Veranstaltungen: Dokumentation

18.10.2007

Jugendmedientage 2007 in Leipzig

Medien 2.0 – Schöne neue Welt

Sind Blogs das journalistische Format der Zukunft oder nur eine Spielwiese für Selbstdarsteller? Bietet das Web 2.0 ungeahnte Möglichkeiten oder ist es der Sargnagel für seriösen Journalismus? Die Teilnehmer der Jugendmedientage in Leipzig suchten nach Antworten auf diese Fragen.

Der heimliche Star der Jugendmedientage kommt nicht aus dem großen Kreis der namhaften Journalisten und Blogger, die in Leipzig dabei waren. Eine viereckige Leinwand stand vier Tage lang im Mittelpunkt der Veranstaltung: Über die so genannte Chatwall klinkten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Diskussion auf dem Podium ein. Dazu schickten sie eine SMS, die kurze Zeit später im riesigen Nachrichtenfenster über der Bühne zu lesen war.

Der Star der Jugendmedientage - die Chatwall.Der Star der Jugendmedientage - die Chatwall.
Bereits zum sechsten Mal veranstaltete der Bundesverband der Jugendpresse in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb die Jugendmedientage. Das Experiment mit der Chatwall feierte in Leipzig Premiere. Selbst einige Podiumsgäste zückten heimlich das Handy. Christoph Amend vom ZEITmagazin sendete "viele Grüße von hier oben" und Moderatorin Greta Taubert verkündete per Kurzmitteilung ihre Freude über den Anblick der rund 400 Teilnehmer im Studio 3 der media city in Leipzig. Was nach einer netten Idee der Veranstalter klingt, zeigte spielerisch den Charakter der Medien 2.0, die Thema der Jugendmedientage 2007 waren. Ähnlich wie im Mitmachinternet der zweiten Generation diente die Chatwall als Forum für Fragen und kritische Kommentare, aber auch als Bühne für Selbstdarsteller, die die eigentlichen Hauptdarsteller auf dem Podium ablenkten und manchmal sogar in den Hintergrund drängten.

Eine weiteres Phänomen machte in Leipzig via Chatwall von sich Reden: das Gruscheln. Usern des Online-Netzwerkes StudiVZ geht die Wortverknüpfung aus "Grüßen" und "Kuscheln" längst locker über die Lippen. Es bezeichnet eine Funktion zur Kontaktaufnahme mit anderen Mitgliedern der Community. Auf dem Podium diskutierten die Experten derweil über den mangelhaften Datenschutz sozialer Netzwerke wie StudiVZ oder SchülerVZ. Christian Stöcker von Spiegel Online warnte vor den Gefahren der umherfliegenden persönlichen Daten: "Es müssen Mauern hochgezogen werden, wo noch keine sind." Ein weiteres Problem: Das Netz vergisst nicht. Was ein Jugendlicher heute in seinem Blog veröffentlicht oder welche peinlichen Bilder er preisgibt – all das kann ihm irgendwann auf die Füße fallen. Spätestens, wenn der zukünftige Arbeitgeber den Namen des Bewerbers googelt.

Wahrheit 2.0-Symposium mit Moderator Stephan Lohse, Stefan Niggemeier und Thomas Schuler (v.l.).Wahrheit 2.0-Symposium mit Moderator Stephan Lohse, Stefan Niggemeier und Thomas Schuler (v.l.).
Web 2.0 hin oder her. Der Einstieg in den Journalismus führt weiterhin über die klassischen und bewährten Ausbildungswege. Das war das Fazit der Diskussionsrunde mit Andreas Wolfers (Henri-Nannen-
Journalistenschule), Rudolf Porsch (Axel Springer Akademie) und Frank Thomas Suppé (MDR Bildungszentrum). Zwar sei das Internet eine interessante Spielwiese, auf der sich jeder journalistisch austoben und ausprobieren kann, doch auch zukünftig seien Studium, Volontariat oder Journalistenschule unentbehrlich, um das journalistische Handwerk zu erlernen.

In den Medienhäusern selbst schwanken die Szenarien zwischen Hoffen und Bangen: Manche Journalisten und Verlage fürchten, das Web 2.0 mache sie überflüssig. Andere sehen darin die Chance, in der Blogosphäre neue Themen und alternative Sichtweisen zu entdecken und so bessere Beiträge und Produkte zu liefern. Rainer Meyer alias Don Alphonso (blogbar.de) gehört zu den Schwarzsehern: "Mit dem Web 2.0 feiern wir den eigenen Gang zur Schlachtbank, es bedroht den Berufsstand der Journalisten." Bildblog-Macher Stefan Niggemeier hielt dagegen. Er empfinde viele Angebote im Netz als Bereicherung. Sie böten die Möglichkeit, die Wahrheit der Massenmedien zu hinterfragen und sich aus alternativen Quellen zu informieren.

Und was bedeutet das Web 2.0 für die fundierte journalistische Recherche? Ersetzt Wikipedia das Hintergrundgespräch oder den Anruf beim Informanten? Thomas Schuler von Netzwerk Recherche: "Das Internet steckt voller Möglichkeiten, wenn Journalisten es nicht als Endpunkt, sondern als Startpunkt ihrer Recherche verstehen." Auch der Leser kann erkennen, wann ein Artikel glaubwürdig und gut recherchiert ist: Werden die Quellen genannt? Hat der Journalist Originalquellen genutzt? Wurden mehrere Seiten gehört? Steffen Klusmann von der Financial Times Deutschland pocht auch aus einem anderen Grund auf die bewährten Standards: "Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut der Journalisten."

Bloggen im fluter-Workshop: Ramona Ries (19), Julia Hackober (17) und Sabine Zink (19, v.l.) schreiben in ihrem Blog.Bloggen im fluter-Workshop: Ramona Ries (19), Julia Hackober (17) und Sabine Zink (19, v.l.) schreiben in ihrem Blog.
Neben der Theorie kam auch die Praxis auf den Jugendmedientagen nicht zu kurz: In den rund 30 Workshops konnten die jungen Medienmacher ihr frisch erworbenes Wissen multimedial ausprobieren. Dort wurde gebloggt, recherchiert, moderiert, gecastet, getextet, gefilmt und fotografiert. Neon-Redakteur Marc Deckert gestaltete mit den Jungjournalisten eine Miniausgabe des Magazins. Beim Radiosender Sputnik entstanden Beiträge über Religion in der Popmusik, im Nachrichtenstudio des MDR konnte man sich als Moderator versuchen und mit fluter.de wurde die Blogosphäre unsicher gemacht.

Dementsprechend positiv fiel auch das Resümee von Robert Weichert, Projektleiter der Jugendmedientage, aus: "Die neun Monate Vorbereitung haben sich gelohnt, auch wenn die vier Tage viel zu schnell vorbei gegangen sind." Er sei von den Teilnehmern begeistert. "Ihr Engagement und ihre kritischen Nachfragen haben zum Erfolg der Jugendmedientage beigetragen." Dieses Lob gab es umgehend zurück – der Chatwall sei Dank. Während der Abschlussdiskussion am Sonntag stand dort: "Es war toll. Wir sehen uns bei den Jugendmedientagen 2008."

Text: Andreas Braun
Fotos: Patricia Dudeck & Andreas Braun