Veranstaltungen: Dokumentation

22.10.2007 | Von:
Marc Deckert
Jonas Natterer

Gute User landen im Heft

NEON-Textchef Marc Deckert und Grafiker Jonas Natterer entzaubern die schöne neue Welt des Web 2.0.

Der NEON-Textchef Marc Deckert und der Grafiker Jonas Natterer im Interview

bpb: NEON war einer der Pioniere im Web. Jetzt wo viele Magazine mitgezogen sind, muss da wieder etwas Neues kommen?

Deckert: Es stimmt, NEON hatte eine Seite mit User Generated Content, noch bevor das Schlagwort aufkam. Wir haben sehr früh eine Plattform für Leute geboten, die sich im Web darstellen möchten, aber auch Lust haben zu schreiben, zu diskutieren und ihre Beiträge in einem NEON-Rahmen veröffentlicht zu sehen. Die Besonderheit an NEON.de gegenüber anderen Angeboten ist, dass die Seite redaktionell sehr gut betreut wird. Die Online-Redaktion trifft eine qualitative Auswahl von User-Texten, und die Durchschnittsqualität der Beiträge ist überraschend hoch.
Und momentan entwickelt sich die Seite weiter. Es gibt zum Beispiel einen neuen Podcast, in dem Prominente die Fragen der User beantworten.
Die zweite Entwicklung ist, dass die User jetzt die Chance haben, mit Online-Texten im Heft zu landen. Texte, die der Printredaktion gut gefallen und thematisch passen, heben wir ins Heft. Wenn die User von NEON.de sehen, dass ihre Texte den Sprung ins gedruckte Magazin schaffen, ist das auch ein Ansporn zu schreiben.

bpb: Dann bereichert das neue Web 2.0 also die Medien?

Deckert: Ja. Und alle Einzelphänomene für sich genommen – Wikis, Blogs, Freundesnetzwerke – finde ich interessant, aber das Marketingschlagwort "Web 2.0" ist schier unerträglich. Es wird sehr widersprüchlich und inkompetent gebraucht und oft für Phänomene benutzt, die es alle in der Ära 1.0 auch schon gab.

bpb: Web 2.0 als Marketing-Masche?

Deckert: Wir sind in der NEON-Redaktion recht stark mit PR von Marken konfrontiert, die Öffentlichkeit suchen. Es gab eine Phase, da wurde ich zwei, drei Monate lang jeden Tag von irgendjemandem angerufen, der sagte: "Hey, wir haben da eine coole, neue Web 2.0 Anwendung. Wollt ihr da nicht drüber berichten?" Ich hab's mir angeschaut und es waren meistens ganz normale Websites. Die PR hat das Schlagwort "Web 2.0" sofort nach seiner Erfindung massiv aufgegriffen. Dadurch wurde es ein Modebegriff, eine inhaltsleere Floskel.

bpb: Mancher behauptet, das Web 2.0 sei sozialer als das alte Web.

Deckert: Das Internet war auch zuvor schon eine Kommunikationsplattform, die genutzt wurde. Blogs und Bürgerjounalismus waren auch früher schon möglich.
Wenn man sich heute die Literatur der 90er-Jahre anschaut, aus der Zeit als das Internet dank neuer Browser massentauglich wurde, dann sieht man, dass der Community-Gedanke schon genauso anziehend war wie heute, nur noch nicht so verbreitet. Viele Autoren haben sich Gedanken über neue Gemeinschaftsformen, neue soziale Bewegungen gemacht. Die Vorstellungen von utopischen Gesellschaften und totaler Meinungs- und Redefreiheit waren teilweise noch visionärer und gingen noch viel weiter als das, was heute über das Internet gesagt wird. Jetzt zu behaupten, erst mit dem Web 2.0 wurde das Internet richtig sozial, ist böser Schwachsinn.

bpb: Was sagt der Grafiker zum Selbermacher-Internet?

Natterer: Ich muss zuerst mal sagen, dass ich auf Printmagazine spezialisiert bin. Und als Grafiker fällt mir auf, dass das Web 2.0 meistens scheußlich aussieht. Die Idee solcher Seiten ist, dass sie eine Struktur bieten, die von jedem befüllt werden kann. Und wenn jeder einfach einen Haufen privater Strandfotos ins Netz stellt, dann ist das eben aus Sicht eines Menschen, der sich mit Layouts befasst, selten ästhetisch wertvoll. Die Bildqualität ist meistens nicht das, was ich mir vorstelle.

bpb: Aber wo bleibt der demokratische Gedanke, wenn Sie einem User sagen "Du hast es nicht drauf, also lass' es bleiben"?

