"Kinder sind ein großartiges Publikum"
Schriftsteller Paul Maar und Filmproduzent Ulrich Limmer im Interview
Schriftsteller Paul Maar und Filmproduzent Ulrich Limmer im Interviewbpb: Herr Limmer, was kann der Film, was das Buch nicht kann?
Limmer: Der Film kann das gesprochene Wort durch das Bild konterkarieren, er kann in einer Art ironisieren, wie es dem Buch nicht möglich ist – das bleibt ja auf der Erzählebene. Der Film kann Subtext transportieren, weil er als zusätzliche Ebene die Bildebene hat.
Maar: Außerdem wird durch die Filmmusik Stimmung erzeugt.
bpb: Herr Maar, was aber kann das Buch, was der Film nicht kann?
Maar: Das Buch hat den Vorteil, dass die Figuren und das Geschehen im Kopf des Lesers entstehen. Während der Film den Zuschauer bedient, erfordert das Buch immer eine Eigenleistung. Es gibt da ein bekanntes Zitat, das sagt, dass jeder Leser ein Buch noch mal neu schreibt. Banales Beispiel: Wenn in einem Märchen von einem dunklen, gefährlichen Wald die Rede ist, dann imaginiert jedes Kind den Wald, den es gerade noch aushält. Ein mutiger Junge etwa stellt sich einen grauenhaften Wald mit Dornen vor, in dem sich die Äste bewegen, ein etwas ängstlicherer Junge denkt an einen Eichenwald, in dem es noch einige Lichtflecken gibt. Ein Leser kann sich also so weit auf den Text einlassen, wie er ihn noch erträgt. Dem Film ist er ausgeliefert. Ich weiß zum Beispiel, dass jüngere Kinder bei einem Film wie Harry Potter fast traumatisiert aus dem Kino kommen.
bpb: Sie sind ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Ihr eigener Illustrator. War es nicht schwer, die eigenen Bilder loszulassen, als das "Sams" gedreht wurde?
Maar: Nicht unbedingt. Als junger Autor hatte ich das Gefühl, dass nur ich weiß, wie meine Figuren aussehen, dass nur ich sie zeichnen kann. Damals habe ich keinen anderen Illustrator rangelassen. Mit zunehmender Reife habe ich jedoch gelernt loszulassen.
bpb: Beim "Sams"-Film mussten Sie sich auch auf die Ideen von Ulrich Limmer einlassen. Haben Sie die Umsetzung des Stoffs begleitet oder kontrolliert?
Maar: Beim ersten "Sams"-Film, der in meiner Heimatstadt Bamberg gedreht wurde, war ich noch öfter am Drehort dabei als bei den dann folgenden Filmen. Aber der Regisseur ist entspannter und freier, wenn ihm der Autor nicht im Nacken sitzt. Natürlich möchte ich immer die Schauspieler kennen lernen und komme ein, zwei Mal am Set vorbei und stelle mich vor. Auch manche Muster oder den Rohschnitt schaue ich mir an. Ich verlasse mich ansonsten aber auf Ulrich Limmer.
Limmer: Es ist für den Regisseur schon hart genug, wenn der Produzent ständig am Drehort ist. Erst recht, wenn der – wie in meinem Fall beim "Sams" – auch einer der Drehbuchautoren ist. Die entscheidenden Weichen werden ja auch schon in der Vorbereitung gestellt.
bpb: Sie sprechen es an: Das Drehbuch haben Sie gemeinsam verfasst. Wer hat denn bei Ihnen beiden das letzte Wort?
Limmer: Das kann man so nicht sagen. Sicher kommt irgendwann der Punkt, an dem ich als Produzent bestimmte Sachen verantworten muss. Aber beim Schreiben ist der Produzent in meiner Person eigentlich nicht mit am Tisch – sonst würden bestimmte Dinge im Film nicht vorkommen. Bei uns läuft es wie generell beim Verfassen eines Drehbuchs: Man schreibt 100 Prozent und übrig bleiben 80. Sicher, irgendwann fragt man sich: Ist das machbar? Kriegen wir das hin, auch finanziell? Haben wir genügend Zeit? Auch am Schneidetisch verabschiedet man sich noch von Szenen, die einem eigentlich ganz wichtig waren. Das ist manchmal ein schmerzlicher Prozess, aber auch ein völlig normaler Vorgang. Zurück zum "letzten Wort": Das gibt es bei uns nicht, das wäre auch die falsche Haltung. Das würde zu Konflikten führen.
Maar: Die beste Idee setzt sich eben durch.
bpb: Und welche guten Ideen hatten Sie, was die Verfilmung weiterer Paul-Maar-Geschichten angeht?
Maar: Demnächst wird "Lippels Traum" verfilmt. Das ist eine schöne Geschichte, weil sie in einer Traumwelt von 1001 Nacht spielt. Wir waren auch schon zusammen in Marokko und haben Schauplätze ausgesucht.
bpb: Abschließend die Frage an Sie beide: Was macht den besonderen Reiz aus, für Kinder zu arbeiten?
Limmer: Ganz einfach: Kinder sind ein großartiges Publikum. Es ist toll mitzuerleben, wie begeistert Kinder mitgehen und mit welcher Hingabe und Freude sie einen Film aufnehmen. Außerdem ist es für mich ein ganz großer Reiz, Märchen zu erzählen und eine neue Welt zu kreieren.
Maar: Mir macht es besonderen Spaß, mit Sprache zu spielen. Früher dachte ich, das sei zu erwachsen, Kinder würden das nicht mögen. Plötzlich spürte ich aber: Wir liegen völlig auf einer Linie – die Kinder und wir Erwachsenen. Ich weiß jetzt, dass ich in einer Gesellschaft von Gleichgesinnten bin.
Interview: Barbara Lich, Inga Koehler
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