Veranstaltungen: Dokumentation

Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte?

Rainer Gries: Sektionsbericht Wirtschaft/ Grenzüberschreitungen/ Kultur

12.3.2007
Wie entwickelten sich die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen? Gab es Parallelen in der wirtschaftlichen Entwicklung der beiden deutschen Staaten?

Ein "gemeinsamer" deutsch-deutscher Kommunikationsraum

Auf dem Weg zu einer "gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte" scheinen Frage- und Problemstellungen, die keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten der beiden deutschen Staaten oder Gesellschaften aufweisen, zunächst weniger auf der Agenda zu stehen. Darauf ließen jedenfalls die Programmpunkte der Konferenz in Suhl in ihrer überwiegenden Mehrheit schließen. Die Zuschreibung "gemeinsam" provoziert womöglich einen durchaus nachvollziehbaren heuristischen Reflex: Die deutsch-deutsche Geschichte wird auf einer ersten Ebene nach Gemeinsamkeiten, nach Feldern der Begegnung und der Zusammenarbeit abgesucht. Das gilt überwiegend auch für die von mir moderierten drei Sektionen. Freilich hat dieser Zugriffsmodus durchaus seine Berechtigung – à la longue sollte aber mit den Versuchen, eine "asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte" zu erarbeiten, das Bemühen verbunden sein, eben gerade auch das auf den ersten Blick Nicht-Gemeinsame, das Andere im Anderen, das Fremde im Anderen als einen integralen Bestandteil der "eigenen" und einer "gemeinsamen Geschichte" zu modellieren. Wir sollten künftig Methoden und Koordinatensysteme bereitstellen, welche die Beobachtung und adäquate Beschreibung der von Interaktions- und Integrationsprozessen auch und gerade des Nicht-Gemeinsamen sicherstellen.

Diesem Impetus liegen Beobachtungen auf der Tagung zu Grunde, vor allem aber ein Grundverständnis deutsch-deutscher Geschichte, das die beiden Gesellschaften als einen gemeinsamen Kommunikationsraum, als einen Erfahrungs- und Erwartungsraum, versteht. Selbstverständlich sind die Beziehungen und die Bedeutungen, die in diesem Raum "Geschichte machten", zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich zu gewichten, selbstverständlich handelte es sich um ein "asymmetrisch" zu charakterisierendes Geflecht von Interaktionen. – Wobei die Kategorie "Kommunikationsraum" im weitesten Sinne zu verstehen ist: Gemeint sind keineswegs nur publizistische und kommunikative Interaktionen und Interrelationen im klassischen Sinne, sondern auch politische, juristische, ökonomische und kulturelle Bezüge und Bezugnahmen. Eine deutsch-deutsche Geschichte als eine Geschichte wechselseitiger Wahrnehmungen und aufeinander bezogener Handlungen vermag somit auch die klassische Politikgeschichte einzubinden.

Eine deutsch-deutsche Geschichte, die sich als integrierend versteht, sieht sich mit der großen Herausforderung konfrontiert, diese kulturellen wie politischen Bezugnahmen mit adäquaten Methoden beobachtbar und in adäquaten Koordinatensystemen darstellbar zu machen.

Auf dem Weg zu einer verflochtenen deutsch-deutschen Geschichte

Eine vorausschauende Tagungsregie hatte es so eingerichtet, dass wir in der Sektion "Wirtschaft" drei geradezu mustergültige Zugriffe auf Gemeinsames diskutieren konnten. Heike Knortz (Pädagogische Hochschule Karlsruhe) verfolgte einen vergleichenden strukturgeschichtlichen Ansatz und machte aus makroökonomischer Perspektive ein ähnliches Epiphänomen in beiden deutschen Volkswirtschaften aus: Das "Zeitalter" extensiven Wirtschaftens bis Anfang der siebziger Jahre. Statt Konzepte der Intensivierung umzusetzen, folgte man hier wie dort personalintensiven Wachstumspfaden. Allerdings förderte diese vergleichbare Diagnose keine ähnliche Anamnese zu Tage. In der DDR hat das planwirtschaftliche System die Hortung von Arbeitskräften stark begünstigt, wohingegen in der Bundesrepublik die Mechanismen des Marktes ausgeschaltet blieben, weil man Rationalisierung und Automatisierung grundsätzlich skeptisch gegenüber stand.

