Veranstaltungen: Dokumentation

18.10.2007 | Von:
Stefan Niggemeier

"In der Zeitung würde BILDblog nicht funktioniern"

Stefan Niggemeier über BILDblog, Medienjournalismus und Auflagenverluste

Der Journalist Stefan Niggemeier im Interview

bpb: Herr Niggemeier, seit 2004 spüren Sie Fehler und Mängel in der Berichterstattung der BILD auf und veröffentlichen diese auf BILDblog.de. Gab es einen konkreten Anlass für die Gründung von BILDblog?

Niggemeier: Nein, ein Schlüsselereignis gab es nicht. Christoph Schultheis und ich waren eher frustriert, dass wir als Medienjournalisten nur selten die Möglichkeit hatten, die BILD-Berichterstattung publizistisch zu thematisieren. Natürlich haben wir ein, zwei große Geschichten pro Jahr darüber gemacht, aber wir wollten uns kontinuierlich damit auseinandersetzen. Das war in der Zeitung nicht möglich.


bpb: Wie hat sich BILDblog seitdem verändert?

Niggemeier: Große Veränderungen hat es nicht gegeben. Wir stecken heute allerdings deutlich mehr Zeit in das Projekt als zu Beginn. Außerdem sind wir etwas zielstrebiger geworden. Am Anfang haben wir vor allem Merkwürdigkeiten aus der BILD gezeigt. Heute recherchieren wir ganz konkret, was in der BILD nicht stimmt.

bpb: Wie viele Journalisten arbeiten an BILDblog?

Niggemeier: Wir sind drei Leute, die täglich für BILDblog arbeiten. Dazu kommen aber noch viele Leute, die mehr oder weniger regelmäßig mithelfen, recherchieren und Einträge schreiben.

bpb: Können Sie von der Arbeit bei BILDblog leben?

Niggemeier: Inzwischen ist das möglich. Wir finanzieren uns vor allem durch Anzeigen, Spenden spielen kaum noch eine Rolle. Damit sind zwar keine großen Sprünge drin, aber es ist genug, damit zwei bis drei Leute davon leben können.

i

Web 2.0 - Top oder Flop?

Was Stefan Niggemeier an den Web 2.0-Formaten begeistert? Leserbeteiligung. Was ihn stört? Leserbeteiligung. "Durch die Beteiligung der Leser werden die Nutzer dümmer und klüger zugleich. Ein unfassbarer Fundus an Informationen und Idealismus ist nur einen Mausklick entfernt von primitiver Selbstdarstellung und Pöbelei."

bpb: Was wissen Sie über die Nutzer von BILDblog?

Niggemeier: Ich vermute, es gibt zwei typische Arten von BILDblog-Usern: Die einen sind jung, meist Studenten oder Auszubildende. Die lesen BILDblog, weil sie die BILD nicht mögen und über uns auf unterhaltsame Art Fakten und Argumente bekommen, die sie bei Diskussionen mit Freunden oder Kollegen anbringen können. Der andere BILDblog-Leser hat professionell mit BILD zu tun. Das sind Kollegen in Pressestellen, Behörden oder anderen Boulevardmedien.

bpb: Web 2.0-Formate leben von der Beteiligung ihrer Nutzer. BILDblog verzichtet auf eine Kommentarfunktion für die Nutzer. Warum?

Niggemeier: Am Anfang haben wir die Kommentarfunktion abgeschaltet, weil wir es zeitlich nicht geschafft haben, die Kommentare zu moderieren, und ohne Moderation wäre es nicht gegangen. Sonst wäre abzusehen gewesen, wann wir juristische Probleme bekommen, weil ein Leser Kai Diekmann (Anmerkung: Chefredakteur der BILD) beleidigt. Inzwischen haben wir eine Größe erreicht, bei der eine Kommentarfunktion, glaube ich, auch nicht mehr sinnvoll ist. Wenn BILD beispielsweise etwas Falsches über die Rente schreibt und wir das thematisieren, dann verschiebt sich die Diskussion der Leser schnell auf ein Pro und Contra zum Thema gesetzliche Rentenversicherung. Bei 50.000 Lesern am Tag ist es für uns unmöglich, dass zu moderieren. Das können wir nicht leisten. Es wäre auch für die Leser von begrenztem Nutzen.

bpb: BILDblog ist ein gelungenes Beispiel für Journalismus, der die Arbeit der eigenen Branche kritisch begleitet. Wie ist es generell in Deutschland um kritischen Medienjournalismus bestellt?

