Veranstaltungen: Dokumentation

24.2.2009 | Von:
Jan Schneider

Migration und Integration in Israel

Bericht über eine Israel-Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung

Im November 2007 betrat man Neuland. Ein ausgewählter Teilnehmerkreis aus den Bereichen Medien, politische Bildung, Schule, Wissenschaft und öffentliche Verwaltung in Deutschland unternahm erstmals eine Bildungsreise zum Thema "Migration und Integration" – eine Kooperation von bpb und der Muslimischen Akademie.

Einleitung

Alljährlich führt die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mehrere Studienreisen nach Israel – mit unterschiedlichen Fragestellungen, variierenden Schwerpunkten und für bestimmte Zielgruppen wie Journalisten/innen oder Multiplikatoren/innen der politischen Bildung durch. Im November 2007 betrat man Neuland, als mit einem ausgewählten Teilnehmerkreis erstmals eine Bildungsreise zum Thema "Migration und Integration" durchgeführt wurde. Einwanderung, Integration und ethnische Vielfalt sind in Israel zu kontrovers diskutierten Fragen geworden, die häufig auch im direkten Zusammenhang mit der Shoah und dem Nahost-Konflikt stehen. Nicht zuletzt in Anbetracht der zugespitzten Debatte um die "Integration des Islam" in Deutschland und Europa kooperierte die bpb bei der Organisation der Reise eng mit der Muslimischen Akademie. Teilnehmende waren Expertinnen und Experten aus den Bereichen Medien, politische Bildung, Schule, Wissenschaft und öffentliche Verwaltung in Deutschland, die sich in ihrer Arbeit mit Fragen der Integration befassen und z.T. über einen muslimischen Hintergrund bzw. eigene Migrationserfahrung verfügten.

Israel gilt unter Wissenschaftlern und Praktikern, die sich mit Migration und Integration beschäftigen, als hervorragendes Forschungsobjekt. Dafür gibt es mehrere Gründe: Es ist historisch quasi "auf Zuwanderung gebaut". Bereits ab 1882 wanderten fast kontinuierlich Juden in das damals osmanische, später britisch verwaltete Palästina ein. Viele Zuwanderungswellen standen in direktem Zusammenhang mit dem Antisemitismus in Europa und waren somit Fluchtbewegungen. Nach der Shoah, der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten, erfolgte 1948 die Gründung Israels auf einem Teil des früheren britischen Mandatsgebietes. Die Existenz eines eigenen jüdischen Nationalstaates motivierte mehrere Hunderttausend Juden, darunter auch viele Holocaust-Überlebende aus Europa, zur Einwanderung. Seit 1948 hat sich die Gesamtbevölkerung Israels durch Migration mehrmals verdoppelt; bis heute wurden über drei Millionen Immigranten registriert. Aufgrund der Reisefreiheit der sowjetischen Juden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Israel in den 1990er Jahren sogar das Land mit der im Verhältnis zu seiner Bevölkerung höchsten Einwanderungsquote weltweit. Bei Fragen der Eingliederung von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Hintergründen verfügt Israel also über einen reichen Erfahrungsschatz.

Doch Israel ist auch deswegen interessant, weil es ein relativ kleines und damit geografisch "übersichtliches" Land ist. Sein Staatsgebiet entspricht etwa der Größe Hessens und ist mit rund sieben Millionen Einwohnern ähnlich dicht besiedelt. Dabei erhebt es vergleichsweise detaillierte und akkurate statistische Daten über Zu- und Abwanderung, während seine Grenzen aus Sicherheitsgründen wie die kaum eines anderen Landes kontrolliert werden. So lassen sich Einwanderung und Integration in einem relativ übersichtlichen Kosmos studieren.

Darüber hinaus spielt auch der Faktor Religion eine stets prominente Rolle, gilt das "Heilige Land" doch als wichtiger, wenn nicht der wichtigste Bezugspunkt für die drei großen monotheistischen Religionen. Neben der jüdischen Mehrheitsbevölkerung (5,4 Mio.) leben große Gruppen arabischer Moslems (1,2 Mio.), Christen (120.000) und Drusen (116.000), aber auch zahlreicher anderer Volks- und Religionsgemeinschaften in Israel. Für viele Besucher ist es bereits die ethnisch-religiöse Vielfalt Jerusalems, die den Reiz einer Israel-Reise ausmacht. Und last but not least schwebt besonders über der gesellschaftlich-sozialen bzw. ethnisch-religiösen Vielfalt des Landes die Hypothek des nach wie vor ungelösten israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Daraus ergeben sich überaus komplexe Realitäten für das Zusammenleben in Israels multikultureller Gesellschaft, die sich am besten verstehen lassen, wenn einschlägige Referenten vor Ort ihre Positionen und Erkenntnisse "aus erster Hand" vermitteln. Dazu diente die insgesamt zwölftägige Studienreise. Sie begann in Tel Aviv, umfasste zahlreiche Stationen im Umland sowie Punkte diesseits und jenseits der so genannten Green Line, der Waffenstillstandslinie des Unabhängigkeitskrieges von 1948, die heute Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten in der Westbank trennt. Die Reise führte weiter über Haifa, den See Genezareth und die Golanhöhen und endete in Jerusalem, von wo aus nochmals Exkursionen nach Ramallah und in die Siedlung Maale Adumim stattfanden. Der Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem war ebenfalls essentieller Bestandteil des Programms. Mehr als 50 Referenten/innen und Gesprächspartner/innen standen der Studiengruppe in dieser Zeit an den verschiedenen Orten zur Verfügung und boten Informationen und Einblicke, die nicht zuletzt aufgrund ihrer komplexen Widersprüchlichkeit Anlass zu immer neuen Diskussionen in der Gruppe lieferten. Nicht selten warfen Referate zunächst mehr Fragen auf, als sie beantworteten; das anfängliche "Nicht-Verstehen" wandelte sich erst im Zuge der weiteren Beschäftigung mit dem Thema sowie reflektierender Debatten zu weiterem Erkenntnisgewinn.


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