Veranstaltungen: Dokumentation

12.10.2006 | Von:
Christian Stöcker

"Blogs erlauben unmittelbaren Zugang zu Infos aus aller Welt"

Christian Stöcker über Medienphänomene, Geisterdebatten und peinliche Fotos im Netz

Interview mit Christian Stöcker über Medienphänomene.

bpb: Warum können Sie mit dem Begriff "Bürgerjournalismus" nichts anfangen?

Stöcker: Das Wort "Bürger" schleppt zu viele Konnotationen mit sich herum. Blogs passen eher zu anti- bis unbürgerlichen Grassroots-Traditionen. Auch "Journalismus" greift als Begriff zu kurz, weil es um mehr geht als das journalistische Betätigen. Es geht nicht zuletzt um Unterhaltung, um Kommunikation. Die Bezeichnung "Citizen Journalism" gefällt mir besser, obwohl auch das ein überhöhtes Wort ist. Schließlich gab es schon immer Journalismus, der nicht von Profis gemacht wurde, etwa bei Schülerzeitungen. Das ist keine Erfindung des Internet. Hier wird eine Geisterdebatte geführt: Blogger bezeichnen sich in der Regel nicht als Journalisten, sie schimpfen eher über sie.

bpb: Aber sie sprechen davon, dass in der Blogosphäre eine neue Art der Öffentlichkeit wächst. Worin zeichnet die sich aus?

Stöcker: Das wichtigste Merkmal ist, dass eine potenziell globale Öffentlichkeit entsteht, unter Umständen auf der Ebene von Privatpersonen, jedenfalls was Angebote wie "MySpace" oder "YouTube" angeht. Einem Nutzer von "YouTube" ist es egal, ob er ein Video aus Italien oder Australien herunterlädt. Außerdem können Blogs zu schneller Öffentlichkeit für politische Vorgänge führen. Beispielsweise landete ein Video mit rassistischen Äußerungen eines US-Senators umgehend im Netz, wo die Aufmerksamkeit schnell wuchs. Große etablierte Medien griffen den Vorfall auf, holten sich den Schnipsel für ihren Online-Auftritt, klassische Artikel erschienen. So wurde journalistische Öffentlichkeit auf andere Art hergestellt. Allerdings wird auch extrem Privates öffentlich.

bpb: Welche Bedeutung hat die Blogosphäre für "Spiegel Online"?

Stöcker: Unsere Inhalte macht alles aus, was mit Nachrichten zu tun hat. Da spielt die "neue Öffentlichkeit" in unendlich vielen Varianten mit rein. So haben uns beispielsweise Blogger im Libanon Informationen geliefert, die sonst in dieser Form gar nicht zu sammeln sind. Blogs erlauben unmittelbaren Zugang zu Infos aus aller Welt. Für das Ressort "Netzwelt" wiederum sind Weblogs als Gegenstand der Berichterstattung interessant, im Sinne eines Medienphänomens. Seltener werden Blogs als Ursprung oder Lieferant von Nachrichten verwendet, wie in dem Senator-Fall. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, themenspezifische Blogs als Quelle zu nutzen – etwa um herauszufinden, wie die Stimmung in der Szene ist, wenn Sony den Start seiner neuen Spielkonsole verschiebt.

bpb: Sind Angebote wie "km 42" oder "Ehrensenf" auf "Spiegel Online" dem Trend zu Web 2.0-Formaten geschuldet?

Stöcker: Bei "km 42" geht es um eine traditionelle Form, den Leser einzubinden, indem er uns Reiseziele vorschlagen kann – natürlich wird Web-Technik genutzt und die Video-Form verwendet. Bei "Ehrensenf" handelt es sich im Grunde um ein Format, das die multimediale Gegenwart und auch Zukunft des Webs darstellt, indem es sich ausschließlich um das Medium selbst dreht. Außerdem ist es kurz und lustig. Dabei haben wir es aber nicht mit Breiten-Entertainment zu tun, dazu ist "Ehrensenf" zu speziell aufs Internet zugeschnitten. Das Format funktioniert deswegen, weil es die Nutzer auffordert, selbst gucken zu gehen. Eine Art Netzschau sozusagen.

bpb: Unterhaltung spielt aber die Hauptrolle in den neuen Web-Angeboten?

