Politik im Freien Theater
IV. Zeit für Solisten
In Ostdeutschland war dadurch die Zahl Freier Theater nach einer anfänglich geradezu explosionsartigen Entwicklung drastisch zurückgegangen, beschleunigt noch durch die "Abwicklung" von kulturpolitischen Institutionen wie Klubs, Kulturhäusern u. ä. und den Rückzug von Sponsoren wie z.B. von Betrieben, bei denen die Gruppen Proben- und Auftrittsmöglichkeiten sowie finanzielle Unterstützung gefunden hatten.
Die wirtschaftlichen Zwänge hinterließen aber auch in der etablierten und traditionsreicheren, mithin stabileren westdeutschen Szene deutliche Spuren. Gewachsene Ensembles brachen auseinander, freie Spielstätten mussten den Gastspielbetrieb reduzieren, szenisch opulente Inszenierungen waren nur noch selten zu produzieren und kaum noch auf Tour zu schicken. In der Folge versuchte eine Vielzahl von Theatermachern, sich durch preiswerte und mobile Soloproduktionen über Wasser zu halten, andere suchten ihr Glück in der Rückbesinnung auf Traditionen des kritischen Volkstheaters, das in den 70er und frühen 80er Jahren als Markenzeichen des Freien Theaters galt. Auffällig vor allem war aber die flächendeckende Abkehr von politischen Positionen.
In dieser Situation kam "Politik im Freien Theater" eine gewisse stabilisierende Funktion zu. Als Gegenpol zu den kulturpolitischen Trends in Ländern und Kommunen betonte die bpb ausdrücklich, weiterhin eine auch momentan schwächelnde Freien Theaterszene materiell und ideell zu unterstützen und insbesondere jenen Produktionen "mit deutlich politischem Anspruch" durch das Festival eine öffentlichkeitswirksame Plattform zur Verfügung zu stellen. Wichtig daher, dass auf dem Festival "das gegenseitige Interesse groß war. Nicht nur Bremens Spielstätten waren so gut besucht wie selten, auch die freien Gruppen hoben sich über den eigenen Tellerrand. In Werkstattgesprächen, Publikumsdiskussionen, einer Lesebühne ließen sich mehr Neugier als selbstzufriedene Gewissheit ausmachen." (Theater der Zeit 1/1997)
Trotzdem vermochte das Bremer Festival die eher orientierungslose Situation in der freien Szene nicht zu kaschieren. Es spiegelte ziemlich exakt die damalige Verfasstheit des deutschsprachigen Freien Theaters. Soloproduktionen standen gleich viermal auf dem Spielplan: In seinem Requiem Meinwärts begab sich Raimund Hoghe, langjähriger Dramaturg von Pina Bausch, auf die Spuren des jüdischen, von den Nazis verfemten Tenors Joseph Schmidt; Barbara Englert erzählte in Primadonna, Schwerer Held die Geschichte der Grünen-Politikerin Petra Kelly und ihres Lebens- und Todesgefährten Gert Bastian; Gilla Cremer skizzierte virtuos in Die Kommandeuse das Leben der "Hexe von Buchenwald" Ilse Koch und Rio Tritschler erinnerte in Kerstin Spechts Monodrama Amiwiesen an das jämmerliche Leben von Frauen auf dem Land im Nachkriegsdeutschland.
Kritisches Volkstheater, Stücke von Fassbinder, Kroetz, Specht, Hurm/Zellmer, aber auch Klassikerinszenierungen in der Tradition des Volkstheaters z.B. durch die "bremer shakespeare company", das "Theater des Lachens" aus Frankfurt/Oder, das "Freie Werkstatt Theater" Köln und vor allem das "Theater Lindenhof", Preisträger des Festivals von der Schwäbischen Alb, nahm nicht nur breiten Raum im Programm ein, sonder war Gegenstand auch anregender Publikumsgespräche und heftiger Podiumsdebatten über die Zukunft des Freien Theaters.
Was die politischen Inhalte anging, so dominierten vor allem Themen um Arbeit (Heiner Müller: Herakles 5) und Arbeitslosigkeit (Franz Xaver Kroetz: Furcht und Hoffnung in Deutschland), Fremdsein in Deutschland (Rainer Werner Fassbinder: Angst essen Seele auf) und die kritische Bestandsaufnahme des Vereinigungsprozesses seit 1989 (Rolf Hochhuth: Wessis in Weimar, sowie aktualisierende Lesarten von Peter Weiss: Der Turm und Anton Tschechow: Der Kirschgarten). Auseinandersetzungen mit Mechanismen von Macht und Herrschaft beziehungsweise mit dem Zerfall von Macht wurden vor allem in Klassikerinszenierungen wie Richard II, Troilus und Cressida von Shakespeare oder Henri IV - König für Europa nach Heinrich Mann geführt, in denen sich deutliche Bezüge zu aktuellen Prozessen im ehemaligen Jugoslawien oder in Osteuropa einstellten.
