Veranstaltungen: Dokumentation

Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte?

Hermann Wentker: Eröffnung: Demokratie und Diktatur/ Leben nach dem "Prinzip Links"

12.3.2007
Ist es möglich, trotz des Kontrastes von Diktatur und Demokratie eine gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte zu schreiben? Horst Möller vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin geht in seinem Eröffnungsvortrag dieser Frage nach.

Eröffnet wurde die Konferenz mit einem Vortrag von Horst Möller (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), der sich den Konturen einer solchen integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte widmete. Ist es möglich, so seine zentrale Frage, trotz des Kontrastes von Diktatur und Demokratie eine Nachkriegsgeschichte zu schreiben, die beide deutsche Staaten umfaßt? Zunächst betonte er den fundamentalen, durch die Staatsform gegebenen Gegensatz zwischen beiden Staaten, der letztlich zur getrennten Behandlung von DDR und Bundesrepublik geführt habe. Dieser dürfe nicht durch eine schwammige Begrifflichkeit verwischt werden: Es habe zwar Nischen in den Diktaturen gegeben, aber keinen Sektor, der mit Zustimmung der Herrschenden Autonomie beanspruchen durfte. Dennoch waren beide Staaten stets eng aufeinander bezogen, wie sich nicht zuletzt an der berühmten Formel Willy Brandts von den zwei Staaten in Deutschland, die füreinander nicht Ausland und deren Beziehungen zueinander von "besonderer Art" seien, verdeutlichen läßt.

Gemeinsam war beiden zum einen der nationale Bezugspunkt: Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik bezogen sich auf – jeweils unterschiedlich ausgewählte bzw. interpretierte – deutsche Traditionen. Zum anderen sei der gemeinsame Ausgangspunkt für beide Staaten die "deutsche Katastrophe" (Friedrich Meinecke) gewesen: Für beide stellte der Nationalsozialismus das gemeinsame Schreckbild dar, wenngleich sie sehr unterschiedlich damit umgingen. Dennoch standen sich beide Staaten im Kalten Krieg als Kontrahenten gegenüber, beide machten durchaus unterschiedliche Entwicklungen durch, so daß das Konzept einer Parallelgeschichte nicht immer sinnvoll sei. Es komme also, so Möllers wichtigste Aussage, darauf an, die für beide Staaten gemeinsam zu behandelnden Sektoren sorgfältig auszuwählen, damit der Gegensatz von Diktatur und Demokratie nicht verwischt werde. Als Beispiele nannte er etwa Generationserfahrungen nach 1945, die Wirkungen von 1968 und die Gesundheitspolitik.

Das im Anschluß an die Darlegungen Möllers von Hermann Wentker (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) geleitete Podiumsgespräch wurde von Andreas Wirsching (Universität Augsburg) eröffnet, der zunächst pointiert darlegte, daß die Geschichte der Bundesrepublik durchaus ohne Bezugnahme auf die DDR geschrieben werden könne. Die Bundesrepublik hatte sich in den achtziger Jahren eine eigene, teilstaatliche historische Erzählung zu eigen gemacht: das "Modell Deutschland" als Erfolgsgeschichte. Vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung warnte Wirsching vor zwei Versuchungen bei einer deutsch-deutschen Geschichte: zum einen davor, in die Geschichte der Bundesrepublik einen "wiedervereinigungsgeschichtlichen" Subtext einzuschreiben, und zum anderen davor, die Meistererzählung der westdeutschen Erfolgsgeschichte nachzuerzählen. Letzteres sei ein Mythos, bei dem die DDR aus der deutsch-deutschen Geschichte eskamotiert werde. Sinnvoller seien hingegen Fragen nach anderen, weniger offenkundigen Kräften deutsch-deutscher Vergemeinschaftung. So gelte es beide deutsche Staaten als gemeinsamen Erfahrungsraum zu begreifen, der etwa in gesellschaftsgeschichtlicher (z.B. hinsichtlich der Individualisierung), kulturgeschichtlicher (z.B. in Medien und Konsum) und strukturgeschichtlicher Hinsicht (z.B. mit Blick auf die Wissensgesellschaft/ Dienstleistungsgesellschaft) für beide deutsche Staaten gemeinsam untersucht werden könne.

