Veranstaltungen: Dokumentation

"Man muss auf den Putz hauen!"

"brand eins"-Redakteur Wolf Lotter in einem Interview über Sahnetorte, Nachhaltigkeit und die Potenziale der Jugend


31.5.2006
Interview mit Wolf Lotter über die Jugendmedientage 2006

bpb: Ein alter Song der 80-er Jahre Band DAF heißt: "Verschwende Deine Jugend". Ist das auch die Parole unserer Zeit?

Lotter: Wir müssen uns voll verausgaben, unsere Möglichkeiten bis zum Anschlag ausnutzen – das ist meine Vorstellung von Verschwendung. Wir können den Jugendlichen nicht immer nur sagen, dass sie keine Zukunftsperspektiven haben. Das bedeutet unter anderem, dass sie diese ganzen Praktika gar nicht machen sollten. Es ist naiv, sich so ausbeuten zu lassen, nur um festzustellen, dass es ein Berufsleben wie bei den eigenen Eltern nicht mehr gibt. Es überrascht mich, dass es trotzdem so viele tun. Im Prinzip gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die jungen Leute bekommen eben die Einsicht, dass es diese alten Jobs nicht mehr gibt. Oder aber sie fangen an, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

bpb: Also gemäß des DAF-Songs, in dem es auch heißt: "Nimm Dir was Du willst, solang Du nur noch kannst"?

Lotter: Ja, denn bei Verschwendung geht es darum, seine eigenen Talente voll auszunutzen, um sich von den anderen zu unterscheiden. Die kommende Generation wird sich nicht darauf verlassen können, einen linearen Lebenslauf zu verfolgen. Aber brüchige Biographien sind nichts schlechtes, sie sind das Potenzial. Niemand sollte darauf warten, dass ihm jemand sagt, was er machen kann. Ich denke, es bricht eine neue Ökonomie an – die Ökonomie, die auf den selbständigen Menschen baut.

bpb: In der Mai-Ausgabe von brandeins heißt es etwa über die deutsche Geisteshaltung: "Vom Buffet wollen wir immer nur die Sahnetorte". Meint selbständig sein, zu wissen, was man will?

Lotter: Sahnetorte ist schon nicht schlecht. Aber die Voraussetzung ist, um bei dem Bild zu bleiben, dass wir verraten, woraus die Sahnetorte besteht. Denn leider neigen Wirtschaft und Politik in unserem Lande dazu, die Dinge zu vereinfachen. Da gibt es dann nur die Sahnetorte, das heißt: die Varianten an Jobs und Ideen scheinen lausig gering. Nur die Sahnetorte zu wollen, bringt aber nichts. Ich bin dafür, dass wir alles kriegen können, was wir wollen.

bpb: Sie predigen die Verschwendung und sagen: "Es gibt keine zukunftsfähige Gesellschaft, die nicht auf Überfluss zielt." Ist das gerade heutzutage nicht ein bisschen naiv?

Lotter: Ich finde es nicht naiv, mehr zu wollen als wir momentan haben. Ich kann den deutschen Sprachgebrauch nicht ändern, aber für mich geht es bei Verschwendung um maximale Vielfalt: Da soll und muss man auf den Putz hauen und die kulturelle Vielfalt, die wir haben, maximal ausnutzen. Und genau da liegt der Unterschied zur Vergeudung. Vergeudung ist: sinnlos verbrauchen. Es gibt ein Leitbild, eine Leitkultur – aber die Fülle an Möglichkeiten wird nicht genutzt.

bpb: Die Gesellschaft vergeudet also ihre Jugend, indem sie sie als "Generation Praktikum" nutzt?

Lotter: Für Deutschland würde ich das 100-prozentig unterschreiben. Die Industrie stellt hier nur noch 20 Prozent der Arbeitsplätze. Wir konzentrieren uns viel zu sehr auf diese Branche und stecken zu wenig in Forschung und Entwicklung. Wir reden dauernd über Eliteuniversitäten, da soll Geld investiert werden. Dabei sind es die Universitäten allgemein, die unsere Elite ausbilden. Wir müssen machen, nicht reden. Denn wer verschwenderisch mit dem eigenen Potenzial, der Vielfalt umgeht, ist näher am selbstbestimmten Leben.

bpb: Wie kann bei dieser Form der Selbständigkeit noch von gesellschaftlicher Verantwortung die Rede sein?