Markanten Schwerpunkt bildeten Vorstellungen wie Die Kommandeuse, Meinwärts und vor allem Der Regenwettermann, ein Stück über die Verstrickungen der Deutschen Wehrmacht, deren Mitwirkung bei den Massenvernichtungen, bei den sogenannten Säuberungen, von Alfred Matusche, einem Außenseiter in der Geschichte der DDR-Literatur. Sie alle setzten sich mit dem NS-Regime auseinandersetzten und erlangten besondere Aktualität durch den kurz zuvor von Daniel Goldhagen ausgelösten "Historikerstreit" sowie die Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-44".
Dennoch: Was blieb, war ein eher schaler Nachgeschmack und der Appell an die bpb, das Festivalkonzept zu überdenken: "Wenn das Festival nicht zum Selbstläufer eines irgendwann einmal bereitgestellten Behördenetats verkümmern, sondern tatsächlich zum Spiegel des Politischen im freien Theater werden soll, sind Mut zu Provokation und Subjektivität der gangbare Weg. Aber vor allem sollten sich die Veranstalter dazu durchringen, den Politik-Begriff erheblich weiter zu fassen. Denn häufig verbirgt sich in einer vermeintlich unpolitischen Inszenierung, die ein Lebensgefühl auf die Bühne bringt, mehr Brisanz als im wortreich das Politische annoncierenden Literaturtheater." (taz, 25.11.1996)
Aufforderungen, denen nachzukommen beim nachfolgenden Festival ein Leichtes sein sollte, hatte die Freie Szene zwischenzeitlich doch aus eigenen Kräften die Krise überwunden und zur alten Vitalität zurückgefunden.
Festivalbeiträge
- Amiwiesen von Kerstin Specht, Chawwerusch Theater, Herxheim, R: Gaby Burckhardt;
- Angst essen Seelen auf von Rainer Werner Fassbinder, Theaterhaus Stuttgart, R: Werner Schretzmeier;
- Der Kirschgarten von Anton Tschechow, Theater des Lachens, Frankfurt/Oder, R: Astrid Griesbach;
- Der Regenwettermann von Alfred Matusche, theater 89, Berlin, R: Hans-Joachim Frank;
- Der Turm von Peter Weiss, Compagnie de Comédie, Rostock, R: Manfred Gorr;
- Die Kommandeuse, Gilla Cremer, Hamburg, R: Johannes Kaetzler;
- Furcht und Hoffnung in Deutschland von Franz Xaver Kroetz, Gostner Hoftheater, Nürnberg, R: Mario Holetzeck;
- Henri IV - König für Europa, Freies Werkstatt Theater, Köln, R: Rolf Johannsmeier;
- Herakles 5 von Heiner Müller, Deutsch-Griechisches Theater, Köln, R: Kostas Papakostopulos;
- König Richard II. von William Shakespeare, bremer shakespeare company, R: Rainer Iwersen;
- Meinwärts, Raimund Hoghe, Düsseldorf, R: Raimund Hoghe;
- Nacht oder Tag oder jetzt. Eine Hexengeschichte von der Schwäbischen Alb von Bernhard Hurm und Uwe Zellmer, Theater Lindenhof, Melchingen, R: Bernhard Hurm;
- Oleanna von David Mamet, Junges Theater, Bremen, R: Claudia Oberleitner;
- Orlando Nunñez oder Die Firma verzeiht einen Augenblick des Wahnsinns von Rodolfo Santana, Schnürschuh Theater/Chinelo Theater, Bremen, R: Reinhard Lippelt;
- Primadonna, Schwerer Held von Wolfgang Spielvogel, Barbara Englert, Frankfurt/Main, R: Wolfgang Spielvogel;
- Sofortige Erleuchtung inkl. MwSt. von Andrew Carr, Theaterproduktion Punktum, München, R: Pez Hitzginger;
- Troilus und Cressida von William Shakespeare, Jubliläumsensemble, Bonn, R: Frank Heuel;
- Wessis in Weimar von Rolf Hochhuth, Theater Links der Isar, München, R: Hartmut Baum.
Jury
- Wolf Bunge, Regisseur, Intendant der Freien Kammerspiele Magdeburg;
- Rotraut de Neve, Schauspielerin;
- Prof. Dr. Henning Rischbieter (Vorsitzender), Theaterwissenschaftler und Theaterkritiker, Berlin;
- Siegfried Schiele, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg;
- Michael Wildenhain, Schriftsteller, Berlin.
Preisträger
- Barbara Englert, Frankfurt/Main (Primadonna, Schwerer Held)
- theater 89, Berlin (Der Regenwettermann)
- Theater Lindenhof, Melchingen (Nacht oder Tag oder jetzt. Eine Hexengeschichte von der Schwäbischen Alb)
- Schnürschuh Theater/Chinelo Theater, Bremen (Orlando Nunñez oder Die Firma verzeiht einen Augenblick des Wahnsinns).
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