"Schläfer im pazifistischen Sinne"
Günter Wallraff über die Bild-Zeitung, seine Erben und den investigativen Journalismus
Interview mit Günter Wallraff über die Jugendmedientage 2006.bpb: Nächstes Jahr hat Ihr "Intermezzo" in der Bild-Redaktion 30-jähriges Jubiläum. Wie präsent ist Ihnen diese Zeit?
Wallraff: Zu Jubiläen habe ich gar kein Verhältnis. Aber ich werde natürlich immer wieder auf diese Zeit gestoßen: einerseits durch Verfolgungsversuche des Springer-Konzerns, andererseits von Hilfesuchenden. Ich habe ja einen Rechtshilfefonds und da wenden sich immer wieder Opfer der Bild-Zeitung an mich, die Beratung suchen über Gegendarstellungen oder Schadensersatzforderungen. Und manchmal gibt es eben Themen, bei denen ich mich angesprochen fühle und denke: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Dann mute ich mir dieses Blatt auch noch mal zu.
bpb: Haben Sie denn den Eindruck, die Bild habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert?
Wallraff: Wenn nicht gerade Wahlkampf ist, in dem die Bild ihre politische Mission zu erfüllen hat, dann kann man zwischendurch schon mal den Eindruck gewinnen, dass sie politisch ein bisschen gemäßigter ist, dass sie auch mal Positionen zu Wort kommen lässt, die sie sonst im Visier hat. Auch der ein oder andere Chefredakteur hat das Blatt hier und da geprägt. Einer, ich glaube, es war Claus Larass, hat sogar mal gesagt: "Wallraff war ein heilsamer Schock für uns". Aber grundlegend hat sich nichts geändert. Und der jetzige Chefredakteur gießt wieder Öl ins Feuer, wenn es ihm für die Auflage nützt. Insgesamt ist die Bild immer noch eine einzige publizistische Umweltverschmutzung. Oder um die unverdächtige FAZ zu zitieren, die politisch mit dem Springer-Konzern ja weitgehend d´accord ist, "ein entsetzliches menschenverachtendes Blatt".
bpb: Mit Ihrem Buch "Der Aufmacher" haben Sie versucht, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, ein Bewusstsein zu schaffen. Wie schätzen Sie Ihren Erfolg ein? Noch immer hat die Bild zwölf Millionen Leser...
Wallraff: Vorübergehend ist die Auflage damals sogar zurückgegangen, aber durch geschickte Werbestrategien, vielleicht auch aufgrund des mangelhaften Bildungssystems im Land und der zunehmenden Arbeitslosigkeit hat sich die Situation zugunsten der Bild wieder gewandelt. Wer sich eine Abonnement-Zeitung nicht leisten kann, fällt eher auf solch ein Blatt herein, das auch noch wenig kostet. Aber das Buch hat eine Langzeitwirkung, selbst bis in Gerichte hinein hat es was bewirkt. Und BILDblog ist, glaube ich, auch eine Fortsetzung, eine Folge meiner Arbeit und meiner Initiativen.
bpb: Die BILDblogger sind also Ihre Erben?
Wallraff: Ja, das würde ich schon so sehen. Ich verfolge deren Arbeit mit Genugtuung. Was die machen ist sehr konsequent und sehr nachhaltig. Es vergeht kein Tag, ohne dass sie der Bild Fälschungen, gröbste Verzerrungen oder absichtliche Rufmordgeschichten nachweisen.
bpb: Sehen Sie das Internet – insbesondere die Blogs – als Chance für die Bürger, auf Missstände aufmerksam zu machen und sich gegebenenfalls zu wehren?
Wallraff: Sich juristisch gegen die Bild wehren zu können, bleibt ein Luxus. Es braucht generell gute Anwälte, die früh genug tätig werden. Das Gegendarstellungsrecht ist ein sehr kompliziertes Recht. Die Bild verweigert auch grundsätzlich erst einmal alles. Und es entstehen immer enorme Kosten, daran scheitert´s dann oft. Das Internet und die Blogs bieten aber immerhin eine sehr demokratische Möglichkeit, sich öffentlich zu wehren. Nur verfügen viele Opfer der Bild-Zeitung noch nicht mal über einen Zugang zum Netz, um sich eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Aber trotzdem: Ich finde das schon eine ideale Einrichtung.
bpb: Sie haben früher ja investigativen Journalismus in seiner reinsten Form betrieben. Welche Rolle spielt die investigative Recherche heute?
Wallraff: Sie ist unterentwickelt. In Deutschland ist der investigative Journalismus immer noch eine Besonderheit. Es wird auch nicht gerade dazu ermutigt. Ich kenne viele jüngere Journalisten, die das gerne machen würden, aber sie haben den Freiraum nicht oder sie bekommen von ihren Redaktionen die Zeit nicht, die notwendig ist. Außerdem hat man in den Medien Angst anzuecken und zum Beispiel Werbe- und Anzeigekunden zu verlieren. Es müsste mehr Stipendien geben, die es Journalisten ermöglichen, sich auf bestimmte Themen einzulassen.
bpb: Wenn man sich den Journalismus generell heute anschaut...
Wallraff: ...dann sehen wir immer mehr Vereinheitlichung, immer mehr Kampagnenjournalismus, immer mehr Themen, die von einzelnen Leitblättern vorgegeben werden. Und das sind dann leider nicht unbedingt Zeitungen der seriösen Art. Dann gibt es noch diesen Meuteinstinkt und diese Jagdstimmung. Es findet eine Boulevardisierung und Skandalisierung statt, ebenso nimmt die Pressekonzentration zu. Die Vielfalt wird beschnitten.
bpb: Was also geben Sie heute jungen Journalisten mit auf den Weg?