Solch systemübergreifende strukturhistorische Vergleichsszenarien werden auch künftig gerade auf dem Feld der Wirtschafts- und Sozialgeschichte unverzichtbar sein; sie sollten jedoch um Vergleichsebenen innerhalb der Systeme ergänzt werden. Peter Fässler (Technische Universität Dresden) führte einen nicht minder viel versprechenden Zugriff auf eine deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte vor. Er thematisierte die Frühphase gemeinsamen deutsch-deutschen Wirtschaftshandelns. In beiden deutschen Staaten waren die politisch Verantwortlichen bestrebt, den innerdeutschen Handel in den Dienst der Deutschlandpolitik zu stellen. Das zentralplanwirtschaftliche System eröffnete der DDR freilich größere Möglichkeiten der Steuerung, wohingegen in der Bundesrepublik die Vielfalt der Akteure eine gezielte Indienststellung der Handelsbeziehungen für die Deutschlandpolitik erschwerte. Bis Anfang der sechziger Jahre allerdings blieben innerdeutsche Aufträge eher eine Seltenheit, waren überwiegend propagandistischer Natur und von relativ geringem Volumen.

Seit den sechziger Jahren entwickelte sich die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen dann bestens: Fortan ging man die ökonomische Zusammenarbeit pragmatisch, im ökonomischen Geist und zuweilen in großem Stil an. Die Erforschung "gemeinsamer" Praxen, die bis zur Bearbeitung des Weltmarktes "Hand in Hand" ging, impliziert nicht nur klassische wirtschaftsgeschichtliche Zugänge, sondern ebenso kultur-, mentalitäts- und generationengeschichtliche Fragestellungen. Die beiden weiteren Beiträge zu dieser Sektion widmeten sich schließlich der Geschichte wechselseitiger Wahrnehmungen. "Gemeinsame Geschichte", so die Diskussion in der Sektion, wird nicht nur, wie Andreas Wirsching zu Anfang der Konferenz mit Recht betont hatte, durch gemeinsame Erfahrungsräume, sondern vor allem auch durch gemeinsame Erwartungsräume und Erwartungshorizonte konstituiert – freilich sind diese Erwartungen höchst different. Manuel Schramm (Technische Universität Chemnitz) zeigte die dominanten "Referenzrahmen" der technischen Elite während der fünfziger Jahre in der DDR auf. Temporär bezog man sich auf die Vorkriegszeit als einer negativen Folie. Vor allem aber setzte man die eigenen Arbeitsergebnisse stets in Bezug zum technischen Stand in der Bundesrepublik – nicht ohne ein ominöses "Weltniveau" für manche eigenen Erzeugnisse zu postulieren. Gegenüber den Bruderländern des sozialistischen Glacis entwickelte man jedoch ein gesättigtes Gefühl von Überlegenheit. Die letzten beiden Horizonte scheinen in einem engen Zusammenhang miteinander zu stehen: Die Entwicklungen im Westen wurden in der Regel als Vorbild betrachtet, was ein chronisches Gefühl von Inferiorität gegenüber den dortigen Möglichkeiten und Ressourcen bedingte, welches sich wiederum mit einem stolzen Blick auf den Entwicklungsstand gen Osten kompensieren ließ.

