Hou Hanru: Die chinesische Kunst und der Wandel der heutigen Gesellschaft
Die wirkliche Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft ist es, den sozialen Wandel Chinas zu illustrieren und individuelle Haltungen auszudrücken, so der chinesische Kurator Hou Hanru. Dennoch, die alte Beziehung der Kunst zur politischen Situation bleibt bestehen, obwohl dabei neue Widersprüche entstehen.Ich glaube, ich habe mehr und mehr mit bestimmten Schlüsselthemen gearbeitet, was vielleicht mit der Welt zusammenhängt, in der wir leben. Die Fragen des Multikulturalismus, der Auswanderung, der wirtschaftlichen Globalisierung, der Urbanisierung – all diese Fragen sind ganz wesentlich gewesen für mein Verständnis der Wichtigkeit der Kunst. Die wirkliche Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft ist nicht nur, den sozialen Wandel zu illustrieren. In ihr geht es heute auch darum, individuelle Haltungen auszudrücken, die sich irgendwie gegen solche Tendenzen stellen.
Das wirklich Interessante ist, dass die Situation immer komplexer wird. Die alte Beziehung [der Kunst, Anm. d. Red.] zur politischen Situation bleibt bestehen, während neue Widersprüche eingeführt werden. Ich glaube, die chinesische Erfahrungen in bezug auf Maßstäbe ist hier einzigartig, denn China ist wirklich riesig. Das heißt nicht, dass ein Land wie Indien nicht in der nahen Zukunft den gleichen Prozess durchmachen wird. Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist China wirklich Schlachtfeld für einen solchen Wandel. Auf der anderen Seite haben sich bestimmte Dinge nie wirklich gewandelt, nämlich eine bestimmte Art von geteiltem Verständnis davon, welche soziale Funktion künstlerische und kulturelle Produkte besitzen.
Es gibt eine umfassende Instrumentalisierung, und nun sehen wir die Grenze dieses Pragmatismus. Lassen sie mich ihnen ein Beispiel geben: In der letzten Woche wollte die Regierung im Chinesischen Parlament ein neues Gesetz über Privateigentum verabschieden. Und das zeigte die Grenze: Das Gesetz stellte sich als verfassungswidrig heraus. Das ist ein endgültiger Widerspruch. Sie versuchen das zu lösen, und wenn sie dieses Problem nicht lösen, wird die wirtschaftliche Situation die Gesellschaft in eine weitere Spaltung, eine weitere Schizophrenie gedrängt. Das kann nicht für immer aufrecht erhalten, für immer ertragen werden. Also: Wie weit kann diese Grenze überschritten werden? Oder muss man sich auf bestimmte Dinge wieder zurückziehen?
Auch in der Kunst stehen wir vor dieser Frage: Wie viel kann ein Individuum als schöpferisches Subjekt unter dem Druck der äußeren Bedingungen tun? Wie sehr kann es bestimmte individuelle Positionen vertreten – ohne sich dabei von der Realität zu isolieren oder isoliert zu werden? Das ist tatsächlich ein sehr entscheidender Augenblick für jeden.
Der entscheidende Punkt ist die chinesische Gesellschaft selbst: Soll sie sich zu einer gewissen Komplizierung der sozialen Organisation oder Struktur entwickeln, die Minderheiten oder Zivilgesellschaften zulässt? Diese Zivilgesellschaften könnten eine Art Zwischenkraft werden, zwischen der höheren Ebene der politischen Infrastruktur und den Individuen.
Die Frage ist also, wie man die gesellschaftliche Mehrheit selbst kompliziert, wie man die Mehrheit andauernd dekonstruiert. Und das hängt davon ab, wie man den Begriff des Individuums neu definiert. Schließlich leben wir nicht mehr in Zeiten des romantischen Helden des 19. Jahrhunderts.
Interviewerin: Sabine Peschel
Kamera: Jens Krisinger
Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.
Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft
Blog
Bundeskongress Politische Bildung
Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter...
5. Fundraising-Tag der politischen Bildung - 10. Juni 2011, Köln (KOMED)
Für immer mehr Bildungseinrichtungen wird es unausweichlich, ein professionelles Fundraising aufzubauen. Während des Fundraising-Tages organisieren die Beteiligten seit nunmehr fünf Jahren einen Wissenstransfer. Im Rahmen von acht Workshops wurden konkrete Aktionen und Konzepte des Fundraisings für die politische Bildung vorgestellt und diskutiert. Weiter...
Zeitschriftbpb:magazin
Aus drei mach eins! Kannten Sie bisher das Publikationsverzeichnis, den Veranstaltungskalender und den Flyer für die Studienreisen, so bietet das bpb:magazin den Service dieser drei Publikationen und viele weitere interessante Informationen nun aus einer Hand. Weiter...
Themen und MaterialienCompasito
COMPASITO bietet Praxisanregungen für Multiplikatoren, die sich mit Menschenrechtsbildung für sieben- bis dreizehnjährige Kinder befassen wollen. Das Buch macht mit den wichtigsten Begriffen der Menschen- und Kinderrechte vertraut und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen zu 13 Menschenrechtsthemen. Weiter...
Themen und MaterialienFreiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit-Werteordnung und Wertevermittlung
Werte gewinnen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung, gerade auch im Schulalltag. Dies stellt den Unterricht vor neue Herausforderungen. Für die Schule und die außerschulische Bildung liefern die zwölf Bausteine des Bandes Vorschläge zur Beschäftigung mit Bereichen unserer Werteordnung. Weiter...
SonstigeEuropa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft
Wer macht Was in Europa? Was ist die Europäische Union? Mit vielen Aufgaben, Quizfragen und Diskussionsideen im Wissensmagazin können Jugendliche sich das Thema Europa erschließen. Weiter...

