"Es fehlt an Mut und Ideen"
Medienjournalist Kuno Haberbusch über Medienkritik im Fernsehen, verlogene Qualitätsdebatten und mutlose Programmmacherbpb: Medienkritik hat im deutschen Fernsehen einen schweren Stand: "Zapp" ist die einzige Sendung, die sich kritisch mit Journalisten und Medien auseinandersetzt. Woran liegt´s?
Haberbusch: Journalisten lassen sich nicht gerne kritisieren. Da unterscheiden sich öffentlich-rechtliche Journalisten im übrigen nicht von anderen. Journalisten sind meinungsstark, glauben alles besser zu wissen und attackieren gern. Nur wenn es um die eigene Arbeit geht, hört der Spaß für die meisten auf. Sie sind so vom eigenen Handeln überzeugt, dass Reflexion oder Selbstkritik meist nicht stattfindet. Das passiert höchstens mal in Kantinengesprächen, aber nicht da, wo es wichtig wäre – nämlich im Fernsehen.
bpb: Warum wäre das so wichtig?
Haberbusch: Schauen sie, welche Bedeutung die Medien heute in unserer Demokratie besitzen. Die haben eine ungeheure Macht. Und dann gibt es nur so wenig Leute und Sendungen, die sich kritisch und nachhaltig mit dieser wichtigen Institution beschäftigen. Das verstehe ich nicht.
bpb: Was gebe es denn zu kritisieren?
Haberbusch: Zum Beispiel, dass die sehenswerten öffentlich-rechtlichen Dokumentationen allzu oft zu spät laufen. Ich habe auch nie verstanden, warum die Sendezeit der Politmagazine in der ARD um 15 Minuten verkürzt wurde oder die Tagesthemen jeden Tag zu einer anderen Zeit ausgestrahlt werden. Das heißt nicht, dass ich gegen die Quote bin. Im Gegenteil: Quoten sind auch für ARD und ZDF überlebensnotwendig.
bpb: Das sind Beispiele von ARD und ZDF. Ihre Kritik macht auch vor dem eigenen Sender nicht Halt. Haben Ihre Redakteure ebenfalls freie Hand oder gibt es auch Beiträge über das eigene Haus, die nicht gesendet werden durften?
Haberbusch: Ja, die gab es. Aber: Einiges was umstritten war, ist trotzdem bei uns gelaufen. Das sorgt dann zwar bisweilen für Ärger, aber das halte ich für legitim und verständlich. Immerhin kritisiert "Zapp" auch das eigene System. Etwas Vergleichbares finden sie auch im Printbereich nicht. Oder lesen sie in der SZ oder der Bild etwas, wenn die eigene Zeitung daneben lag? Würden wir bei "Zapp" aber den eigenen Bereich aus der Berichterstattung ausklammern, wäre die Kritik an anderen Sendern unglaubwürdig.
bpb: Sind Unterhaltungsformate wie "Switch Reloaded" oder "Kalkofes Mattscheibe" eine Art moderne Medienkritik?
Haberbusch: Das schaue ich mir gerne an. Aber mit Medienkritik haben beide Formate nichts zu tun. Medienkritik wie ich sie verstehe, sollte Hintergründe erläutern, kontinuierlich erfolgen und aktuell sein. Das ist bei den Vorlaufzeiten von "Switch Reloaded" oder "Kalkofes Mattscheibe" gar nicht möglich.
bpb: Die Rede von Marcel Reich-Ranicki beim deutschen Fernsehpreis hat für viel Wirbel gesorgt, eine ernsthafte Debatte über die Qualität des Fernsehens blieb allerdings aus. Wieso sind wir so schnell zur Tagesordnung übergegangen?
Haberbusch: Viele Leute, die vom Fernsehen nachweisbar keine Ahnung haben, nutzten die Rede von Reich-Ranicki für platten Populismus. So wurde eine ernsthafte Debatte im Keim erstickt. Spätestens als sich die Bild-Zeitung im Namen der Leser über die Qualität des Fernsehens beschwerte, war die Diskussion tot. Da war sehr viel Heuchelei dabei. Für eine seriöse Auseinandersetzung war das kontraproduktiv.
bpb: Die TV-Landschaft in Deutschland zeichnet vor allem durch eines aus: fehlender Mut. Lieber werden vermeintliche Erfolgskonzepte anderer Sender oder Länder kopiert, als selbst etwas Neues zu wagen. Sind die Programmmacher zu leidenschaftslos dem eigenen Medium gegenüber?
Haberbusch: Es gibt bei den Sendern zu oft eine Art Vollkasko-Mentalität. Es ist eben weniger riskant, am Bewährten festzuhalten, als ein neues Format zu gestalten und dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Es fehlt an Mut, Ideen, aber auch an Sendeplätzen. Früher konnten neue Formate in den dritten Programmen getestet werden. Seit sich die Dritten zu regionalen Vollprogrammen entwickelt haben, fällt dieses Experimentierfeld weg. Hape Kerkeling oder Rudi Carrell etwa sind bei Radio Bremen groß geworden. Heute kommt von dort gar nichts mehr, weil der Sender ums finanzielle Überleben kämpft. Das ist schon deprimierend.
bpb: Gibt es Sendungen, die Sie in letzter Zeit positiv überrascht haben?
Haberbusch: "Inas Nacht", eine anarchische Late-Night-Show im NDR, ist sehr gelungen. Das ist ein schrilles Format, nicht massentauglich, aber herrlich skurril. Und natürlich: "Schlag den Raab." Es gibt nicht viele Typen, die sich einem solchen Wettkampf stellen. Die einfachsten Ideen sind eben doch manchmal die besten.
bpb: Würde ein Format wie "Schlag den Raab" bei ARD oder ZDF eine Chance bekommen?
Haberbusch: Ich glaube nicht.
bpb: Warum nicht? Allein auf gute Quoten sollten diese Sender nicht angewiesen sein.
Haberbusch: Ich habe manchmal den Eindruck, die Sender testen die Sachen im Vorfeld tot. Das beste Beispiel: "Raus aus den Schulden" auf RTL. Diese Sendung ist beim Testpublikum durchgefallen. Durch einen Zufall lief die erste Folge dennoch im Fernsehen bevor die Testergebnisse vorlagen. Heute ist der Schuldnerberater der Quotenrenner bei RTL.
bpb: Apropos Quoten: "Zapp" lief während der Fußball-Europameisterschaft nicht im NDR, sondern in der ARD. Wird es "Zapp" künftig häufiger im Ersten geben oder ist der Test gescheitert?
Haberbusch: Nein, der war sehr erfolgreich. Obwohl "Zapp" immer gegen Fußball lief, hatten wir teilweise einen höheren Marktanteil als die Tagesthemen. Das allein genügt aber nicht, so ein Wechsel muss von den verschiedenen ARD-Gremien genehmigt werden. Für viele ist "Zapp"einfach zu unbequem. Dennoch steht jetzt fest: "Zapp" wird es im kommenden Frühjahr wieder im Ersten geben – und zwar vier Mal, immer Sonntagabend.
Interview: Andreas Braun
Foto: NDR/Dirk Uhlenbrock
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