Die Aufklärung der Wahrnehmungen und Selbstverortungen technischer und ökonomischer Eliten in ihren jeweiligen räumlichen und zeitlichen Koordinatensystemen scheint ein sehr fruchtbarer Ansatz für eine wechselseitige Geschichte der beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften darzustellen. Dierk Hoffmann (Institut für Zeitgeschichte, Abteilung Berlin) thematisierte wirtschaftspolitische Argumentationsmuster und Erwartungsmuster, die zum Bestandteil und Inhalt politischer und propagandistischer Auseinandersetzungen in und zwischen den beiden deutschen Staaten avancierten. So galten die Erwartungen an eine – positive – Entwicklung der Erwerbstätigkeit nicht nur bei den politisch Verantwortlichen beiderseits der Demarkationslinie als Indikator für den Erfolg oder den Misserfolg im Wettstreit der Systeme. Demzufolge gab es nicht nur eine Magnettheorie, mithin ein Erwartungsmuster ökonomischer Attraktivität, westdeutscher Prägung, sondern auch eine Magnettheorie ostdeutscher Provenienz. Der Referent konstatierte im Zusammenhang mit diesen sich wechselseitig bedingenden Perzeptions- und Propagandamustern einen "gemeinsamen" Utopieverlust in den siebziger Jahren. In den Jahren des Ölpreisschocks wurde das Ende eines ungebremsten Fortschritts- und Modernisierungsdenkens hüben wie drüben offenbar – und damit ging das endgültige Aus einer wie auch immer gearteten Vision vom eigenen Modell als einem Magneten für 'die Anderen' einher.

Zur "gemeinsamen" Geschichte der beiden deutschen Staaten und Gesellschaften gehört die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze. Gleich ob sie offen oder geschlossen sind, verkörpern Grenzen über das Trennende hinweg doch stets auch Verbindendes: Grenzen teilen nicht nur Territorien, sondern sie manifestieren auf Dauer auch die Tatsache einer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Mauer in Berlin und die deutsch-deutschen Grenzanlagen markierten über Jahrzehnte die unbestreitbare Tatsache, dass das jeweilige Gegenüber, das und Andere, greifbar nahe war: Man konnte sich sehen, hören, zuwinken. Die Sektion "Grenzgänger" zeigte,
  • dass die Kommunikation über die Grenze hinweg und
  • dass die Kommunikation über die Grenze selbst
ebenfalls Gegenstand einer asymmetrisch verflochtenen Beziehungsgeschichte sein muss. Nicht zuletzt waren es die wechselseitigen Projektionsvorgänge über die physisch-materiellen Grenzsperranlagen und über die mit ihr organisch verbundenen emotional-ideologischen 'Frontlinien' hinweg, welche die Zuschreibungen des Anderen und des Eigenen organisierten und (mit-) bestimmten. Gerade an ebendieser vielschichtigen Grenzverflechtung kristallisierten sich Strukturelemente des jeweiligen 'Wir'-Verständnisses und des 'Wir'-Gefühles hüben wie drüben heraus. – Vielfach – aber nicht nur – als Widerpart zum offiziell feindlichen Anderen. Die weitere sozial- und kulturgeschichtliche Erforschung des Grenztransits könnte dazu beitragen, dieses komplexe und hoch aufgeladene Terrain als Handlungs- und Kommunikationsfeld zwischen den beiden Staaten und Systemen, vor allem aber zwischen Personen und menschlichen Akteuren weiter aufzuklären. Die Beiträge der Sektion vermittelten Einblicke in neueste Forschungsergebnisse zur Soziologie und Kultur unterschiedlicher Formen des Grenzübertrittes und zur Kommunikation vor Ort, unmittelbar an der Grenze.

Wahrnehmungsperspektiven der Flucht und der Flüchtenden, der Grenze und der Welt jenseits der Grenze thematisierte Helge Heidemeyer (Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Berlin). Aus der Sicht der Partei mussten die "Republikflüchtigen" Feinde des Sozialismus, des Volkes und der Volkswirtschaft sein. Aus der Sicht der Bevölkerung stellte sich das Grenz-Setting ganz anders dar: Das Land hinter der Mauer wurde mit den bekannten auch konsumtiven Hoffnungen und Sehnsüchten verknüpft. So trennte die deutsch-deutsche Grenze nicht nur die beiden deutschen Gesellschaften – die höchst unterschiedlichen Wahrnehmungen des Grenzzusammenhanges markierten wiederum politische und kulturelle Differenzen und "Grenzen" innerhalb der DDR-Gesellschaft. Gruppen von Personen, welche die Grenze zwischen den Systemen überschritten, standen im Mittelpunkt zweier weiterer Beiträge dieser Sektion. Gerhard Neumeier (BStU, Außenstelle Suhl), konnte sozialstatistisches Datenmaterial zu "Rückkehrern" aufarbeiten. Mit "Rückkehrern" geraten Personen ins Blickfeld, die sich nach der Abriegelung in der Bundesrepublik aufhielten und nach einer vergleichsweise kurzen Zeit, nämlich innerhalb weniger Wochen, wieder in die DDR zurück kamen.