Niggemeier: In der Zeitungskrise 2002 ist in dieser Richtung viel kaputt gegangen. Nicht nur weil Kollegen und Kolleginnen entlassen wurden, sondern auch weil die Existenzberichtung des Medienjournalismus in Frage gestellt wurde. Den Zeitungen ging es damals dreckig. Und sie wollten nicht auch noch selbst darüber berichten, wie schlecht es ihnen ging. Statt Kritik wurde Solidarität gefordert. Das hat sich wieder ein wenig geändert: Es gibt gute Medienseiten und Medienjournalisten. Aber das sind oft Einzelfälle. Es gibt zwischen vielen Chefredakteuren und Herausgebern großer Medien auch sehr enge Kontakte: Man hält sich gegenseitig den Rücken frei. Deswegen empfinde ich viele Angebote im Internet als Bereicherung.

bpb: Zurzeit werben Christoph-Maria Herbst und Anke Engelke in einem Werbespot für BILDblog. Wie kam es dazu?

Niggemeier: Das entstand eher zufällig. Wir wollten schon länger einen TV-Spot machen und haben ein Drehbuch geschrieben. Chris Geletneky, der für Brainpool Sitcoms schreibt, hat es sich angeschaut, eine eigene Idee entwickelt und dann – scheinbar aus Spaß - gemeint: Vielleicht spielt ja Anke Engelke mit. Letztlich ist aus der Schnapsidee Ernst geworden. Christoph-Maria Herbst, Anke Engelke und Brainpool hatten Lust, uns auf diese Weise zu unterstützen, und haben kostenlos für uns gearbeitet.

bpb: Sie waren bis zum vergangenen Jahr Medienredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Heute sind Sie als Journalist vor allem im Internet tätig. Wo liegen für Sie die Unterschiede?

Niggemeier: Der Hauptunterschied liegt gar nicht so sehr in der Art des Schreibens, sondern in der Freiheit, die Gesetze der etablierten Medien ignorieren zu können. Im Netz kann ich über Sachen schreiben, obwohl sie irrelevant sind oder bereits einen Tag zuvor thematisiert wurden. Was wir mit BILDblog machen, wäre in der Zeitung unmöglich. Das ist für mich aber keine Entweder-oder-Frage. Ich finde es dann auch toll, Themen die ich bereits vielfach in Blogs behandelt habe, in 150 Zeilen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zusammenzufassen und einzuordnen.

bpb: Welche Reaktionen gab es vom Springer-Verlag auf BILDblog.de?

Niggemeier: Es gibt ganz wenige Äußerungen über uns. Offiziell werden wir totgeschwiegen und ignoriert, auch Klagen vor Gericht gibt es bisher nicht.

bpb: BILD ist die mit Abstand auflagenstärkste Zeitung in Deutschland. Seit einigen Jahren verliert sie aber massiv an Auflage. Verkaufte die BILD 1998 noch 4,41 Millionen Exemplare, liegt die aktuelle Auflage bei 3,44 Millionen. Reiben sie sich bei dieser Entwicklung die Hände?

Niggemeier: Ja, schon ein wenig. Ich finde es gut, wenn die Art von Journalismus, wie BILD sie betreibt, weniger Leser findet. Allerdings muss man fairer Weise zugeben, dass der Auflagenrückgang nicht nur hausgemacht ist. Es spielt auch eine Rolle, dass die gesamte Medienlandschaft boulevardesker geworden ist. Themen, auf die BILD früher fast ein Monopol hatte, werden heute auch vom Fernsehen und vielen vermeintlich seriösen Medien behandelt.

bpb: Sehen Sie in den Möglichkeiten des Web 2.0 eine Chance für angehende Journalisten oder einen Fluch?

Niggemeier: Auch wenn ich viele Entwicklungen im Internet kritisch sehe, glaube ich, dass das Internet gerade für junge Journalisten viele Chancen bietet. Deswegen versuche ich auf solchen Veranstaltungen immer Mut zu machen und sage: Versucht es, probiert es aus und nutzt die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Interview: Andreas Braun