Natterer: Das sagen wir ja nicht. Wir wollen gar nicht alles kommentieren oder beurteilen, was die User so machen. Das ist deren Ding. Wir heben gute Texte hervor. Aber ansonsten stellen wir mit NEON.de nur einen Rahmen zur Verfügung, in dem das alles gut aussieht. Auch auf NEON.de laden Menschen teilweise sehr private Bilder und Texte hoch und möchten, dass diese kommentiert und wahrgenommen werden. Ganz ohne Exhibitionismus funktioniert so eine Seite wahrscheinlich auch nicht.

Deckert: Man kann Qualität aber auch nicht demokratisch bekommen. Das besonders an der NEON.de-Seite ist ja, dass eine Redaktion da ist und eine qualitative Auswahl trifft. Deswegen hebt sich NEON.de eben gerade von dem User-Generated-Mischmasch auf anderen Seiten ab, die für mich ununterscheidbar sind. Zweitens pflegen die User selbst den Standard. Es werden für Internetverhältnisse sehr zivile Umgangsformen gepflegt. Das erstaunt mich immer wieder.
NEON.de ist in der glücklichen Situation, dass die User sich an der Qualität des Hefts orientieren und an der Qualität anderer guter Beiträge.

bpb: Lassen Sie sich umgekehrt auch vom Web inspirieren?

Deckert: Ja. Wir sehen NEON.de als gleichberechtigt neben dem Heft. Wir wissen, dass die User keine Journalisten sind und keine journalistischen Texte schreiben, aber wir nehmen sie als Gesprächspartner ernst.

Natterer: Ich gehe manchmal auf die Google-Bildsuche und ich gucke mir auf Flickr die Privatfotos von Menschen an, um auf gute Bildideen zu kommen. Manchmal auch aus Schadenfreude. Das Internet ist aber für mich kein inspirierender Ort. Allein der Rahmen in dem das alles steckt, der Browser und der unsinnliche Monitor. Der Computer ist noch nie ein schönes Objekt gewesen. Ich habe schon immer lieber gedruckte Magazine gemacht. Das hat mit Fanzines angefangen und Magazine haben mich schon immer mehr inspiriert als das Internet.

bpb: NEON spielt mit den Möglichkeiten die Leser einzubeziehen. Es gibt die Online-Blattkritik, bei der die User die einzelnen Teile des aktuellen Hefts kommentieren können. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Deckert: Wir lesen die Blattkritik im Internet tatsächlich durch, das macht jeder für sich, und bei Texten, die viel Zuspruch oder Widerspruch bekommen, diskutieren wir über die Gründe. Es interessiert die Redakteure, wie ihre Texte ankommen. Mein letzter eigener Text war eher kompliziert und theoretischer. Da wollte ich wissen, ob das die Leute verprellt. Am Anfang gab es vier nette Kommentare, über die ich mich gefreut habe, und dann wurden es plötzlich immer mehr. Es gibt auch viele Themen, die in der Redaktion kontrovers diskutiert werden, da wird um so mehr geschaut, was die Leser dazu sagen. Blattmacherische Entscheidungen sind aber nicht direkt davon beeinflusst. Man muss bedenken, dass NEON auch noch Leser hat, die nicht online aktiv sind und sich äußern.

Natterer: Außer zum Cover bekommen wir aber wenig Feedback zur Optik des Magazins. Meistens wird der Inhalt diskutiert. Das ist schade, denn den Feedback-Service - muss ich zugeben - nutze ich sehr gerne. Ansonsten bin ich ein begeisterter Crasher meines NEON.de-Profils und lade da allerlei Skurrilitäten hoch. Ich benutze es und bekomme auch ständig Anfragen, die ich fleißig beantworte. Ich freu mich, wenn eine Nachricht kommt wie "Hallo, ich kenn Dich aus dem Studium". Da ist die NEON-Redaktion sehr zuverlässig und sehr dahinter her, dass Leser und User-Anfragen schnell beantwortet werden, dass die Kommunikation läuft.

bpb: Gibt es auch User-Stars auf der NEON-Webseite?

Natterer: Ja, es gibt besonders gute Schreiber und es gibt User, die einfach ziemlich gut aussehen. Doch es ist schon so, dass die beliebtesten NEON-User auch auffallend hübsche Fotos haben.

Interview: Patricia Dudeck