Die vom Referenten ausgewerteten Unterlagen der Suhler Staatssicherheit für den Zeitraum von 1961 bis 1973 machten deutlich, dass es sich dabei vor allem um junge Leute, überwiegend um junge Männer handelte, die "drüben" bald zu der Ansicht kamen, dass sie in der Bundesrepublik nicht "ankommen" würden. Viele der jungen Migranten verloren demnach bereits nach wenigen Tagen im Westen das Vertrauen auf eine gelingende Integration, was sicher auf die anfänglich besonders prekären Wohnverhältnisse sowie auf Gefühle der Entwurzelung und der Einsamkeit zurückzuführen ist. In der Bundesrepublik angekommen, waren sie daher mehrheitlich vorerst in der Nähe der Grenze wohnen geblieben: sie wollten offenbar nicht allzu weit von der nahen Heimat in der DDR entfernt leben. Gleichwohl war der Grenzübertritt bei den meisten Jugendlichen nicht von langer Hand vorbereitet, sondern erfolgte vielfach spontan, nicht selten unter Einfluss von Alkohol. Nicht auszuschließen ist, dass der politische und propagandistische Druck auf die Jugend Mitte der sechziger Jahre manch einen über die Grenze trieb. Marion Detjen (Berlin) schritt das Diskursfeld der Fluchthilfe ab – freilich nicht, ohne zunächst auf die Sozialgeschichte der Fluchthilfe nach dem Bau der Mauer einzugehen.

Seit 1963 wurde Fluchthilfe von den Propagandisten der DDR als "staatsfeindlicher Menschenhandel" gebrandmarkt. Die Referentin machte deutlich, dass das Bild 'des Fluchthelfers' überdies auch in Westdeutschland unterschiedlich ausfiel. 'Der Fluchthelfer' konnte in den Arenen der veröffentlichten Meinung nicht nur als Heros der Freiheit gefeiert, sondern auch als dunkler Geschäftemacher an den Pranger gestellt werden. Die Referentin plädierte mit Recht dafür, die Attribuierungsgeschichte der Phänomene 'Fluchthilfe' und 'Fluchthelfer' im deutsch-deutschen Rahmen zu verorten und als das Ergebnis eines komplexen Interaktionsprozesses über die Grenze hinweg zu analysieren. Kommunikationen unmittelbar an der Grenze untersuchte Maren Ullrich (Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg). Die Kunsthistorikerin dokumentierte die überkommenen Materialisationen der Erinnerungskultur und –politik in den Nahbereichen des "antifaschistischen Schutzwalles": Mithin Mahnmale und Museen, Gedenkstätten und Skulpturen im Westen. Zu solchen Inszenierungen der Teilung vor Ort gehört jedoch aus kunsthistorischer Untersuchungsperspektive als integraler Bestandteil auch die andere Seite der Grenze. Die Observierungsarchitektur im Osten korrespondierte sozusagen mit den Gedenksteinen des Westens! – Ein Beitrag, der die Grenze gleich in mehrfacher Hinsicht als Medium vorführte.