Wallraff: Zum einen empfehle ich, sich in einem bestimmten Gebiet zu spezialisieren. Zum anderen würde ich jedem raten, doch sicherheitshalber noch einen anderen Beruf zu erlernen. Dann kommt man nachher nicht in die Verlegenheit, sich verbiegen oder verleugnen zu müssen. In die Gefahr kommt man schnell.
bpb: Sie sind gelernter Buchhändler – und nie in Ihren alten Beruf zurückgekehrt.
Wallraff: Stimmt. Aber ich hätte jederzeit auch mit einem Bücherkarren durch Köln ziehen und antiquarische Bücher verkaufen können. Das ist ein gutes Gefühl.
bpb: In Ihrem Leben sind Sie schon in viele Rollen geschlüpft, nicht nur bei der Bild. Woher kam denn da die Motivation?
Wallraff: Da hat es verschiedene Anstöße gegeben. Zunächst war das doch eine reine Selbstreflexion über Lyrik. Das war noch eine sehr einsame und introvertierte Angelegenheit. Dann kam das Schockerlebnis der Bundeswehr, da war ich als Kriegsdienstverweigerer, der sich standhaft widersetzte, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, zehn Monate lang Willensbrechungsmethoden ausgesetzt. Übers Tagebuch schreiben stellte ich damals Distanz her. Schließlich wurde ich als "abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich" in die Freiheit entlassen. Das war die beste Voraussetzung, um dann solch eine Arbeit zu beginnen. Von daher bin ich auch nicht der typische Journalist, der all das macht, um nachher möglichst häufig veröffentlicht zu werden. Es ist mehr ein soziales Engagement im Bereich der Menschenrechte. Oft befriedigt es mich mehr, wenn ich jemandem helfen kann – ohne Veröffentlichung.
bpb: Dieses Engagement in verschiedenen Initiativen ist derzeit also Ihre Haupttätigkeit?
Wallraff: Ich arbeite auch an einer Autobiografie. Und an meinem Projekt in Brasilien, das ist ein größeres Thema. Da geht es um Tropenholzabbau und eine Indianerkultur, die bedroht ist. Ich fahre dort jetzt wieder hin, das ist eine Langzeitgeschichte.
bpb: Haben Sie denn noch ein Ziel vor Augen, ein Projekt, das Sie noch unbedingt umsetzen möchten?
Wallraff: Da gibt es nicht nur ein Ziel! Ich habe schon einiges geplant, manches ist aber schwierig umzusetzen oder es fehlt noch etwas Entscheidendes. Ich habe mich zum Beispiel – bis hin zur perfekten Verkleidung – auf die Rolle eines Afrikaners vorbereitet, der in einem der Flüchtlingsboote versucht, nach Europa zu kommen. Das ist allerdings sehr schwierig, denn die Schlepper muss man einweihen, sonst schmeißen die einen unterwegs ins Meer. So lebensmüde bin ich nun auch wieder nicht. Aber wenn da jetzt jemand kommt und sagt: "In zwei Wochen wirst Du mitgenommen", dann werde ich das sofort machen.
bpb: Ihr Rollenspiel ist also nicht vorbei?
Wallraff: Nein, ich brenne darauf! Aber da braucht es manchmal auch Zufälle oder Begegnungen, die solche Sachen möglich machen. So ist es auch bisher immer wieder entstanden. Ich halte mich bereit und wenn es so weit ist, setze ich alles aufs Spiel. In diesem Zusammenhang bin ich ein Schläfer im pazifistischen Sinne.
Interview: Barbara Lich
Blog
Bundeskongress Politische Bildung
Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter...
5. Fundraising-Tag der politischen Bildung - 10. Juni 2011, Köln (KOMED)
Für immer mehr Bildungseinrichtungen wird es unausweichlich, ein professionelles Fundraising aufzubauen. Während des Fundraising-Tages organisieren die Beteiligten seit nunmehr fünf Jahren einen Wissenstransfer. Im Rahmen von acht Workshops wurden konkrete Aktionen und Konzepte des Fundraisings für die politische Bildung vorgestellt und diskutiert. Weiter...
Zeitschriftbpb:magazin
Aus drei mach eins! Kannten Sie bisher das Publikationsverzeichnis, den Veranstaltungskalender und den Flyer für die Studienreisen, so bietet das bpb:magazin den Service dieser drei Publikationen und viele weitere interessante Informationen nun aus einer Hand. Weiter...
Themen und MaterialienCompasito
COMPASITO bietet Praxisanregungen für Multiplikatoren, die sich mit Menschenrechtsbildung für sieben- bis dreizehnjährige Kinder befassen wollen. Das Buch macht mit den wichtigsten Begriffen der Menschen- und Kinderrechte vertraut und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen zu 13 Menschenrechtsthemen. Weiter...
Themen und MaterialienFreiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit-Werteordnung und Wertevermittlung
Werte gewinnen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung, gerade auch im Schulalltag. Dies stellt den Unterricht vor neue Herausforderungen. Für die Schule und die außerschulische Bildung liefern die zwölf Bausteine des Bandes Vorschläge zur Beschäftigung mit Bereichen unserer Werteordnung. Weiter...
SonstigeEuropa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft
Wer macht Was in Europa? Was ist die Europäische Union? Mit vielen Aufgaben, Quizfragen und Diskussionsideen im Wissensmagazin können Jugendliche sich das Thema Europa erschließen. Weiter...

