"Journalist vs. Blogger? Diese Unterscheidung läuft ins Leere"
Benedikt Köhler erklärt, warum ihn Blogs faszinieren und wieso sie in den USA viel populärer sind als bei uns
Benedikt Köhler, Soziologe an der Universität der Bundeswehr München, im Interview.bpb: Herr Köhler, was fasziniert Sie als Soziologe am Phänomen Blog?
Benedikt Köhler: Man kann damit unglaublich viele Dinge gleichzeitig machen: Blogs transportieren Wissen und Informationen, sie schaffen Identitäten im Netz und sie sind nützlich, um soziale Kontakte zu pflegen und Verbindungen knüpfen. Diese Vielzahl der Möglichkeiten unterscheidet einen Blog zum Beispiel vom Medium Zeitung. Die Zeitung ist zwar sehr gut darin, Informationen zu übertragen, aber ich kann damit keine Kontakte pflegen. Und bei Blogs muss ich nicht auf Einschaltquoten oder Reichweiten schauen. Wenn ein Blog übers Stricken nur eine Hand voll Leute interessiert – auch gut. Dadurch können mit Blogs Inhalte publiziert werden, die sonst nirgendwo veröffentlicht würden. Das ist ein tolle Sache.
bpb: Sie beschäftigen sich nicht nur als Wissenschaftler mit Blogs, sie bloggen auch selbst. Warum?
Köhler: Der wichtigste Grund ist: Mir macht bloggen Spaß. Und: Die Kommunikation via Blog funktioniert mit eingebautem Rückkanal. Wenn ich einen Artikel in einer Zeitung oder einer wissenschaftlichen Publikation veröffentliche, bekomme ich meist keine Rückmeldungen. In Blogs kann man Fragen stellen, bekommt Antworten und kann so gemeinsam einen Gedanken entwickeln. Diese Kommunikation auf Augenhöhe ist bei den klassischen Massenmedien unmöglich.
bpb: Wirken sich Blogs auf die wissenschaftliche Kommunikation aus?
Köhler: Mein Einfluss als Wissenschaftler richtet sich weiterhin nach Buchveröffentlichungen, Forschungsergebnissen oder Artikeln in Fachzeitschriften. Daran wird sich nichts ändern. Aber es gibt Beispiele wie Blogs Kontakte zwischen Wissenschaftlern stiften. Ein Bekannter von mir ist Neuroreligionswissenschaftler – eine kleine, relativ junge Disziplin. Er hat über sein Forschungsthema, die neurologischen Grundlagen von religiösen Empfindungen, gebloggt. Ein Forscher aus Kanada, der das gleiche Thema bearbeitet, hat das gelesen und geantwortet. Jetzt haben die beiden den ersten gemeinsamen Artikel dazu publiziert. Dieser Kontakt wäre ohne Blogs nie zustande gekommen.
bpb: Gibt es Themen, die sich besonders für Blogs eignen?
Köhler: Das "eine" Blogthema gibt es nicht. Themen über Katzen, sogenannter "Cat content", sorgt für immer für hohe Klickraten. Grundsätzlich scheint mir aber alles geeignet, vor allem bieten sich klar fokussierte Themen an, die sich an eine spezielle Zielgruppe richten. Und visuelle Themen, also Design, Architektur, Fotografie oder Kochen, sind wie gemacht für Blogs.
bpb: Und was ist mit politischen Themen?
Köhler: Es gibt Nachholbedarf bei Blogs, die umfassend politische Themen darstellen. Das kostet den Einzelnen zuviel Zeit und Geld. Dafür haben Blogs eine andere Stärke: Sie sorgen für politische News aus erster Hand, auch dort wo die klassischen Massenmedien aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen stoßen. Etwa bei der Berichterstattung aus China, Tibet oder während des Krieges in Georgien.
bpb: In den USA haben Blogs einen viel größeren publizistischen Einfluss als in Deutschland. Dort entwickeln sie sich zu anerkannten Medienunternehmen, die teilweise Millionenumsätze einspielen. Woran liegt das?
Köhler: Die liberale Tradition in den USA ist größer. Meinungsfreiheit hat einen höheren Stellenwert als etwa Persönlichkeitsrechte. Deswegen wird dort in Blogs auch schärfer geschossen. Blogger können anonym bloggen und müssen nicht ständig Angst vor Abmahnungen haben. Das wird in Deutschland restriktiver gehandhabt und hält potentielle Blogger zurück. Außerdem haben Blogs in Englisch per se einen viel größeren Adressatenkreis als Blogs in deutscher Sprache. Das trägt auch zur größeren Popularität und einer lebhafteren Diskussion in US-amerikanischen Blogs bei.
bpb: Das Internet ermöglicht jedem, innerhalb weniger Minuten vom einfachen Konsumenten zum Publizisten zu werden. Einige befürchten deswegen, dass die Blogger das Berufsbild des Journalisten verwaschen oder ihn sogar überflüssig machen. Ist diese Furcht gerechtfertigt?
Köhler: Ich bin gegen diese Entweder-Oder-Kategorisierung. Journalist oder Blogger – das muss sich nicht ausschließen. Einige Kommentare oder Kolumnen in Zeitungen haben durchaus Blogcharakter und viele Journalisten bloggen selbst. Das ist eine spannende Erfahrung: Man schreibt anders, traut sich etwas mehr und kommt direkt mit den Lesern in Kontakt. Ich fände es gut, wenn Journalisten bereits in ihrer Ausbildung beide Seiten – Zeitung und Blog – kennenlernen würden. Denn die Diskussion "Journalist vs. Blogger" wird es in ein paar Jahren ohnehin nicht mehr geben. Diese Unterscheidung läuft ins Leere.
bpb: Wir können das Gespräch nicht beenden, ohne Sie als Blogexperten zu fragen: Welcher Blog begeistert sie im Moment? Auf welche Seite sollte man unbedingt schauen?
Köhler: Kulinaria Katastrophalia ist einen Besuch wert. Jeder weiß, dass beim Kochen unglaublich viel schief geht. Dieses Kochblog zeigt nicht nur die tollen Gerichte, es dokumentiert auch Reinfälle und Misserfolge beim Kochen. Und das sehr charmant und witzig. Davon sollte es mehr geben.
bpb: Gibt es auf politischen Terrain ebenfalls einen Geheimtipp?
Köhler: Da gibt es zum einen explizit politische Blogs wie zum Beispiel netzpolitik.org von Markus Beckedahl, das ich immer wieder gerne lese. Zum anderen sind viele Themen, die in "ganz gewöhnlichen" Blogs behandelt werden, bereits politisch. Überhaupt denke ich, dass das Bloggen als persönliche Publikationstätigkeit schon ein politischer Akt ist, da man damit die Grenze des Privaten überschreitet und sich mit seinen Gedanken in die Öffentlichkeit wagt. Es wäre aber wünschenswert, dass auch unsere Politiker das Bloggen für sich entdecken und uns einen Einblick in ihren Tagesablauf erlauben. Das sorgt für Transparenz.
Interview: Andreas Braun
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