Eine sozial- und kulturhistorisch geprägte Grenzforschung wird nicht nur Modi des Übertrittes oder Überganges sowie Modi gegenseitiger Wahrnehmung in den Blick zu bekommen, sondern sollte darüber hinaus nicht aus den Augen verlieren, dass beide deutschen Staaten nicht nur durch diese eine Grenze eingehegt waren, die zugleich die globalen Systeme voneinander schied. Beide Staaten waren vielmehr von einer komplexen Grenztopographie umgeben. Die einzelnen "Grenzen" bildeten nicht nur physisch, sondern auch psychisch, auch von der Wahrnehmung her betrachtet, ein Geflecht: So wurde die Öffnung der Oder-Neiße-"Friedens-Grenze" von der ostdeutschen Bevölkerung in den siebziger Jahren als "gerechte" Kompensation für die abgeriegelte Grenze gen Westen interpretiert.

"Kultur" in "Umbruch und Transformation"

Eine künftige Geschichte des vereinten Deutschland wird erneut diejenigen Prozesse auf den Prüfstand zu stellen haben, mit welchen 'Normen' und 'Formen' in unterschiedlichen politischen, sozialen, ökonomischen und regionalen Kontexten im Laufe der neunziger Jahre "austariert" wurden. Auf der einen Seite werden in diesem Zusammenhang all diejenigen Normenkompromisse aufzuklären sein, welche dem Prozess der 'Vereinigung' als juristische und politische Sollwerte vor- und vorangestellt wurden. Auf der anderen Seite wird es darum gehen, all die Formenkompromisse, welche sich im Laufe der Transformationsprozesse als Ist-Zustände herausmendelten, nochmals auf ihre innere Struktur hin zu untersuchen. Die Vokabel 'Kompromiss' versteht sich in diesem Zusammenhang als eine ergebnisoffene heuristische Formel – sie will die Aussagen dieser Überprüfungen durchaus nicht im vorhinein präjudizieren. Es liegt auf der Hand, dass die Kompromisslinien sowohl zu Gunsten wie zu Ungunsten des Einen wie des Anderen verlaufen können. Gängige Etiketten wie "Kolonialisierung" oder "Kooperation" können mit der 'Kompromiss'-Formel in Frage gestellt, verifiziert oder falsifiziert – auf jeden Fall aber ausdifferenziert werden.

Dass die Ausgangspunkte für einen womöglich paritätischen Kompromiss in bestimmten Formaten der Fernsehunterhaltung denkbar unterschiedlich waren, zeigte der Beitrag von Nicola Hochkeppel und Wolfgang Mühl-Benninghaus (Humboldt-Universität Berlin). Die unterschiedlichen Show-Kulturen der beiden deutschen Gesellschaften trafen erstmals und symptomatisch im Mai 1990 aufeinander, als ZDF und DFF gemeinsam die Show "Guten Abend, Deutschland" produzierten – gestaltet mit Publikumslieblingen aus West- und Ostdeutschland. An diesem deutsch-deutschen Fernsehabend, so die Autoren, traten die differenten Stile und die unterschiedlichen Habitus der Moderatoren für jedermann ersichtlich zu Tage. Aufgrund der medialen Prägungen im späteren Jugendalter weist das deutsche Fernsehpublikum bis heute ein unterschiedliches Rezeptionsverhalten auf. Die Älteren im Osten präferieren nach wie vor Formate, die sie als die "ihrigen" wahrnehmen – wohingegen ihre Generations-Pendants im Westen ihren angestammten West-Formaten treu bleiben. Gleichwohl gilt aber auch: Während beim Genre 'Show' nur eine geringe deutsch-deutsche Kompatibilität zu konstatieren ist, traf sich "Gesamtdeutschland" jedoch rasch "im Gewand" der volkstümlichen Musik, die auch in der DDR schon während der Jahre vor der Wende eine große Rolle in der Fernsehunterhaltung spielte.

