Veranstaltungen: Dokumentation

"Das Thema Umwelt ist unter die Räder gekommen"

Klaus Liedtke, Chefredakteur des "National Geographic Deutschland", im Interview


31.5.2006
Interview mit Klaus Liedtke über die Jugendmedientage 2006.

bpb: Nachhaltigkeit – der Begriff ist verwässert, wird heute oft inflationär gebraucht. Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Liedtke: Ich definiere nachhaltiges Wirtschaften klassisch: Es geht darum, nur so viel zu verbrauchen, wie natürlich nachwächst.

bpb: Das klingt simpel, in der Gesellschaft scheint dieser Gedanke jedoch weniger fest verankert zu sein. Wie schafft man dafür ein Bewusstsein?

Liedtke: Indem man ständig auf die Konsequenzen und Gefahren des nicht-nachhaltigen Handelns aufmerksam macht: auf die Abholzung der Regenwälder, die Überfischung der Weltmeere, die Ölressourcen, die irgendwann einmal aufgebraucht sein werden.

bpb: Ist es die Aufgabe der Medien, diese Aufklärungsarbeit zu leisten?

Liedtke: Ganz sicher, es ist auch die Aufgabe all derer, die erzieherisch tätig sind, etwa in den Schulen. Schon in die Köpfe der kleinen Kinder muss versenkt werden, wie man verantwortungsvoll mit der Umwelt umgeht. Der Lernprozess muss früh beginnen und darf nie aufhören. Denn ein verantwortungsvolles, umweltverträgliches Handeln ist überlebenswichtig.

bpb: Zurück zu den Medien: Leisten die gute Aufklärungsarbeit?

Liedtke: Im Prinzip ja. Aber es reicht noch nicht aus, schließlich hat sich das Verhalten der Menschen nicht grundlegend gewandelt. Die Deutschen sind in Sachen Umweltbewusstsein im internationalen Vergleich zwar vorne mit dabei, dennoch gibt es viele weitere Möglichkeiten, umweltverträglicher zu leben – ohne den Lebensstandard zu senken.

bpb: Wie beurteilen Sie das Interesse an Umweltthemen in den Medien?

Liedtke: Das ist leider nicht so groß, wie ich es mir wünsche. Wir bekommen zwar immer wieder Resonanz auf solche Themen, aber ich habe in den vergangenen Jahren eine abnehmende Tendenz erkannt. Das Thema Umwelt ist unter die Räder gekommen. Die Prioritäten haben sich verschoben. Während in den 70er-Jahren das Thema Umwelt auf der Agenda ganz oben stand, interessieren sich die Menschen seit Beginn der 90er-Jahre zunehmend für ökonomisches Wachstum und der daraus folgenden Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen.

bpb: Oft sind ökonomische und ökologische Probleme ja eng verflochten. Wie macht man das den Menschen klar? Wie machen Sie das beim 'National Geographic'?

Liedtke: Die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Umwelt müssen immer wieder aufgezeigt werden, nicht nur im negativen sondern auch im positiven Sinne. Deutschland hat zum Beispiel eine Vorreiterrolle in der Umwelttechnologie. Das ist Zukunftstechnologie, da sollte sich Deutschland weiter stark engagieren. Es müssen mehr Mittel aus der privaten Wirtschaft und vom Bund in die Forschung in diesem Bereich gesteckt werden. Da hat Deutschland das Potential zum Weltmarktführer mit der Chance, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die alternativen Energien sind ein Bereich aus der Umweltthematik, über den National Geographic ständig berichtet. Natürlich erreicht man nichts, wenn man immer nur den Alarmknopf drückt, es kann auch einen 'Overkill' bei dieser Thematik geben. Aber ein guter Blattmacher findet die richtige Balance.

bpb: Wie können denn die Medien Umweltthemen attraktiver gestalten?

Liedtke: Sie dürfen nicht abstrakt bleiben. Einzelschicksale oder die Schicksale von Völkern zum Beispiels sind spannend. Es ist frappierend nachzulesen, wie die Maya-Kultur aufgrund ökologischer Fehler verschwunden ist, einfach, weil man sorglos mit Umwelt und Natur umgegangen ist. Und es gibt viele solcher Beispiele, wo Zivilisationen die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Das sind dann Reportagen, die Abenteuer, Historie und Umweltthematik mischen. In diese Geschichten wird man hineingezogen.

bpb: Wie optimistisch sind Sie, dass sich die vielfältigen Umweltprobleme unserer Zeit lösen lassen werden?

Liedtke: Ich glaube, die Menschheit wird ein vernünftiges Verhältnis zur Natur und damit Überlebenstechniken entwickeln. Leider werden wir immer nur durch Schaden klug. Da steht uns wohl noch einiges bevor. Dennoch, wenn ich mal 100 Jahre in die Zukunft schaue, bin ich optimistisch, dass wir die Kurve kriegen. Einfach, weil die Zeichen an der Wand immer deutlicher werden. Und auch die zunehmende Verfügbarkeit von Informationen, etwa durchs Internet, spielt da eine ganz wichtige Rolle – das wird helfen gegenzusteuern. Es wird eine zweite große Welle des Umweltbewusstseins geben.

Interview: Barbara Lich


 

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