Veranstaltungen: Dokumentation

Draußen? Drinnen? Dazwischen?

Migration und Medien: eine offene Beziehung

7.12.2007
Welche Chancen und Risiken birgt muttersprachliche Mediennutzung? Und wie gestaltet sich das Spannungsfeld zwischen Migration und Medien? Diesen Fragen gingen Medienexperten, Journalisten und Wissenschaftler an zwei Veranstaltungstagen in Berlin nach.

"Nicht immer nur Gemüsehändler" wolle er spielen, sondern – ganz selbstverständlich – auch Rollen ohne Migrationshintergrund: Dies wünscht sich der Schauspieler Adnan Maral ("Türkisch für Anfänger"). Beim Fachkongress "Draußen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung" forderte er "mehr Normalität" sowohl im Programm als auch bei der Beschäftigung von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund. Die von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Adolf-Grimme-Institut veranstaltete Tagung in Berlin (29. und 30. November) zeigte in Diskussionsrunden und Vorträgen die vielfältigen Facetten des Spannungsfeldes Migration und Medien.

Will auch mal "Hans Meier" spielen: Adnan Maral ("Türkisch für Anfänger").Will auch mal "Hans Meier" spielen: Adnan Maral ("Türkisch für Anfänger"). (© Katharina Reinhold)
Migranten und ihre Nachkommen sind in den deutschen Medien inhaltlich und beruflich unterrepräsentiert. Erst in den letzten Jahren rückten sie verstärkt in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Dies gilt besonders für das Fernsehen. Ob Vorabendserie, Comedy oder Fernsehfilme: Die Sender reagieren auf das vermeintlich "neue" Thema. Aber an wen richten sie sich mit ihrem Programm? Welche Sender werden von Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugt eingeschaltet? Welche Chancen, aber auch Risiken birgt muttersprachliche Mediennutzung bezüglich Integration und Spracherwerb? Wie wird das Thema in anderen Ländern wie den USA oder den Niederlanden angegangen? Die Konferenzteilnehmer, vor allem Wissenschaftler, Journalisten, Schauspieler und Vertreter der öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten, beschäftigten sich mit diesen und vielen weiteren Fragen. Dabei wurde sehr oft deutlich, dass deutsche Medien in vielen Bereichen noch weit entfernt sind von Normalität im Umgang mit kultureller Vielfalt. So wird die "heute journal"-Sprecherin Dunja Hayali zum Beispiel immer wieder zu Islam-spezifischen Themen befragt, obwohl ihre aus dem Irak stammenden Eltern Christen sind. Dass es derzeit bei den Medienunternehmen einen "Einstellungsbonus" für Menschen mit Migrationshintergrund gibt, findet Hayali "nicht schön, aber wichtig". Sie hat ihre Rolle als Repräsentantin dieser großen und sehr heterogenen Gruppe von Bürgern bewusst und gern angenommen.

Mediennutzung von Migranten: ein Forschungsgebiet mit Zukunft.Mediennutzung von Migranten: ein Forschungsgebiet mit Zukunft. (© Katharina Reinhold )
Dr. Lale Akgün, Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, plädierte für mehr Migranten in den Sendern, nicht nur in der Produktion und der Verwaltung, sondern auch vor der Kamera: "Medien sind dann interessant, wenn die Leute sich wiederfinden, wenn Wirklichkeit gespiegelt wird." Dazu gehöre auch ein im besten Sinne buntes Fernsehen. Dies berge allerdings ein höheres Resonanz-Risiko für die Macher. Denn viele Sendungen bedienten bislang mit Erfolg ganz gezielt Klischees, weil das Quote bringe: "Exotik kommt einfach besser an als Normalität", so Akgün. Dabei sehe die Realität längst anders aus als die Bilder in den Köpfen, die durch mediale Klischees noch verstärkt würden. Zur Darstellung von Normalität gehöre es aber auch, "nicht nur gute Beispiele zu zeigen, sondern auch negative Seiten", so Dr. Tobias Schmid, Leiter der Abteilung Medienpolitik bei RTL. Traditionell seien die deutschen Medien sehr vorsichtig und höflich in der Darstellung von Migranten.

