Veranstaltungen: Dokumentation

Panel 1: Kulturelles Gedächtnis in China und Europa

Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft

2.5.2006
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Erinnerungskulturen in China und Europa rücken erst langsam ins Bewusstsein. Nichts hat die Erinnerung in Europa so nachhaltig in Gang gesetzt, wie die Katastrophen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wie geht China mit seinen geschichtlichen Schocks um, etwa mit dem 'Großen Sprung nach vorn' oder der 'Kulturrevolution'? Wo gibt es Gemeinsamkeiten mit europäischen Erfahrungen, wo Differenzen, wo können gemeinsame Perspektiven entwickelt werden?

Einführung



Lydia Haustein beschrieb zentrale Themen der europäischen Gedächtnis- und Erinnerungsdiskurse, die seit über 10 Jahren eine enorme Hochkonjunktur erleben. Transnationale Debatten über diese zutiefst national und lokal verwurzelten Themen werden nur selten geführt. Auch ein europäisches Gedächtnis muss mehr sein als die Addition nationaler Gedächtnisse. Haustein verwies auf die 'lieux de memoire' (Gedächtnisorte) des französischen Historikers Pierre Nora, die in Europa in den vergangenen Jahren dem kollektiven Vergessen entrissen wurden. Dies geschah auch mit politischen Strategien, die Gedächtnis- oder Geschichtspolitik zur nationalen Identitätsbildung nutzten. Der enge Zusammenhang zwischen kulturellem Gedächtnis und Identitätskonstruktion hängt mit der Möglichkeit zusammen, die sinnstiftenden und stabilisierenden Eigenschaften von Gedächtnispolitik, eben auch zu Zwecken der politischen Verführung und Manipulation einzusetzen. Benedict Anderson, Eric Hobsbawm haben mit ihren Theorien der 'imaginierten Gemeinschaft´ viel Aufklärungsarbeit geleistet, ebenso wie Orwells Roman "1984", der die tägliche Neuerfindung von Vergangenheit als Kernelement totalitärer Systeme schildert.

Den europäischen Debatten stehen Traditionen der Erinnerung in China gegenüber, die Michael Lackner skizzierte. Die "Verständnislosigkeit", mit der wir China gegenüberstehen, bezieht sich nicht nur auf den raschen sozialen und wirtschaftlichen Wandel des Landes, sondern auch auf seine Geschichte und Erinnerungspolitik. So dominieren die Mythen der Homogenität chinesischer Kultur und der Kontinuität einer fünftausendjährigen Geschichte weiterhin den europäischen Blick auf China. Ein homogenes, universales und imperiales Verständnis von kulturellem Gedächtnis wird in China offiziell gefördert, wie Beispiele aus Forschungsvorhaben und Schulbüchern belegen. Es scheint so, als ob das universale Weltbild des 'tianxia' (Alles unter dem Himmel), das China als Herrschaftszentrum der gesamten zivilisierten Welt ansah, wieder belebt wird. Lokale Erinnerungen haben nur einen Platz, wenn sie ein affirmatives Verhältnis zum chinesischen Imperium haben. Die offizielle Geschichtspolitik China arbeitet unterdessen daran, den Nationalstaat und die Reichsidee zu versöhnen. Über 100 nationale Gedächtnisorte sind (nach westlichem Vorbild) in China in den letzten Jahren proklamiert worden. In den Schulbüchern wird den chinesischen Schülern statt Klassenkämpfen fünftausend Jahre glanzvolle Geschichte beigebracht. Gleichzeitig ist die gesamte negative Bilanz der Geschichte Chinas seit 1949, insbesondere der Große Sprung nach vorn und die Kulturrevolution, von einem fast vollständigen Erinnerungsverbot betroffen. Stattdessen wird imperiale Größe beschworen: China verbindet dies mit einer offensiven Kulturpolitik, die radikal alle Momente der Tradition und der Moderne für sich vereinnahmen will.

Der Kunsthistoriker Zhu Qingcheng ging in seinem Statement auf die Kulturrevolution ein, die ganz unterschiedlich erlebt worden sei. Die Partei kümmere sich intensiv um die Geschichte, aber die allseits in China zu beobachtende Kommerzialisierung sei auch eine Chance, meinte Zhu. Ein Künstler, der viel Geld mit seiner Kunst verdient, sei unabhängig und frei. Geld sei eine Möglichkeit, die Macht zu zerstören und eine eigene Freiheit zu erlangen. Die Kommerzialisierung der Kultur könne so auch zur Freiheit führen, der Freiheit, sich mit den Traditionen zu beschäftigen oder es ganz bewusst zu lassen. Teilnehmende
  • Lydia Haustein, Kunstwissenschaftlerin, Haus der Kulturen der Welt/Kunsthochschule Weißensee, Berlin
  • Michael Lackner, Sinologe, Universität Erlangen
  • Zhu Qingsheng, Kunsthistoriker, Beijing


 

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