Veranstaltungen: Dokumentation

18.10.2007 | Von:
Christoph Amend

"Konservativ? Damit kann ich gut leben!"

Christoph Amend über Blogs, den Einstieg in den Journalismus und das ZEITmagazin

Der Journalist Christoph Amend im Interview

bpb: Herr Amend, Web 2.0 und dessen Auswirkungen auf den Journalismus sind Thema der Jugendmedientage. Wie ist es um Ihre Web 2.0-Fertigkeiten bestellt, nutzen Sie privat Podcasts und Blogs?

Amend: Ich finde das alles spannend, probiere viel aus und staune über die Möglichkeiten. Wir experimentieren auf www.zeitmagazin.de auch mit Videoblogs. Unser Kolumnist Harald Martenstein etwa hat bereits eine eigene, sehr unterhaltsame Art entwickelt und seinen Blick auf die Welt auf das Medium Videoblog übertragen. Wie er da sitzt mit Sonnenbrille in seiner Kreuzberger Küche und über Gott und die Welt redet, das ist schon ziemlich klasse, finde ich. Andererseits weiß heute niemand, wo das alles hinführen wird. Ist das Genre Videoblog wirklich eine spannende Form, die sich etablieren wird - oder ist es Fernsehen für Arme? Diese Frage ist noch nicht beantwortet.


bpb: Welche Blogs oder Foren können Sie empfehlen?

Amend: Neben dem Bildblog kann ich den Blog des ZEIT-Kollegen Jörg Lau empfehlen, da diskutiert mittlerweile eine immer größere Gemeinschaft über den Islam, über Glaubensfragen, die ja heute sofort politisch sind - sehr lehrreich und keine l'art pour l'art.

bpb: Was raten Sie jungen Journalistinnen und Journalisten, die in der Branche Fuß fassen wollen?

Amend: Ruft an, meldet euch in den Redaktionen von Zeitungen oder Magazinen, die ihr selbst interessant findet. Bietet Themen und Geschichten an, lasst euch nicht durch Absagen entmutigen. Wenn ihr gute Ideen und Ausdauer habt, dann ruft euch auch mal jemand zurück. Man muss nur Geduld und Willen mitbringen.

bpb: Für viele junge Journalisten ist aber gerade die Suche nach Themen ein Problem.

Amend: Ja? Das kann ich mir nicht vorstellen. Die jungen Journalisten, die ich kennenlerne, sind sehr neugierig und haben viele tolle Ideen. Alles, was einem auffällt, hat doch das Zeug zum Thema, egal wie banal es zunächst erscheinen mag. Ich habe zum Beispiel vorhin auf dem Podium etwas beobachtet: Nur wenige Leute wollten während der Podiumsdiskussion etwas am Mikrofon sagen, aber viele schickten eine SMS (Anmerkung: Die Teilnehmer konnten sich per Chatwall an der Diskussion beteiligen. Dazu schickten sie SMS, die auf eine Leinwand über der Bühne projiziert wurden). Was bedeutet das für die Kommunikation einer ganzen Generation? Es gibt scheinbar ein großes Bedürfnis danach, aber nicht so sehr nach persönlichen Gesprächen, sondern eher nach distanzierter Kommunikation, wie wir sie in Chats, Foren oder per SMS erleben. Das zum Beispiel ist ein Thema. Ich würde das gerne irgendwo mal erklärt bekommen.

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Web 2.0 - Top oder Flop?

Was den bekennenden Medienjunkie Christoph Amend am Web 2.0 nervt? Gar nichts. Dafür freut es ihn um so mehr, dass durch Web 2.0-Formate immer neue Möglichkeiten gefunden werden, Geschichten journalistisch zu erzählen.

bpb: Hat das Web 2.0 Ihren journalistischen Alltag verändert?

Amend: Es hat das Themenspektrum erweitert. Wer nach Themen sucht, der sollte heute wissen, wie Facebook und StudiVZ funktionieren - oder was man bei dem sozialen Netzwerk Twitter alles anstellen kann. Dort überall schlummern spannende Geschichten.

bpb: Mit welchen Web2.0-Formaten arbeiten Sie bei der ZEIT?

Amend: Mit Blogs, Podcasts und Foren. Wenn es um den Ausbau des Onlineangebots der ZEIT geht, fällt mir ein Erlebnis ein, das ich bei der Marktforschung für das ZEITmagazin hatte: Dabei haben wir 20 Männern und Frauen aus verschiedenen Altersgruppen zugeschaut, wie sie das neue Magazin aufnehmen, welche Texte sie lesen. Das einzige was diese bunt zusammengewürfelte Gruppe verband, war die Tatsache, dass sie ZEIT-Leser waren. Das Verblüffende: Nach zehn Minuten haben sich diese Leute unterhalten als würden sie sich schon Jahre kennen. Diesen Effekt nennt man im Web 2.0 "Community" - eine tolle Chance für unser Online-Angebot, auch fürs Magazin.

bpb: Das neue ZEITmagazin ist erstmals Ende Mai herausgekommen. Die Fachpresse hat vor allem den konservativen Grundton kritisiert. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus nach vier Monaten?

Amend: Unser Ziel für die Einführungsphase war, Selbstverständlichkeit auszustrahlen. Das ist uns, glaube ich gelungen. Das war gar nicht so leicht, denn einerseits haben wir einen Zeitungsteil in ein Magazin verwandelt, und andererseits war es für viele Leser die Rückkehr des ZEITmagazins. Es war deshalb wichtig für uns, von den Lesern sofort mit der ZEIT identifiziert zu werden. Wenn manche das dann als konservativ betrachten, wie Sie sagen, kann ich damit ganz gut leben. Wenn wir jetzt plötzlich auf besonders verrückt und jugendlich machen würden, wäre das nicht besonders glaubwürdig, oder?


Interview: Andreas Braun