Veranstaltungen: Dokumentation

9.11.2007 | Von:
Rainer Meyer

Im Web 2.0 ist jeder sein eigener Chefredakteur

Der Journalist und Metablogger Rainer Meyer über die Chancen und Risiken des Web 2.0

Der Journalist und Metablogger Rainer Meyer berichtet über die Chancen und Risiken des Web 2.0.

bpb: Ist die neue Internetära Web 2.0 nur etwas für junge Journalisten?

Meyer: Wenn's ums Internet geht, bringen junge Menschen teilweise einen Wissensvorsprung mit. Nichtsdestotrotz sind die derzeit bekanntesten deutschen Blogger – wie die Macher von bildblog.de und Johnny Haeusler von spreeblick.com – alle jenseits der dreißig Jahre alt. Es sind nicht die ganz jungen, sondern die älteren Herrschaften aus den Medien. Bloggen ist noch etwas, was wir Älteren können. Aber dafür stehen wir fassungslos vor Webanwendungen wie etwa StudiVZ. Das wiederum sind Kommunikationsstrategien der Zwanzigjährigen, die wir nicht mehr verstehen. SMS haben wir gerade noch gelernt, mit E-Mail können wir umgehen, mit dem Blog auch, weil es sehr journalistisch ist. Aber alle neuen Sachen - wie twitter.de, wo die Texte als rudimentäre SMS in die Blogs gesendet werden - sind für uns nur extrem schwer nachzuvollziehen.


bpb: Werden Blogs und Wikis der Journalisten-Zunft gefährlich?

Meyer: Die Alternativen zum Journalismus im heutigen Internet, bedeuten für den klassischen Gatekeeper-Journalismus natürlich ein Problem. Jeder, der versucht Nachrichten zu kontrollieren, muss sich damit abfinden, dass es viele Foren und Blogs gibt, die diesen Nachrichtenaustausch selbst betreiben. Man braucht keine Zeitung mehr, man muss es nicht mehr drucken, und es kostet nichts. Das kann allerdings für kleine und Nicht-Journalisten von Vorteil sein.

bpb: Wie kann es von Vorteil sein, wenn es Journalisten überflüssig macht?

Meyer: Die neue Internetgeneration gibt Journalisten die Chance, sich selbst zu verwirklichen. Sie können neben den großen Medientankern ihr eigenes kleines Ruderboot haben. Dort können sie publizieren, ohne dass jemand reinredet. Auf einen Chefredakteur ist man im eigenen Blog nicht mehr angewiesen. Das ist eine ganz große Freiheit. Die Zunft muss sich neu orientieren. Ich glaube, fundiert recherchierte Informationen sind im Web 2.0 noch viel beliebter. Sie werden weitergetragen, es gibt eine größere Diskussion dazu. Journalisten müssen Wege finden, mit dieser anderen Art der Kommunikation umzugehen, mit Lesern, die dank der Kommentarfunktion direkt auf Artikel reagieren können.

bpb: Mit "Blogbar" pflegen sie ein Metablog in dem Sie als Don Alphonso an anderen Blogs und Anwendungen des Web 2.0 rumnörgeln. Haben Sie damit eine lukrative Marktlücke entdeckt?

Meyer: Es gibt so viele Blogs. Und ich bezweifle, dass es in der Blogosphäre besondere Marken gibt. Sie hat rund 170.000 Blogger und Millionen Leser. Und meine Blogs, die jetzt relativ bekannt sind, haben ungefähr 400 bis 800 Verlinkungen und 4.000 bis 8.000 Leser. Das ist wenig, fast nichts. Die Marke entsteht erst, wenn von außen jemand auf diese Blogosphäre draufschaut und zu den größten unter den Zwergen sagt: "Hey ihr seid groß." Was völliger Schmarrn ist. Ich habe gesehen, dass die Leute mein Blog gerne lesen. Dass sie gerne die Welt durch andere Augen sehen. Wie auch im Blog einer 23-jährigen Studentin, die nach Los Angeles zieht. Oder ich lese, was eine Kurortsverwalterin auf Rügen erlebt. Diese Blogger erzählen mir die Welt aus Blickwinkeln, die ich vorher nicht hatte.