Dass die Kompromissgestalten der Transformation nicht in jedweder Beziehung zu Ungunsten der Traditionen vor Ort ausgehen mussten, wurde mit dem Beitrag von Skadi Riemer (Hochschule für Musik und Theater Leipzig) deutlich, die über die Geschichte der ostdeutschen Theaterlandschaft nach 1990 informierte. Zahlreiche Theater und Sparten wurden im Laufe der neunziger Jahre geschlossen und in günstigsten Fällen fusioniert. Am Beispiel der 'Neuen Bühne Senftenberg' gelang es der Referentin aufzuzeigen, dass Theater als soziale und als kulturelle Institution nicht nur ästhetische Erwartungen, sondern auch sozialpsychologische Bedürfnisse zu erfüllen vermag. Das Senftenberger Haus avancierte offenbar in den letzten Jahren zu einem 'Medium', zu einer Plattform sozialen Austausches im besten Sinne: zu einem Forum für Bildung und Diskussion, zu einer akzeptierten Arena für lokale und regionale Identitätsdiskurse. Ein Theater als "Innovationsmotor" inmitten einer schier hoffnungslosen Region – ein schönes Beispiel für Kompromiss-Gemengelagen, die sich im Laufe der deutsch-deutschen Nachwendegeschichte herausbildeten und die unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Der Forschungsbericht von Tatiana Timofeewa (Lomonossow-Universität 'MGU' Moskau) erinnerte eindringlich daran, dass die deutsch-deutsche Geschichte und vor allem die Geschichte der Vereinigung nur in europäischen Bezügen zu schreiben und zu verstehen ist – und dass dabei die Wahrnehmung aus den Blickwinkeln der ehemaligen Besatzungs- und Garantiemächte von besonderer Bedeutung sein muss. Der Frage, wie die deutsche Vereinigung von der russischen Bevölkerung wahrgenommen und bewertet wurde und wird, spürte die Referentin mit einer eigenen Umfrage nach: Dabei wurden drei Geburts- beziehungsweise Alterszusammenhänge nach ihren Einstellungen zu den Entwicklungen in Deutschland befragt: Eine 'Generation der Großeltern', zwischen 1925 und 1945 geboren; eine 'Generation der Eltern', zwischen 1946 und 1966 geboren, und eine 'Generation der Kinder', geboren in den Jahren 1967 bis 1985. Die überwiegende Mehrheit der russischen Bevölkerung schätze die deutsche Vereinigung als "historisch gerecht" ein, so die Kollegin aus Moskau. Selbst die 'Großeltern' und 'Eltern' zeigten eindeutig "positive" Reaktionen und Emotionen – freilich nicht ohne gleichzeitig die frühere sowjetische Führung für den aus ihrer Sicht unziemlichen und unrühmlichen allzu frühen Abzug der Streitkräfte aus Mitteleuropa verantwortlich zu machen. Ein verständlicher Vorbehalt der "Kriegsgenerationen", der allerdings nicht auf das neue Deutschland, sondern auf Michail Gorbatschow projiziert wird.

Vergleich- und Transfergeschichte(n)

Eine "gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte" lässt sich nur als integraler Bestandteil einer "nationalen" Historiographie konzipieren, die sich mehr und mehr transnational ausrichtet. Die in diesem Bericht fokussierte deutsch-deutsche "Beziehungsgeschichte" erweist sich als "geteilte" Geschichte im doppelten Wortsinne: Als getrennte und als gemeinsame Geschichte – als "shared history" (Shalini Randeria/Sebastian Conrad). Der Tagungsbeitrag aus Moskauer Perspektive verweist auf die dominanten europäischen und globalen Verflechtungen mitteleuropäischer Nachkriegsgeschichte(n) insgesamt. Die Bezugspunkte und Referenzhorizonte einer "gemeinsamen deutschen" Geschichte lassen sich folglich nur unter den Auspizien eines plurilateralen Geschichtsverständnisses bestimmen. Aufzuklären sind nicht nur die Interdependenzen, die Interrelationen und Interaktionen zwischen Berlin und Bonn und zwischen Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder. Es gilt vielmehr, ein weltweites Beziehungs- und Machtsystem zu rekonstruieren. Die verdienstvolle historische Vergleichsforschung dürfte mit der Aufklärung eines solchen Panoramas überfordert sein – und sollte daher durch neuere transfergeschichtliche Ansätze ergänzt und erweitert werden.

Text: Rainer Gries


 

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