Nora Sausmikat: Erinnerungsallergie
Nora Sausmikat attestiert dem gegenwärtigen China einen ausgeprägten Willen, Geschichte zu momunentalisieren: Die nationale Vergangenheit soll Identität stiften. Doch auch Gegenreaktionen bleiben nicht aus, meint die Sinologin.Monumentalisierung der Geschichte meint eine starke Ikonisierung, also Verfestigung der vielfältigen, komplizierten Geschichte auf wenige reduzierte Elemente, die Geschichte vereinfacht, zusammenfasst und damit auch leichter memorisierbar macht. Das ist ein Prozess, den man in allen Ländern beobachten kann. Das Langzeitgedächntis arbeitet als Episodengedächtnis, d.h. man schafft sich Gedächtnisinseln, die vielfältige Elemente zusammenfassen. Etwas ähnliches vollzieht sich bei der Monumentalisierung der Geschiche: Es werden Monumente geschaffen, die relativ starr sind und komplizierte Vorgänge vereinfachen, und damit auch nicht mehr gelebte Geschichte sind. Der Trend dahin, Geschichte zu monumentalisieren oder überhaupt Monumente und Statuen zu schaffen, ist ein klassisches Element der chinesischen Geschichte, aber heute gibt es durch den Museumsboom ganz dezidiert das Zeichen vom Staat: Ja, wir wollen dafür viel Geld ausgeben und Zeichen setzen. Ich glaube, dass das sehr stark mit dem Trend zum Nationalismus zu tun hat, den wir in den 1990er-Jahren beobachten konnten, also dass die kommunistische Partei sich auch über einen Nationalismus definiert, der ein gewisses nationales Selbstbild etablieren will. Das kann man z.B. auch tun, indem man sehr viele Museen baut, die sich mit der nationalen Geschichte auseinander setzen.
In der Kulturrevolution wurde Geschichte sehr stark von der Partei vordiktiert. Es war lebensgefährlich, Geschichte anders auszulegen als vorgegeben. Erst seit Ende der Kulturrevolution hat es langsam angefangen, dass man auch andere Versionen zulässt bzw. noch einmal neu über die Geschichet nachdenkt. Mit Erinnerungsallergie meine ich das Phänomen das von Zuo Jing angesprochen wurde, der sagte: "Wir, die Generation, die in den 1970er-Jahren geboren wurde, interessiert sich nicht für Geschichte, möchte nichts davon wissen und sich mit anderen Dingen beschäftigen." Ich glaube, dass das sehr stark daran liegt, dass der Staat oder bestimmte starke Kollektive das Volk so stark mit einer politisierten und ideologisierten Geschichte überfrachtet hat, dass die extreme Reaktion in die andere Richtung sowas wie eine Erinnerungsallergie ist, man sich einfach nicht mehr mit Geschichte auseinander setzen möchte.
Redaktion: Matthias Jung
Kamera und Schnitt: Jörg Pfeiffer
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.
Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft
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