Lotter: Im Grunde ist Verantwortung eine Form von Nachhaltigkeit. Nur habe ich etwas gegen die inflationäre und falsche Verwendung des Wortes: Hautcrèmes, Puddings, Hundefutter, überall steht "nachhaltig" drauf. Ich plädiere für mehr Begriffsschärfe. Denn Nachhaltigkeit bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass wir die Welt besser verlassen, als wir sie betreten haben. Wenn die heute 20-Jährigen 50, 60 sind, werden sie in einer anderen Welt leben als heute. Der alte Sozialstaat wird nie wiederkommen. Ohne Eigenverantwortung geht nichts mehr. Sie müssen sich sagen: "Wir können unser Glück auch woanders suchen, in Australien oder Kanada, nicht nur zu Hause im Sozialstaat." Und man muss den jungen Leuten klarmachen, dass es nur einen einzigen Weg gibt, ein gutes Leben zu führen: etwas für andere zu tun, sich unternehmerisch zu engagieren, sich als Generation umeinander zu kümmern.

bpb: Aber einen Generationenvertrag gibt es doch auch jetzt!

Lotter: Die heutige Vorstellung von Solidarität geht allerdings von unbegrenzten Ressourcen aus, die beliebig verteilbar sind. Die Geisteshaltung, dass von nichts etwas kommt, ist weit verbreitet. Stattdessen sollte man eine andere Redewendung öfter beherzigen: Von nichts kommt nichts. Wir müssen davon ausgehen, dass wir unsere Nachbarn pflegen und die städtischen Parks aufräumen, ohne etwas dafür zu bekommen.

bpb: Wie sollte sich diese Erkenntnis denn durchsetzen?

Lotter: Ich würde mir wünschen, dass es mehr Selbstinitiative gibt. Wenn die Studenten an den Unis darüber klagen, dass die Hörsäle überfüllt sind, dann sollten sie sich einfach ein paar Professoren schnappen und konkrete Lösungen suchen. In dieser Hinsicht könnten sie von der 68-er Bewegung sehr viel lernen, auch wenn die heute meiner Meinung nach eigentlich eher verschlafen ist. Aber sie waren damals viel veränderungsbereiter. Und das können die jungen Leute heute, unter härteren materiellen Voraussetzungen, genauso. Ungehorsam ist die Voraussetzung für Verschwendung.

bpb: Wünschen Sie sich mehr Ungehorsam, mehr Jugendlichkeit im wirtschaftlichen und politischen Denken?

Lotter: Jugendlichkeit heißt, dass man mit vollem Herzen nach neuen Möglichkeiten sucht. Denn die, die sich nicht verändern wollen, sind die Verlierer der kommenden Zeit. Wer jung denkt, denkt nicht: Ich habe ein Leben, dass sich planen lässt. Aber das liegt leider im Trend: "Simplify your life" – das ist einfältig.

bpb: Mit anderen Worten: Bei einem großen Buffet sollte man nicht nur nach der Sahnetorte Ausschau halten?

Lotter: Ein Ex-McKinsey-Manager hat mir neulich gesagt: Die einzige Chance der Menschheit sei, vom finsteren Stern der Knappheit zu leben. Mit dieser Einstellung hätten wir keine Kulturgesellschaft, wir hätten eine von Knappheits-Managern designte Welt, ohne bunte Kleider, denn die wären nicht vorgesehen. Und auf dem Buffet ständen weder Chili con Carne noch Sahnetorte, das ist in deren Weltbild sowieso nur reiner Luxus. Es ist Verschwendung. Die einzige Verschwendung, die ich nicht liebe, ist die, über eine solche trostlose Welt ernsthaft nachzudenken. Das lohnt sich nicht.

Interview: Anne Haeming


 

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