Stöcker: Sie können ja mal ein paar Tage hintereinander schauen, was beispielsweise bei "YouTube" am besten ankommt: Französischer Experimentalfilm ist jedenfalls nicht dabei. Wir haben es mit einem Mehrheitsurteil zu tun, entsprechend der Quote im Fernsehen, das entscheidet, welches Video ins Angebot kommt. Beim Nachrichtenportal von "digg.com" dagegen handelt es sich um eine andere Plattform mit viel Traffic. Hier landet zunächst jede Meldung auf der Seite, die dann von der Community bewertet wird. Das ist sozusagen eine Expertenrunde, die sich gegenseitig Ratschläge erteilt.

bpb: Könnte es sein, dass mit dem Wachsen der Blogosphäre das Forum von "Spiegel Online" durch Blogs ersetzt wird?

Stöcker: Unser Forum nimmt eine vorrangige Position ein. Wir haben eine große Community von mehr als 50.000 Nutzern, die regelmäßig diskutieren. Das wird eher noch stärker ausgebaut. Einzelne herausragende Beiträge wollen wir auch auf die Homepage setzen und ihnen damit den Raum geben, den sie verdienen.

bpb: Von Profi-Journalisten erwarten Sie nicht, dass sie bloggen sollten, im Gegenteil: Sie finden es eher überflüssig.

Stöcker: Wir stecken unsere Ressourcen lieber ins Kerngeschäft. "Spiegel Online" ist ein meinungsfreudiges Medium, da ist es für die Redakteure nicht vordringlich, zusätzlich ein privates Ausdrucksmittel zu haben. Natürlich steht es jedem frei, im Web zu tun, was er möchte. Einer unserer Bildredakteure betreibt beispielsweise ein Fotoblog. Das Argument, dass sich allgemein Journalisten in Blogs endlich wieder was trauen können, finde ich absurd. Journalisten, die etwas Kluges zu sagen haben, sollten das in ihrem Medium tun. Und wenn ihnen nichts Kluges einfällt, sollten sie besser schweigen.

bpb: Sie kritisieren auch, dass im Zuge der Web-2.0-Formate mit unbezahlter Arbeitskraft Geld verdient wird.

Stöcker: Das bezieht sich vor allem auf Community-Angebote wie "MySpace". Da gibt es 100 Millionen registrierte Nutzer, die mit ihrer Arbeitskraft Inhalte erzeugen und so ein attraktives Umfeld für Werbekunden schaffen. Damit kann der Betreiber viel Geld verdienen.

bpb: Und Sie warnen vor den Gefahren des Bloggens für die Privatsphäre?

Stöcker: Das gilt nicht nur für Blogs, sondern beispielsweise auch für die private Homepage von 1998, die aus Versehen immer noch online steht und möglicherweise peinliche Fotos enthält, die dem Menschen heute schaden könnten. Nehmen Sie das Beispiel einer 14-Jährigen, die mit ihrer Freundin zusammen aus Spaß Fotos in Unterwäsche macht und ins Netz stellt. Fünf Jahre später stehen die Bilder immer noch abrufbereit. Dann bewirbt sich die junge Frau vielleicht um eine Stelle, der Arbeitgeber googelt den Namen und stößt auf die Fotos – das wird die Bewerberin in ein anderes Licht rücken. Wer also die Daten nicht selbst löscht, muss damit rechnen, dass sie bei Gelegenheit gegen ihn verwendet werden. Andererseits entsteht auf diese Weise natürlich auch ein gigantisches Archiv, eine Art globales Gedächtnis. Nach den Terror-Attentaten von London etwa kamen im Netz viele Erlebnisberichte zusammen, Fotografien, Blogs von mittelbar Betroffenen. So entsteht ein komplexes Bild des Ereignisses. Allerdings auch ein sehr schwer auszuwertendes.

Interview und Foto: Volker Dick


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