Veranstaltungen: Dokumentation

2.5.2006 | Von:
Sabine Peschel

Panel 3: Trauma, Amnesie und Anamnesis

Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft

Gibt es in China eine staatlich organisierte Erinnerung? Resultiert daraus so etwas wie eine Erinnerungsallergie bis hin zur Erinnerungsamnesie? Oder eine Schuld- und Schamkultur? Wie tragen Künstler heute zur Schaffung eines kulturellen Gedächtnisses bei? Vielschichtige Fragen mit teils provokanten Antworten.

Die Kulturrevolution (1966-76) erzwang einen weitgehenden Verlust des kulturellen Gedächtnisses. Wie geht China mit diesem Trauma um, welche Reaktionen hat es hervorgebracht? Zeitigt die radikale Vernichtung von damals heutzutage noch Auswirkungen? Sollte man überhaupt von einem Trauma sprechen?

Die Diskussion dieser Fragen verdeutlichte die durchaus konträren Positionen der Teilnehmer. Erinnerung hat grundsätzlich wenig mit der Vergangenheit zu tun, sondern viel mehr mit der Gegenwart, darauf wies der Sozialpsychologe Harald Welzer hin: "Die Identitätsbedürfnisse der Gegenwart bestimmen die Fassung der Vergangenheit, unser kollektives und kommunikatives Gedächtnis ist hochgradig selektiv." Der Trauma-Begriff spiele dabei eine große Rolle zur Instrumentalisierung von Erinnerung, er sei das 'Scharnier', um Anspruch auf die Opferrolle erheben zu können. Man sollte ihn deshalb inzwischen besser durch eine genauere Begrifflichkeit ersetzen – auch in China. Während in Deutschland aktuell der Begriff von Gegenwart und Zukunft fast verloren gegangen sei, sei in China die Zukunft so drängend, dass die Umwandlung von Erinnerungen in ein Langzeitgedächtnis nicht mehr funktioniere, vermutete Welzer.

Dass man in China keine Zeit habe, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, widerlegt der Kurator Zuo Jing zumindest für den Bereich der Kunst. Seit zwei Jahrzehnten setzen sich in schneller Folge verschiedene Künstlergenerationen mit Totalitarismus, verordnetem und echtem Idealismus und Konsumismus auseinander. Der verfälschenden historischen Erinnerung in der heroisierenden sozialistischen Kunst folgte das "frei gewählte Vergessen" der nach 1968 geborenen Künstler, auf die lange Zeit "viel zu viel Geschichte abgeladen" worden sei. "Nüchtern und ernsthaft denken sie über die Funktion von Kunst nach", auch wenn als Ergebnis dieses Prozesses unter Umständen ein Comic mit seiner reduzierten Bildersprache stände.

Nicht von Selbstreflektion, sondern von Monumentalisierung im Umgang mit Erinnerung sprach die Sinologin Nora Sausmikat. China leiste sich zur Zeit eine "Olympiade der Erinnerung" mit Dutzenden von Museen allein in der Provinz Sichuan. Auf diesem "Erinnerungsmarkt" werde ein "Disneyland zur chinesischen Revolutionsgeschichte" inszeniert, eine Konkurrenz von Gedenkorten, beispielsweise zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, des Nanjing-Massakers oder auch zur Kulturrevolution. Erinnerung wird dabei nicht nur kommerzialisiert, sondern nach wie vor politisch instrumentalisiert: "Der Staat ist den Individuen zuvorgekommen." Die Frage nach Tätern und Opfern ist bleibtunbeantwortet, denn sie würde auch die die Rechtmäßigkeit heutiger Repräsentanten staatlicher Macht infrage stellen.

  • PDF-Icon Vortrag von Nora Sausmikat (PDF-Version: 178 KB)
  • PDF-Icon Vortrag (chinesisch) von Zuo Jing (PDF-Version: 272 KB)

    Teilnehmende
    • Harald Welzer, Sozialpsychologe, Universität Witten-Herdecke
    • Zuo Jing, Kunsthistoriker und Kurator, Universität Anhui
    • Nora Sausmikat, Ostasienwissenschaftlerin, Universität Duisburg
    • Lydia Haustein, Kunstwissenschaftlerin, Haus der Kulturen der Welt, Kunsthochschule Berlin
    • Weißensee, Berlin (Moderation)


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