Nur eines der vielen Diskussionsthemen: "Integration durch muttersprachliche Medien?"Nur eines der vielen Diskussionsthemen: "Integration durch muttersprachliche Medien?" (© Katharina Reinhold)
"Ich nehme mir das Beste aus beiden Kulturen. Einen Migrationshintergrund zu haben, war für mich schon immer vor allem eine Bereicherung" , sagte Aylin Selcuk, Gründerin des Forums "Deukische Generation", in der Podiumsdiskussion zum Thema "Integration durch muttersprachliche Medien?". Ganz eindeutig sei Deutschland ihr Lebensmittelpunkt, aber sie wolle natürlich auch von ihrer Herkunft nicht absehen. Sie nutze, so Selcuk, gleichermaßen türkische und deutsche Medien, um sich zu informieren und um sich zu unterhalten. Auch Sineb El Masrar, Chefredakteurin des interkulturellen Frauenmagazins "Gazelle", sprach sich für Selbstbewusstsein der Migranten aus. Unverzichtbar für eine solche Position sei, zentral die deutsche Sprache zu benutzen.

Die Konferenz machte deutlich, dass die Mediennutzung von Migranten ein Forschungsgebiet mit Zukunft ist. Die anwesenden Wissenschaftler betonten mehrfach die noch relativ spärliche Datenlage zu den Mediennutzungsgewohnheiten, aber auch zu den Inhalten der muttersprachlichen Medien. Sicher sei jedoch, dass die Mehrheit der Migranten sowohl deutsche als auch muttersprachliche Medien nutze und sich ihren eigenen "hybriden Medienmix" kreiere, so Prof. Rainer Geißler von der Universität Siegen.

Michael Mangold stellte türkische Fernsehserien als gelungene Verknüpfung von Information und Unterhaltung vor.Michael Mangold stellte türkische Fernsehserien als gelungene Verknüpfung von Information und Unterhaltung vor. (© Katharina Reinhold)
Die Diskussion wurde vielfach bereichert durch Blicke von und nach "Draußen", so gab es Berichte über die Situation von Migranten und Medien in den USA, den Niederlanden und Italien und sowie Schlaglichter auf die arabische Fernsehlandschaft und türkische Unterhaltungsserien. In den USA strebe man eine angemessenes Repräsentation von Minderheiten in den Medien an, die Bemühungen richteten sich jedoch vor allem auf die Strukturen der Medienproduktion (also Anzahl der Beschäftigten), nicht so sehr auf Inhalte, sagte Prof. Horst Pöttker von der Universität Dortmund. Ed Klute (Mira Media, Utrecht) führte aus, wie die Initiative "More Colour in the Media" in den Niederlanden zu einer selbstverständlichen Präsenz der Einwanderergruppen in den Medien geführt habe. Er riet den deutschen Medienmachern, sich mehr Expertise aus dem Ausland zu holen. Dass wir von den anderen lernen können, zeigte auch Michael Mangold vom ZKM in Karlsruhe anhand türkischer Fernsehserien, die es schaffen, Unterhaltung und Information so miteinander zu verknüpfen, dass Bildung ganz nebenher geschieht, dabei durchaus nicht immer politisch korrekt. Dies könne eine Anregung auch für deutsche Medien sein, so Mangold. "Eine offene Auseinandersetzung mit Tabuthemen muss möglich sein."

Der Fachkongress zeigte viele Perspektiven und Beispiele für konstruktive Haltungen, zugleich wurden Anforderungen und Forderungen formuliert. Eine davon brachte die Journalistin Ferda Ataman auf den Punkt: "Medienmacher, auch Journalisten, sollten sich fragen, für wen sie eigentlich ihre Beiträge und Sendungen produzieren. Und sollten dann vielfältige – und auch 'migrantische' – Perspektiven einbeziehen." Immerhin gehörten zum interkulturellen Publikum in Deutschland rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.

Text und Fotos: Katharina Reinhold


 

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