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Web 2.0 – Top oder Flop?

Der Metablogger Rainer Meyer warnt Unsichere und Unvorsichtige vor dem Web 2.0. Im Internet sei schon immer Betrug, Datendiebstahl und Missbrauch möglich. Das werde im Web 2.0 teilweise noch verstärkt. "Viele denken nicht groß nach. Sie wissen nicht, was mit ihren Daten angestellt werden kann." Die Öffentlichkeit sollte der Internetnutzer nicht so weit treiben, dass er plötzlich nackt da steht. Meyer würde aber auch keinen davon abhalten, sich im Netz zu bewegen: "Mein Leben wäre bei Weitem nicht so reich, wenn ich keinen Blog hätte." Er hat viele Leute dadurch kennen gelernt und Geschichten gelesen, die er sonst nie gelesen hätte. "Das soll man sich durch die Probleme nicht kaputt machen lassen."

bpb: Ist ein Blogger nicht sehr angreifbar sobald er sich der großen Öffentlichkeit im Netz stellt?

Meyer: Man muss einfach vorsichtig sein und aktiv Datenschutz betreiben. Ich rate jedem, entweder nur begrenzt Informationen von sich rauszulassen, mit denen ihm keiner weh tun kann. Oder man erfindet eine Kunstfigur – so wie ich "Don Alphonso". Wenn jemand das Geschriebene dann gegen mich verwenden will, kann ich sagen: "Das hat mit mir nichts zu tun. Steht doch Kunstfigur drauf." Wie er's macht, muss jeder selbst rausfinden - das ist ein Lernprozess. Die meisten gebrauchen beide Methoden: ein bisschen literarisieren, ein bisschen die positiven Punkte hervorheben und dann passt das schon.

bpb: Zählen sie die Zugriffe auf ihre Seite?

Meyer: Habe ich anfangs gemacht, aber die Klicks interessieren mich heute nicht mehr. Für mich bedeutet Bloggen Freiheit, publizistische Freiheit - sagen zu können, was ich will. Wenn ich anfange zu schauen, was die Leute lesen wollen, was sie zieht, dann wäre ich nicht mehr frei. Dann würde ich für die Klickzahl schreiben und das wäre schade. Diesen Auflagendruck gibt es überall in den Medien und der ist sehr schädlich und macht keinen Spaß.

bpb: Verändert sich die Qualität des Journalismus im harten Online-Kampf um die Zugriffszahlen?

Meyer: Der Kampf um die Klicks zwingt Journalisten teilweise viel krasser zu formulieren. Sie lesen bei Spiegel-Online zum Beispiel viel schärfere Überschriften, wie sie in der Printversion nie stehen würden. Woanders werden Texte aus Wikipedia abgeschrieben. Blogger werden um ganze Texte beklaut. Es gibt da schon einige Verhaltensweisen die sehr unschön sind. Sie werden durch die freie Verfügbarkeit solcher Quellen im Netz erleichtert. Es klaut sich im Web 2.0 sehr einfach.

bpb: Welche Rolle spielt dabei der Zeitfaktor?

Meyer: Zeit ist im Onlinebereich immer knapp. Aber die Journalisten können dank des Internets auch schneller arbeiten. Sie müssen zur Recherche nicht mehr großartig ins Archiv gehen – Google findet das meiste. Zumindest so, dass sich ein Artikel drüber schreiben lässt. So kommen Artikel schneller heraus - manchmal auf Kosten der Sorgfalt. Web 2.0 macht aber nichts schlechter, was noch nicht schlecht ist. Vielmehr zeigt es sehr viel krasser Qualitäten und Versagen auf. Der Druck auf die Kollegen ist extrem hoch geworden. Sie müssen rund um die Uhr publizieren und am besten alle Medien gleichzeitig machen. Das ist eine sehr hohe Beanspruchung.

Interview: Patricia Dudeck