksel betonte, wie wichtig der Dialog unter Muslimen sei. Man müsse die kommunale Ebene stärker einbinden, da diese näher an den Menschen sei. Mürvet Öztürk bedauerte, dass Foren, in denen Normalbürger mit muslimischen Bürgern auf höherem Niveau diskutieren könnten, fehlten. Die Universitäten könnten dazu einen großen Beitrag leisten. Das Problem sei oft, dass muslimische Verbände in großer Konkurrenz zueinander ständen und deswegen keine vernünftige Diskussion zustande kämen.

Merfin Demir vom Zukunftsforum Islam wies darauf hin, dass es vielen Muslimen nicht nur um politische Fragen ginge, sondern auch darum, wie sie den Alltag gestalten könnten. Er forderte keine separaten, exklusiven Einrichtungen, sondern eine Zusammenarbeit und gemeinsame Initiativen von Muslimen und Nichtmuslimen. Frau Öztürk merkte kritisch an, dass Muslime vor allem ein Wahrnehmungsproblem hätten. Sie sollten sich fragen, wie sie von außen wahrgenommen werden wollten und wie sie sich dementsprechend positionieren sollten. Sie plädierte für eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen Systemen und Mechanismen in einzelnen Heimatländern der Muslime und für einen verstärkten innerislamischen Dialog. Muslime sollten sich nicht vor politischen Anforderungen verstecken, sondern sich ihrer Verantwortung bewusst werden und aktiv die Gesellschaft mitgestalten.


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