Veranstaltungen: Dokumentation

Jin Xing: Alles ist rund

Geschlechter, Kunst und das moderne China


30.5.2006
Ein transsexueller Tanz-Star im konservativen China – ein Widerspruch in sich? Nur von außen, meint Jin Xing. Denn Menschen und Kulturen sind wie Kugeln: unendlich vielseitig, und innen voller Raum.

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    Die transsexuelle Tänzerin spricht über Konservatismus in China.


    Einige sehen mich als gute Tänzerin. Einige schätzen mich als Choreographin. Eine schenken mir Aufmerksamkeit, weil sie selbst transsexuelle Erfahrungen haben. Ich denke, genau darum geht es bei "Gesellschaft": Alles ist rund und besteht aus verschiedenen Aspekten. Einige, einige Männer sehen dich als attraktive Frau. Und all diese Aspekte sind du: Das bist alles du! Ich empfinde das nicht als unangenehm, nein: Das bin ich, die ganze Verbindung aus sich verändernden Aspekten. Man muss den Menschen das Recht der Freiheit zugestehen, der Freiheit, dich aus verschiedenen Blickwinkeln zu wählen. Das stört mich überhaupt nicht.

    Ich will niemanden herausfordern. Tatsächlich richtet sich die einzige Herausforderung an mich selbst – wie ich mich herausfordere, von einem sozialen Geschlecht (gender) zu einem anderen, wie ich mich herausfordere, einer neuen Welt gegenüberzutreten, einer neuen Reaktion der Welt, der Gesellschaft auf mich. Ich fordere immer mich selbst heraus. Selbst heute, von der professionellen Warte aus, aber auch in meinem privaten Leben: Die ganze Zeit fordere ich mich selbst heraus. Ich fordere niemand anderen heraus!

    Bei allem, was ich tue, habe ich das Gefühl, dass ich einfach meinen Instinkten folge: Ich selbst zu sein, der Idee zu folgen, wer ich sein will. Und dann erhalte ich dafür ganz natürlich eine Menge Aufmerksamkeit und viel Gerede über mein Leben. Ich denke, das ist eine natürliche Reaktion, ein ganz einfacher Weg. Würdest du das planen, dich selbst aktiv gestalten, um ein Star zu werden – ich glaube, dabei würdest du verloren gehen. Du wärst völlig verloren! Ich denke, du solltest es einfach sein lassen. Jedes Mal, das ich einem Interview, einem Publikum oder einer Diskussion gegenüberstehe, bin ich einfach ich selbst. Das ist der beste Weg, zu sein, was du bist. Und was immer das Resultat sein mag – ein großer Star oder berühmter Künstler –, als Künstler: nimm den natürlichen Weg.

    Statt die Formulierung "von der Partei benutzt" zu verwenden, sehe ich es [das Verhältnis zwischen mir und der Kommunistischen Partei Chinas, Red.] als einen "mehrfachen Gefallen" von beiden Seiten. Ich weiß zu schätzen, dass sie mir meine Kunst, mein Leben in China gestatten. Gleichzeitig schätzen sie uns als Beispiel der freien Künstlerinnen und Künstler von China. Ich denke, das kommt von beiden Seiten: die Wertschätzung.

    Von außen betrachtet ist China sehr konservativ, aber innen ist es voller Raum. [Ich stelle mir China wie eine Kugel vor, Red.] Die Kugel ist rund, nach außen ist sie sehr geschlossen, aber innen hat man eine Menge Raum, sich selbst zu steuern. So denke ich, stark verbunden mit meiner Ausbildung in chinesischer Philosophie. Ich denke, dieser Mut kam aus einer Fantasie. Ich bin ein Mensch wie ein Traum, wie ein Traum, der wahr wird. Selbst wenn dieser Traum nicht wahr wird, bin ich nicht traurig. Denn es ist ja nur ein Traum!

    Wenn man einen Menschen auswählen müsste, der einen asiatischen Hintergrund hat und trotzdem ein universaler Bürger ist: Ich bin derjenige! Ich interessiere mich für all die verschiedenen Kulturen – natürlich auch für meine chinesische Kultur, aber ich kommuniziere wirklich leicht und frei mit anderen Kulturen. Ich glaube, ich überschreite und verbinde viele Kulturen. Heute steht China vor einer neuen Entwicklung und versucht, zu beschleunigen. Aber ich bin sicher, dass wir eines Tages anhalten werden, um uns zu fragen: Was haben wir? Was sollten wir behalten? Heute ist alles neu. Aber es wird in einem Kreis zurückkehren. Ich glaube, genau das ist China. Ich sehe die Veränderung der Chinesen sehr positiv. Zugleich gibt es natürlich Sorgen. Man muss ab und an anhalten und sich Zeit lassen, um nichts zu überstürzen.

    Interviewerin: Sabine Peschel
    Kamera: Jens Krisinger
    Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
    Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


     

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