Veranstaltungen: Dokumentation

"Sie sollen ihre Schwächen nennen"

Aktionskünstler Christoph Schlingensief über die Notwendigkeit einer neuen Partei und die Kraft des Selbstangriffs


31.5.2006
Interview mit Christoph Schlingensief über die Jugendmedientage 2006

Christoph Schlingensief im Februar 2010 auf der Berlinale.Christoph Schlingensief im Februar 2010 auf der Berlinale. (© AP )
bpb: Auf dem Podium sprachen Sie davon, dass Sie 'aus dem politischen System ausgestiegen seien'. Bezeichnen Sie sich dennoch als politischen Menschen?

Schlingensief: Ich verstehe mich als sehr politischen Menschen, allerdings nicht in einem System, in dem Politik nur von Pappnasen betrieben wird. Ich glaube, dass ein politisches System eine Gesellschaft ist, in der Verantwortung übernommen wird – und in der jemand offen ausspricht, dass eben diese Gesellschaft ganz viele Probleme aus sich selbst nicht mehr lösen kann. Es bräuchte mal wieder eine neue Partei, aber eine, die nicht mit Gysi oder Lafontaine bestückt wird. Eine Partei, in der sich junge Menschen aus einem Ur-Bedürfnis zusammen finden. Dann wäre ich der Opi, der dabei sitzt, aber ich würde sie unterstützen. Ich verstehe unter Politik eine Gesellschaft, in der ich mit im Bild stehe – und wo ich nicht nur meine Stimme abgebe und sie ist weg.

bpb: Und bis zur Gründung dieser Partei resignieren wir?

Schlingensief: Ich weiß nicht, wann eine solche Partei gegründet werden wird, wann die Zeit dafür reif ist. Bis dahin kann ich die Leute nur auffordern, sich in den Widerstand zu begeben. Nicht, indem sie auf der Straße randalieren, sondern indem sie sagen, dass Sie den Politikern nicht mehr trauen. Mein Plädoyer ist einfach: Sagen sie den Politikern, sie sollen mal ihre Schwäche nennen, sollen sagen, wo sie verletzbar sind. Das ist das, was ein Politiker endlich mal tun muss.

bpb: Und ansonsten: Wie muss sie aussehen, diese neue Partei?

Schlingensief: Vielleicht habe ich einfach nur das Bedürfnis mal wieder Leute zu sehen, die sich was erkämpfen wollen. Die sagen: Wir wollen loslegen. Wenn junge Menschen erst zehn Jahre Jusos durchmachen müssen, um mal irgendwo in der SPD ans Mikrofon zu dürfen, dann ist mir das zuwider. Das ist in allen Parteien so. Selbst wenn die Leute dann noch so rhetorisch geschult sind: Ich habe da keine Lust drauf. Da möchte ich lieber schweigende oder stotternde Menschen am Mikrofon sehen. Nur kommen die leider nicht ins Fernsehen. Da gibt's Parolen und Schreihälse und alle wollen hören, dass die Welt zu retten ist. Aber nur durch das Bewusstsein, dass die Welt in sich nicht zu retten ist, ist ein optimistischer Schub in dieser Gesellschaft noch zu schaffen. Man muss erst einmal kapieren: Ich bin nur kurz auf der Welt, ich habe einmal eine kleine Chance – das ist ein Fingerschnippen.

bpb: Also konkret: Was müssen wir tun?

Schlingensief: Man muss sich selber angreifen. Selbstangriff bis zur Totalerschöpfung. Das bringt neue Kraft und sonst gar nix. Unter der Erde ist es schon bequem genug. Ich war selber auf dem Trichter und wollte jetzt schon durchschlafen. Nach Bayreuth hätte es elegant weiter gehen können, schön ruhig. Man verdient gut, wenn man Opern macht. Aber ich merke, dass mich das fuchst und wahnsinnig macht. Nur bin ich nicht der Moralapostel, der dann gleich weiß, wo der Feind sitzt. Da suche ich den Feind lieber in mir selbst.

bpb: Diesen Selbstangriff brauchen Sie dann auch bei Ihren künstlerischen Projekten?

Schlingensief: Ja, richtig. Die Projekte sind im besten Falle so, dass sie mich komplett in Frage stellen und überfordern.

bpb: Sie gelten jetzt seit fast 20 Jahren als "enfant terrible" der Kunstszene. Gefällt Ihnen die Rolle?

Schlingensief: Ich habe mit der Rolle eigentlich nichts mehr zu tun. Aber die Gesellschaft hat diese Rolle für mich: 'enfant terrible', Provokateur. Manchmal muss man seine Rolle halt annehmen. Dann sagt man: 'Ja, ich bin der Provokateur und hier geht's rund' – und danach passiert gar nichts. Der Skandal in Bayreuth war, dass es keinen Skandal gegeben hat. Das ist übrigens das Tolle am Arbeiten im Ausland: Die wissen dort gar nicht, wer Schlingensief ist, das interessiert gar nicht.

Interview: Barbara Lich


 

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