Günther Heydemann (Universität Leipzig) führte demgegenüber aus, wie eng die DDR auf die Bundesrepublik bezogen war, so daß sich aus ostdeutscher Sicht ein deutsch-deutscher Blick auf die Nachkriegsgeschichte sehr viel eher aufdränge als aus westdeutscher Sicht. Heydemann wies, wie Möller, auf die gemeinsamen Vorbelastungen aus der Vergangenheit hin und betonte die "Kontinuität der Brüche" (Rudolf Vierhaus), die die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert kennzeichne. Dazu gehörten etwa die sich immer wieder verändernden Grenzen genauso wie der Wechsel zwischen Demokratie und Diktatur, bis es nach 1945 zur parallelen Existenz von Demokratie und Diktatur in Deutschland gekommen sei. Gemeinsam sei beiden deutschen Staaten darüber hinaus die "Zusammenbruchsgesellschaft" gewesen, aus der beide hervorgegangen seien. Eine stringente deutsche Nachkriegsgeschichte, so Heydemann, sei jedoch noch nicht geschrieben, wenngleich es brauchbare Konzepte gebe. In diesem Zusammenhang bezog er sich auf das "Sechs-Phasen-Modell" von Christoph Kleßmann, das er zwar in Einzelheiten kritisierte – so könne man etwa in den achtziger Jahren nur für die DDR, nicht aber für die Bundesrepublik von "Erosionsgeschichte" sprechen –, grundsätzlich aber für sinnvoll hielt. Damit habe man zwar einen Plan, aber noch keine Meistererzählung, die die Herrschafts-, Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte gleichermaßen berücksichtigen müsse.

Zu den Risiken und Chancen einer integrierten deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte befragt, führte Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) zunächst aus, daß dies einen nationalgeschichtliche Zugriff impliziere, den er für zu eng halte. Darüber hinaus stellten sich bei einem parallelgeschichtlichen Zugriff das Problem der Periodisierung sowie zahlreiche methodische Schwierigkeiten, über die man sich vergewissern müsse. So müsse etwa geklärt werden, ob über den Vergleich eine Typisierung oder eine Hervorhebung der Unterschiede gewollt sei – eine Gleichsetzung sei dabei ebenso problematisch wie eine normative Abwertung: Die Hervorhebung der Tatsache, daß die Bundesrepublik eine Demokratie und die DDR eine Diktatur gewesen sei, führe seiner Meinung nach wissenschaftlich nicht weiter. Die Chancen einer deutsch-deutschen Sicht bestanden für ihn in einer Öffnung auf einen gemeinsamen Raum, in dem parallele Entwicklungen deutlich gemacht werden könnten, in der Abkehr von der verinselten Betrachtung beider Staaten und in der Hinwendung zu Problemlagen, die beiden gemeinsam gewesen seien. Für eine integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte lägen konzeptionelle Angebote vor – neben dem "Sechs-Phasen-Modell" von Kleßmann erwähnte er das der "chronologisch sensiblen und inhaltlich pluralen Sequenzperspektiven" von Konrad Jarausch. Für besonders untersuchenswert hielt Sabrow system-transzendente Phänomene sowie erinnerungspolitische und –kulturelle Fragen im gesamtdeutschen Raum. Die lebhafte Diskussion, die sich sowohl unter den Podiumsteilnehmern als auch mit dem Publikum anschloß, konzentrierte sich unter anderem auf die Frage, welchen Stellenwert die demokratische Staatsform der Bundesrepublik bzw. diktatorische der DDR für eine deutsch-deutsche Geschichte haben solle, auf den nationalgeschichtliche Zugriff sowie auf die Sektoren, die für eine solche deutsch-deutsche Geschichte sinnvollerweise auszuwählen seien.

Abgesehen von der Podiums- und Abschlußdiskussion sowie der Präsentation des Buches "Leben nach dem ‚Prinzip Links´" von und mit Hermann Weber fand noch der Vortrag von Matthias Steinle (Universität Marburg) zu den wechselseitigen Perzeptionen in west- und ostdeutschen Informationssendungen aus dem Fernsehen im Plenum statt. Anhand sorgfältig ausgewählter Beispiele konnte er verdeutlichen, wie sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR anfänglich der jeweils andere Staat als "Feind" dargestellt wurde; mit der Entspannungspolitik nahmen die wechselseitigen verbalen und non-verbalen Distanzierungen ab; an die Stelle des Feindbildes trat nun in zunehmendem Maße ein "Fremdbild". Alle anderen Referate wurden in parallel stattfindenden Sektionen zu den unterschiedlichsten Aspekten deutsch-deutscher Beziehungen, den wechselseitigen Perzeptionen und Grenzüberbschreitungen sowie zu Umbruch und Transformation gehalten. Die Moderatoren der Sektionen, Jens Gieseke (Abteilung BF, BStU Berlin), Rainer Gries (Universität Jena/Universität Wien) und Clemens Vollnhals (HAIT Dresden) haben die Inhalte der Referate und Diskussionen zusammengefaßt und die Veranstaltung aus ihrer Sicht bewertet.

Text: Hermann Wentker


 

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