Veranstaltungen: Dokumentation

18.10.2007 | Von:
Rudolf Porsch

"Fragen Sie mal Wolf Schneider, was ein Browser ist"

Rudolf Porsch über Wege in den Journalismus, die Axel Springer Akademie und die Bedeutung von Allgemeinwissen

Der Journalist Rudolf Porsch im Interview

bpb: Auch im Web 2.0-Zeitalter gelten die Klassiker – Journalismusstudium, Volontariat oder der Besuch einer Journalistenschule – als Königswege in den Journalismus. Worauf kommt es bei der Ausbildung an?

Porsch: Eine gute journalistische Ausbildung sollte sich nicht mit den Standardantworten zufrieden geben, sondern immer nach dem Besten verlangen. Oft laufen Ausbildungskonzepte darauf hinaus, dass man den bestehenden Job gut bewältigt. Das Motto lautet: Mach den Job so wie wir ihn gemacht haben. Eine fundierte Ausbildung muss aber mehr leisten. Sie sollte dem Journalist das Handwerkszeug vermitteln, damit dieser seine eigene Zukunft gestalten kann.


bpb: Diese hohen Ansprüche erfüllen vielleicht die Journalistenschulen. Der Normalfall ist aber ein Volontariat in einem Verlag oder bei einer Tageszeitung. Was sollte die Ausbildung dort bieten?

Porsch: Es ist wichtig, dass der Volontär nicht in nur einem Bereich verheizt wird. Volontäre sollten die ganze Palette ihres Berufs kennen lernen und nicht zwölf Monate am Stück O-Töne sammeln oder in der gleichen Sport- oder Lokalredaktion arbeiten. Zudem sollte die kritische Reflexion der eigenen Arbeit mit einem erfahrenen Journalisten nicht zu kurz kommen. Gerade daran scheitert es leider häufig. In vielen Redaktionen gibt es schlicht nicht die Kapazitäten und die Zeit, um Texte kritisch zu besprechen.

bpb: Sie sind Geschäftsführer der Axel Springer Akademie. Wie läuft die Ausbildung in Ihrem Haus ab?

Porsch: Unsere Ausbildung dauert 24 Monate und ist crossmedial ausgerichtet. In den ersten sechs Monaten lernen die JournalistenschülerInnen ausschließlich an der Akademie. Dort werden sie mit den Grundlagen des Printjournalismus vertraut gemacht und lernen die Bereiche Video, Hörfunk und Online kennen. Im zweiten Halbjahr arbeiten die Kollegen in den verschiedenen Redaktion von "Welt kompakt". Die dritte Phase dauert zwölf Monate und ist wie ein klassisches Volontariat aufgebaut. Diese Station kann in den verschiedenen Redaktionen des Springer Verlages, etwa bei "Bild", "Welt", "Bild am Sonntag" oder "Hamburger Abendblatt", absolviert werden.

bpb: Was muss ein Bewerber mitbringen, um an der Axel Springer Akademie eine Chance zu haben?

Porsch: Die Grundvoraussetzung sind Leidenschaft und Begeisterung für den Journalismus. Man muss diesen Job wirklich wollen. Die zweite Voraussetzung: Kreativität. Wir wollen keine reflexartigen Antworten hören, sondern erwarten von den Bewerberinnen und Bewerbern auch Mut, eine falsche Antwort zu geben, neue Wege zu gehen. Ein Beispiel: In diesem Jahr mussten die Bewerber eine Reportage zum Thema "Tourismus in Berlin" schreiben. Wer dafür eben nicht eine Stadtrundfahrt mit dem Bus macht oder japanische Touristen am Potsdamer Platz befragt, sondern einen ausgefalleneren Ansatz findet, der wird bei uns belohnt.

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Web 2.0 – Top oder Flop?

Die Stärken des Web 2.0 sind für Rudolf Porsch die Authentizität und die Unmittelbarkeit der Möglichkeiten. Was ihn stört? "Ebenfalls die Authentizität. Denn es kostet sehr viel Zeit, alles zu konsumieren und sich durch manche Redundanz hindurchzuquälen."

bpb: Formale Kriterien wie Hochschulabschluss oder Altersgrenze gibt es nicht?

Porsch: Wir fordern zwar, dass die Bewerber höchstens 29 Jahre alt sind. Aber wenn uns die Qualität des Bewerbers überzeugt, machen wir durchaus Ausnahmen. Im nächsten Jahr beginnt zum Beispiel ein 30-Jähriger ohne Hochschulabschluss seine Ausbildung bei uns.

bpb: Journalistische Urgesteine wie Wolf Schneider beklagen einen zunehmenden Mangel an Sprachgefühl und Allgemeinwissen bei jungen Journalisten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Porsch: Ich teile diese Ansicht, aber nicht die damit verbundene Wertung. Bei uns im Auswahlverfahren wurde in den vergangenen Jahren häufig diese Frage gestellt: Wann wurde die Berliner Mauer gebaut? Meine Beobachtung: Je weiter wir uns zeitlich vom Fall der Mauer 1989 entfernen, desto falscher werden die Antworten. Aber wie bewerte ich das? Ich tendiere dazu, das nicht so vernichtend zu werten und unseren Bewerbern eine andere Art von Bildung zuzubilligen. Für unsere Bewerber spielt das Datum des Mauerbaus keine große Rolle mehr. Als die Mauer fiel, waren die meisten noch im Vorschulalter. Das ist historisch und findet im Alltag der jungen Menschen kaum statt. Ohne den hoch geschätzten Kollegen Wolf Schneider angreifen zu wollen: Aber fragen Sie ihn doch mal, was ein Browser ist.

bpb: Was überrascht Sie an jungen Journalistinnen und Journalisten?

Porsch: Positiv: Der spielerische Umgang mit Themen, Menschen und Niederlagen. Während sich meine Generation Selbstzweifeln hingegeben hätte, stehen jungen Menschen heute schnell wieder auf. Das gefällt mir sehr. Negativ: Die Kritiklosigkeit. Ein Interview wird eher mit der Attitüde eines Autogrammjägers geführt. Häufig fehlt der letzte Biss, um eine bestimmte Frage klären zu wollen.

Interview: Andreas Braun