Panel 6: Ausstellungspraxis in China
Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft
3.5.2006
China im Vorfeld der Olympiade von 2008 ist eine Art Testgelände der urbanen Entwicklung im Zeichen der Globalisierung, urteilt der international wirkende Kurator Hou Hanru, eine Gesellschaft mit immer schwächer werdenden sozialen Strukturen. Nach dem kommerziellen Erfolg der Künstler der Neunzigerjahre setzen sich die Kunstschaffenden heute wieder viel mehr mit Konflikten und "dem Wunsch, ein Paradies für das Individuum zu schaffen" auseinander. Sie engagieren sich im Spannungsfeld zwischen Realität und Utopie, zwischen vorherrschender Ideologie und unabhängiger Weltsicht. Während sich immer mehr Menschen in eine Phantasiewelt flüchten, sich ihr eigenes Gedächtnis erschaffen und immer weniger interagieren, strebt die künstlerische Teilnahme nach öffentlichem Raum und individueller Freihheit.
Die chinesische Gegenwart habe nur sehr beschränkt Platz für historische kulturelle Erinnerung, sie sei geprägt von Moden ohne Verankerung in der Vergangenheit, sagte die junge Kuratorin Carol Lu. Sie spricht deshalb von einem "fragmentarischen Gedächtnis" der Kunst, das aber ungeheuer viel Energie freisetze. "Kulturelles Gedächtnis ist alles, was jetzt passiert. Die letzten hundert Jahre waren Diskontinuität, Transformation und Abwechslung von Systemen, oft blutig, beschleunigt, zensiert, dann versüßt vom generellen öffentlichen Konsum." Die Neunzigerjahre waren in der Kunst die Zeit der Analyse und des "absichtlichen Vergessens". Die zeitgenössische Kunst tendiert auch nach ihrer Beobachtung dazu, den Raum für freien Ausdruck weiter zu öffnen.
Wie es passiert, dass der Kommerz die Avantgarde einholt und experimentelle Kunst in etwas Unschädliches verwandelt wird, zeigte der junge Ausstellungsmacher Pi Li an verschiedenen Beispielen. Kunst wird in den Mainstream aufgenommen und verwandelt sich in Reklame. Mit genau diesem Prozess beschäftigt sich der Künstler Zhao Bandi in seinen jüngsten Werken. Dass die Grenzen der Liberalität nicht immer vom chinesischen Staat gezogen werden, erläuterte Pi Li am Beispiel eines am Einspruch der USA gescheiterten Ausstellungsprojektes von Huang Yongping. Der Künstler wollte eine Installation aus den zerlegten Teilen des amerikanischen Spionageflugzeugs erstellen, das 2001 an der chinesischen Küste zur Landung gezwungen worden war. Der chinesische Rahmen sei für die Kunst in China noch gegeben, urteilte der Kurator, ebenso relevant seien aber auch globale Bezüge.
Teilnehmende
- Hou Hanru, Kurator und Kunstwissenschaftler, Beijing
- Carol Lu, Kuratorin, Beijing
- Pi Li, Kurator, Beijing
- Ute Meta Bauer, Kuratorin, MIT Cambridge, USA (Moderation)
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