Veranstaltungen: Dokumentation

"Die Produktionshoheit der Massenmedien ist weggefallen"

Spreeblick-Gründer Johnny Haeusler über die Medien-Evolution im Internet, die Renaissance des Schreibens und die Banalität des Lebens


12.10.2006
Spreeblick-Gründer Johnny Haeusler über die Medien-Evolution im Internet.

bpb: Zeitung als Medium der Großeltern, Fernsehen als das der Eltern – ist Web 2.0 das Ding der Stunde?

Haeusler: Schwierig, der Begriff. Darunter fallen ja einerseits technische Erweiterungen, andererseits neue inhaltliche Herangehensweisen. Das Web als solches ist inzwischen zum Massenphänomen geworden, das im Wohnzimmer etablierten Medien Konkurrenz macht. Das hat aber mit Web 2.0 nichts zu tun.

bpb: Für Sie findet im Web eine Medien-Evolution statt. Worin besteht die?

Haeusler: Vor allem der bidirektionale Kanal bildet einen Riesenunterschied zu früher. Die Produktionshoheit der Massenmedien ist weggefallen. Was T-Online herstellt, kann im Prinzip jeder machen. Die Produktionsmittel sind so gut wie kostenlos. Selbst hochwertige Videokameras gibt's günstig zu kaufen. Der Konsument wird zum Produzent und entscheidet, was er aus seinen Möglichkeiten macht. Was auf lange Sicht daraus wird, lässt sich schlecht sagen.

bpb: Dem Fernsehen haben Sie die "Banalisierung des Lebens" zugeschrieben. Aber sind nicht viele Weblogs ebenfalls banal?

Haeusler: Klar ist das Web auch banal, aber wir brauchen Banalität im Leben. Es wird auch im Netz so sein, dass die Masse leichte Kost bevorzugt, da wird sich gesellschaftlich nichts schwerwiegend verschieben.

bpb: Sie sprechen von den "Kindern der Web-Evolution". Worin zeichnen sie sich aus?

Haeusler: Diese Kinder schreiben, lesen und hören viel mehr Musik als ihre Eltern. Sie kommunizieren per E-Mail und SMS. Es gibt eine Renaissance des Schreibens. Die Sprache hat natürlich nicht diese Bedachtheit wie diejenige in Briefen, aber das geschriebene Wort ist wichtiger denn je.

bpb: Und auch Musik erhält eine neue Bedeutung?

Haeusler: Genau. Es wird meiner Einschätzung nach auch mehr Geld für Musik ausgegeben als früher, zwar nicht für CDs, aber insgesamt betrachtet schon. Wer sich heute beispielsweise einen iPod kauft, hat viel in Musik investiert. Und auch der Web-Zugang, die Computer-Hardware, alles das kostet Geld. Und der iPod folgt jetzt dem CD-Cover als neue Musik-Verpackung.

bpb: Mit den Podcasts scheinen auch längere Hör-Formate bei Jugendlichen anzukommen. Wächst hier eine neue Radioqualität heran?

Haeusler: Naja, wenn viele Amateure beginnen zu produzieren, kann da nicht immer eine Super-Qualität bei herauskommen. Aber es gibt ja neben dem Inhalt weitere Formen von Qualität. Und bei aus dem Bauch heraus entstandenen Podcasts mögen die Leute die Echtheit der Beiträge. Diese Authentizität vermissen viele in den etablierten Medien.

bpb: Lässt sich der wachsende Erfolg von Blogs ähnlich erklären?

Haeusler: In Blogs werden Themen behandelt, die so im Mainstream nicht auftauchen. Ich schätze Zeitungen sehr, aber die Themen sind immer die gleichen und werden gleich angepackt. Außerdem setzen intelligente Zeitungen viel Wissen voraus, weil kein Platz da ist, immer wieder die Grundlagen zu erklären. Gute Tageszeitungen führen dazu, dass sich der Leser dumm vorkommt. Deswegen greifen auch so viele zur Bild-Zeitung. Im Web ist das anders, da gibt es kein Platzproblem und so genügend Raum zum Erklären. Und es finden sich Themen rund um Verbraucherschutz, Gesundheit, Umwelt, Lokales, die es so woanders nicht zu lesen gibt.

bpb: Manche Blogger sagen ja auch, dass Journalisten in etablierten Medien nicht mehr den Mut haben, den Mund aufzumachen.

Haeusler: Es gibt halt dieses friedliche Miteinander von Redaktionen und PR-Abteilungen der Unternehmen, was sich über Jahrzehnte eingeschliffen hat. Damit haben Blogger natürlich gar nichts zu tun, sie fühlen sich keinem verpflichtet und haben daher kaum Hemmungen, einer Firma an den Karren zu pinkeln.

bpb: Aber mit wachsender Popularität werden PR-Leute auch auf Blogger zukommen.

Haeusler: Das merken wir beim Spreeblick heute schon. Seit der Jamba-Geschichte werden wir ernster genommen. Und ganz vorsichtig fragen PR-Leute an, ob sie uns mit Büchern oder CDs bemustern dürfen. Das wird sich mit der Zeit einpendeln. Was es dann braucht, ist ein journalistisches Grundverständnis bei den Bloggern. Wenn Blogs populärer werden, erwächst ihnen auch Verantwortung für ihre Veröffentlichungen. Da muss man über ethische Grundregeln diskutieren. Sicher wird sich die Szene auch kommerzialisieren. Aber es bleibt der Grundsatz, dass alle Blogs gleich gut erreichbar sind. Und da kann auch ein kleiner unabhängiger Blogger schnell große Prominenz erreichen.

bpb: Wie könnten sich Blogs denn auf Zeitungen auswirken?

Haeusler: Also, was ich nicht verstehe, ist, warum Zeitungen bloggen lassen wollen, das ist doch Quatsch. Als Zeitung gucke ich mir besser in Ruhe an, was da in der Blogosphäre passiert, welche stilistischen oder inhaltlichen Trends sich abzeichnen und entwickle dann mein ureigenes Produkt entsprechend. Aber Blogs können zur Nachwuchsschmiede für etablierte Medien werden. Schon jetzt tummeln sich kleine Stars im Netz. Was mich allerdings entsetzt, ist die Einstellung mancher junger Journalisten. Wenn man die fragt: Warum schreibt Ihr über ein Thema? heißt die Antwort: Weil ein Auftrag vorliegt. Ich empfinde Journalismus vor allem als Aufgabe, die ich notfalls auch ohne Bezahlung erfülle. Deswegen sage ich jungen Leuten, dass sie Blogs als Übungsportal oder Bewerbungsmappe im Netz nutzen sollen.

bpb: Lässt sich denn mit Blogs noch kein Geld verdienen?

Haeusler: Doch. Wir leben davon. Natürlich nicht allein vom Schreiben, sondern auch, indem wir Werbung zulassen und spreeblick-T-Shirts verkaufen, CDs anbieten und Vorträge halten. Da wird der Journalist zum Verkäufer, ähnlich wie sich Musiker heute nicht mehr allein vom Musizieren ernähren können, sondern auch Videos drehen müssen. Berufsbilder verschieben sich. Wir schöpfen aus vier bis fünf verschiedenen Einnahmequellen. Ich hoffe, auf dieser Basis in einigen Monaten eine kleine Redaktion mit rund fünf Leuten aufbauen zu können.

Interview und Foto: Volker Dick



 

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