Veranstaltungen: Dokumentation

"Rechtsextremismus ist ein Dauerproblem"

Die Politologin Britta Schellenberg über die Berichterstattung in Print, Funk und TV


3.5.2007
Britta Schellenberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Centrum für Angewandte Politikforschung" C.A.P, im Interview

bpb: Was ist aus Ihrer Sicht die Haupt-Crux an der Berichterstattung über Rechtsextremismus?

Schellenberg: Vor allem herrscht zu wenig Kontinuität, Berichte gibt es nur bei besonderen Anlässen. Nach Wahlerfolgen der Rechtsextremen etwa, und dann auch nur, wenn sie über fünf Prozent gekommen sind. Dass bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zehn Prozent Jungwähler rechts gewählt haben, tauchte gar nicht erst auf. Nach der Wahl gibt es ein kurzes Hochschnellen der Berichterstattung, das dann auch wieder verebbt. Gewalttaten sind auch oft ein Aufhänger, allerdings: Allein im Jahr 2006 fand in Deutschland alle anderthalb Stunden eine rechtsextrem motivierte Gewalttat statt – trotzdem wurde nur marginal berichtet. Und abgesehen von Gewalttaten und Wahlen: Es gibt tagtäglich Anlässe, die man als Aufhänger nehmen kann. Rechtsextremismus ist ein Dauerproblem und muss als solches behandelt werden.

bpb: Gibt es Unterschiede zwischen den Medien?

Schellenberg: Eigentlich hängt es in erster Linie von den jeweiligen Journalisten ab, manche beschäftigen sich mit dem Thema ja seit Jahren, das merkt man auch. Andere recherchieren zu wenig, das mündet dann oft in einer dramatisierenden Berichterstattung. Das Problem mit dem Rechtsextremismus wird oft überzogen, etwa wenn Vergleiche mit der Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten gezogen werden. Da stehen wir nicht, so etwas schürt nur unnötige Ängste bei den Medienkonsumenten. Ein großer Unterschied ist aber sicher zwischen Fernsehen und Print auf der einen und Hörfunk auf der anderen Seite: Die Visualisierung des Themas ist ein besonderes Problem. Rechtsextremismus wird oft bebildert mit glatzköpfigen Skins in Springerstiefeln. Aber die rechtsextreme Szene ist weitaus vielschichtiger als das, nur mit diesen Klischees ist sie nicht zu fassen. Derartiges Bildmaterial konterkariert oftmals gute Texte.

bpb: Und im Fernsehen?

Schellenberg: Die Nachstellung von Gewalttaten finde ich sehr problematisch, mit dunklen Gestalten, die Molotowcocktails auf Häuser werfen. Demokraten, die sich dieser Gesinnung entgegen stellen wollen, werden so nur eingeschüchtert. Überhaupt taucht Gewalt überproportional oft auf – Rechtsextremismus ist keine rein gewalttätige Angelegenheit. Das verzerrt die Realität.

bpb: Wird in Ostdeutschland anders berichtet als im Westen

Schellenberg: In Ostdeutschland gibt es ein Problem mit Journalisten, die zur Zeit der Wende um die 40 waren und längst etabliert in ihren Regionalmedien. Viele von ihnen stellen sich sehr schwer auf diese neue, komplexe, postmodern-globalisierte Gesellschaft ein. Aber vor und nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern vergangenen Herbst habe ich etwa viele junge engagierte Journalisten getroffen. Und auch sie diskutieren sehr offen über die schwierige Situation mit den älteren Kolleginnen und Kollegen. Im Westen kennt man sich mit einer differenzierten Gesellschaft einfach besser aus. Und natürlich: im Osten gibt es viermal so häufig rechtsextreme Gewalttaten, auch die fremdenfeindliche Einstellung und autoritäre Haltung sind im Osten deutlich stärker.

bpb: Was muss sich an der Berichterstattung ändern?

Schellenberg: Es ist wichtig, nicht von vorneherein Grenzen zu ziehen, und sich als Journalist auf die Seite "der Guten" zu schlagen. Es sollte auch um eine Auseinandersetzung mit Ursachen von rechtsextremen Überzeugungen gehen. Und die Positionen der Rechtsextremen sollten auch in Beiträge mit einbezogen werden, vor allem im Fernsehen – und immer kommentiert. In einer ARD/ZDF-Studie zum Thema haben wir festgestellt: Wenn derartige Sprüche nicht eingeordnet werden, glauben die Leute diese rechtsextremen Ressentiments, das Öffentlich-Rechtliche gilt schließlich als glaubwürdig. Wer sowieso eine rechtsextreme Einstellung hat, fühlt sich dann nur bestätigt.

bpb: Gibt es Themen, bei denen man besonders vorsichtig sein muss, etwa bezüglich Wortwahl?

Schellenberg: Gerade beim Bereich Migration und Ausländerpolitik muss man sich sehr präzise ausdrücken. Phrasen wie "Migrantenschwemme" oder "Das Boot ist voll" sind ungeheuer problematisch. Sprachliche Sensibilität ist das Wichtigste, das gilt für Print, Hörfunk und TV gleichermaßen.

Interview und Foto: Anne Haeming


 

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