Panel 7: Musik, Tanz und Theater
Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft
3.5.2006
Überlieferte kulturelle Elemente (Rollen, Gesten, Dramaturgie, etc.) blieben in den revolutionären Formen des chinesischen Tanztheaters erhalten, führten die Komponistin Liu Suola und die Theaterwissenschaftlerin Elizabeth Wichmann aus. "Die Ästhetik hat sich in der Kulturrevolution geändert", sagte Liu Suola, "ungefähr so wie ein Bild zum Cartoon wird". Heutzutage sind die verschiedenen Brechungsebenen der Bearbeitung eines historischen Stoffes wiederum Gegenstand kreativer Arbeit. Dabei ergeben sich durch die Kontraste oft groteske Bezüge zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Verhältnissen. Liu Suola selbst inszenierte mit dem Ensemble Modern in Berlin die Oper "Fantasy of the Red Queen", eine politische Phantasmagorie, in der sich eine von Machtgier getriebene Frau mit Jiang Qing indentifiziert, der vierten Ehefrau Maos, die während der Kulturrevolution den Kanon des Tanztheaters auf wenige Modellopern reduzierte.
Nach der Experimentierfreudigkeit des chinesischen Theaters in den Achtzigerjahren sieht die in Shanghai und Bern ausgebildete Regisseurin Cao Kefei das moderne Theater Chinas seit Mitte der Neunzigerjahre in der Krise. Nicht durch staatliche Zensur, die erübrige sich, da die freie Theaterarbeit ohnehin nicht öffentlich unterstützt wird. Eine Art Fast Food-Theater sei das Ergebnis, Theater als Seifenoper und Flucht vor individuellen Fragen nach einem bewussten Leben. Daneben gibt es Inszenierungen des aufkeimenden Kulturnationalismus. Im Sog der Ökonomisierung fehle es an innovativem, kritischem und auch politischem Theater. Endstation Beijing.
Teilnehmende
- Liu Suola, Komponistin, Beijing
- Elisabeth Wichmann-Walczak, Theater- und Tanzwissenschaftlerin, University of Hawaii
- Cao Kefei, Regisseurin, Beijing
- Heiner Goebbels, Komponist, Gießen
- Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin, Berlin (Moderation)
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