Veranstaltungen: Dokumentation

"Bei den Kinderseiten ist viel im Argen"

Kinderforscher Ingo Barlovic über Wickie, Nutella-Generation und die Verträge von Tokio Hotel


21.12.2006
Kinderforscher Ingo Barlovic über Wickie, Nutella-Generation und die Verträge von Tokio Hotel

bpb: Herr Barlovic, Sie mögen Nutella?

Barlovic: Klar, wer wie ich vor 40 Jahren damit aufgewachsen ist, dem schmeckt das noch heute. Das gilt nicht nur für Nutella. Weil ich damals Krieg der Sterne geliebt habe, habe ich mir die neuen Kinofilme natürlich auch angeschaut.

bpb: Mit dieser Nostalgie sind Sie nicht alleine.

Barlovic: Ich spreche in diesem Falle von der Kohortentheorie. Das sind Menschen, die in der gleichen Zeit aufgewachsen sind und in ihrer Kindheit und Jugend auch die gleichen Dinge genutzt haben. Seien es Brotaufstriche oder Medien. So gab es 1995 drei Millionen 30- bis 40-jährige Nutella-Esser und heute eben drei Millionen 40- bis 50-Jährige. Bei den Jüngeren gilt dieses Kohortenphänomen etwa für die TKKG-Hörspiele.

bpb: Trifft das nur auf Konsumerfahrungen zu?

Barlovic: Werte und Überzeugungen sind auch kohortenspezifisch. So verstehen die 68er mit ihrer ach so liberalen Einstellung nicht mehr, dass die heutige junge Generation wieder nach Familie und Sicherheit strebt als Reaktion auf eine immer undurchschaubarere Welt. Wenn man da versucht, der heutigen jungen Generation etwas zu verkaufen, was sich für Alt-68er eignet, bekommt sie einen Schreikrampf.

bpb: Wie können Medien dieses Kohortenwissen nutzen?

Barlovic: Sie können zum einen ihre Zielgruppen viel besser definieren. Kurz: Wenn ich weiß, was die Eltern in ihrer Jugend gemocht haben, dann weiß ich schon sehr viel über ihre Vorlieben heute. Und darüber hinaus kenne ich auch die Kinder dieser Eltern besser, da Kinder natürlich auch von ihren Eltern beeinflusst werden. Momentan ist etwa Wickie, der kleine Wikinger, bei den Kindern populär, das liegt unter anderem daran, dass die heutige Elterngeneration in ihrer Kindheit mit Wickie aufgewachsen ist. Ich kann da die Eltern quasi als Agenten nutzen, die Themen ins Kinderzimmer bringen.

bpb: Das heißt, um Kinder für Themen zu interessieren, reicht es, Wickie, Nutella oder TKKG in den Beitrag einzubauen?

Barlovic: So schlicht funktioniert das Ganze auch wieder nicht: So gibt es natürlich Medienthemen, die neu sind und verdammt gut funktionieren, denken Sie nur an Spongebob. Und andererseits sind Kinder auch so daran interessiert, was in der Welt passiert, da braucht man nicht unbedingt Wickie, um einen Beitrag interessant zu machen. Allerdings hat sich gezeigt, dass es sich auszahlt, Stars und In-Themen aufzugreifen, um Relevanz zu erzeugen. Die Bravo hat neulich eine Veranstaltung zum Thema Gewalt in der Schule initiiert. Sie haben sich Tokio Hotel und Sarah Connor ins Boot geholt, das hat richtig gut funktioniert. Und um wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären, könnte man sich doch einfach mal die Plattenverträge von Tokio Hotel genauer anschauen. Und um den Kindern Geschichte erfahrbar zu machen, ist Wickie sicherlich eine gute Wahl.

bpb: Die Jungs von Tokio Hotel sind doch nur was für Mädchen, oder?

Barlovic: Stimmt, das ist ein Problem. Mädchen interessieren sich eher für Romantik und Liebe, bei Jungs stehen Action, Computer und Fußball ganz oben. Und sie interessieren sich ganz stark dafür, wie ihre Alltagswelt funktioniert. Das mag reaktionär klingen, aber in der Tat trifft das bei 90 Prozent zu. Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit, wenn man Kinder ansprechen will; das Alter ist mindestens genauso wichtig. Achtjährigen Mädchen ist Liebe noch ziemlich egal, bei elfjährigen sieht das schon anders aus.

bpb: Welche Kindermedien funktionieren nach dieser Methode – ob bewusst oder unbewusst?

Barlovic: Die Wissenssendungen im Fernsehen finde ich allesamt klasse, die sind anschaulich, für Kinder richtig gut und auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt. Und auch Geolino finde ich toll. Aber bei den ganzen Kinderseiten in Tageszeitungen, frage ich mich meistens, was das soll. Das ist viel im Argen. Für wen machen die das eigentlich, wer ist deren Zielgruppe? Die bringen Comics, die die Kleinen nicht verstehen, und dann noch was für die Großen, was die aber gar nicht interessiert. Genauso schrecklich sind die Versuche von Sozialämtern, ihr Kinderpublikum anzusprechen. Mir scheint, die haben eigentlich Schülerzeitungsredakteure vor Augen. Da dominieren Textwüsten und kindisches Getüddel. Aber für Kinder ist das nichts.

Interview: Anne Haeming


 

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