Veranstaltungen: Dokumentation

"Ins offene Mikro laufen lassen"

WDR-Mann Wolfgang Kapust über Live-Berichte, 3-Minüter und Sprachsorgfalt


3.5.2007
WDR-Mann Wolfgang Kapust im Interview

bpb: Was muss man beim Hörfunk für die Berichterstattung über Rechtsextremismus beachten?

Kapust: Das Fernsehen hat Bilder, über die Assoziationen hervorgerufen werden können – der Hörfunk kann das Phänomen Rechtsextremismus nur mit Worten darstellen: Es bedarf dafür einer exakten Sprache und exakter sprachlicher Bilder. Wenn ich beispielsweise über den "Aufmarsch" oder "Einmarsch" der NPD in den Landtag berichte, dann heißt es von Kritikern oft, ich müsse stattdessen vom "Einzug" sprechen. Gerade im Hörfunk müssen die Journalisten über die Hintergründe genau Bescheid wissen: Was ist der Unterschied zwischen rechtsextrem, rechtsextremistisch, rechts, rechtspopulistisch, rechtsradikal, was ist verfassungsfeindlich, was verfassungswidrig und so weiter. Aber hier herrschen oft Inkompetenz und Unkenntnis vor.

bpb: Also berichtet der Hörfunk anders über dieses Thema als andere Medien?

Kapust: Die Dichte der Sprache ist absolut zentral, besonders bei Live-Berichterstattungen von Parteitagen oder Live-Interviews. Da muss man das Handwerkszeug beherrschen, um argumentieren zu können. Das sehe ich als Teil der normalen journalistischen Sorgfaltspflicht. Ich plädiere für fundierte Sachkompetenz in diesem Bereich. Man muss beurteilen können, was man für berichtenswert hält, was wichtig ist, und darf sich nicht durch Propaganda der Rechtsextremisten täuschen lassen.

bpb: Bei Print gilt oft: keine Wortlautinterviews mit Rechtsextremen. Im Hörfunk auch?

Kapust: Wir haben ganz klare Vorschriften: Beiträge mit verfassungsfeindlichen Inhalten dürfen nicht gesendet werden. Bei Live-Gesprächen ist das natürlich gefährlich. Wer auf Nummer Sicher gehen will, macht in solchen Fällen gebaute Beiträge. Ich persönlich habe mit Live-Interviews bisher keine Probleme gehabt – da hat man die Chance, seinen Gesprächspartner ins offene Mikro laufen zu lassen. Autorisierungen durch die Interviewpartner habe ich noch nie gemacht, hat auch niemand verlangt. Das geht auch technisch meistens nicht, dafür ist keine Zeit, wenn draußen vor dem NPD-Parteitag mein Ü-Wagen steht und der Beitrag sofort auf Sendung geht.

bpb: Lässt sich dieses Thema glaubhaft in einem Dreiminüter vermitteln?

Kapust: Ich muss in jeder Länge arbeiten können – ob das ein Einminüter oder ein 59-Minüter ist, ist da egal. Für einen Dreiminüter kann ich höchstens einen Aspekt herausarbeiten, den ich für relevant halte. Sei es, eine Person mit krimineller Karriere, die sich als Biedermann präsentiert, die Tatsache, dass die NPD im Wahlkampf demokratiefeindliche Botschaften vermittelt, oder ein Bericht über die verschiedenen Propaganda-Slogans der Partei und deren Hintergründe. Jeder Beitrag, egal wie lang, verlangt ein Höchstmaß an Sorgfalt.

Interview und Foto: Anne Haeming


 

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