Veranstaltungen: Dokumentation

"Soziale Härten, die niemand zurück will"

Dr. Christoph Classen über den Alltag in den 50er-Jahren,
ihren Mythos und die Realität


24.3.2006
Ein Interview mit Dr. Christoph Classen über den Alltag in den 50er-Jahren, ihren Mythos und die Realität.

bpb: Wenn wir heute an die 50er-Jahre denken, dann denken wir an Optimismus und Aufschwung, Nierentische und Italien-Reisen. Wie sah die soziale Realität aus?

Classen: Das ist ein etwas einseitiges und wohl auch zu optimistisches Bild. Gemessen an unseren heutigen Bedingungen war die soziale Realität in materieller Hinsicht sehr bescheiden. Die 50er-Jahre waren eine Zeit räumlicher Enge und geringer sozialer Mobilität, für eine Mehrheit waren die Berufs- und Bildungswege noch sehr festgelegt, es gab wenig Aufstiegschancen. Auch die Möglichkeiten zu reisen waren für die meisten Menschen noch sehr eingeschränkt. Zudem gab es einen großen Stadt-Land-Gegensatz. Viele Haushalte auf dem Land waren sehr schlecht ausgestattet und harte körperliche Arbeit prägte den Alltag.

bpb: Ist das Wirtschaftswunder dann mehr Mythos als Realität?

Classen: Sicher lässt sich der Wirtschaftsaufschwung mit Daten nachweisen. Praktisch alle Indizes, also Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote, Realeinkommen usw., entwickeln sich in dieser Zeit sehr positiv. Aber man muss dabei auch sehen, dass diese Entwicklung von einem extrem niedrigen Standard ausging. Viele Städte waren zerstört, da saß buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen. Man hatte damals nicht damit gerechnet, dass der Aufschwung so schnell kommen würde. Es gab sozusagen eine Übererfüllung von Erwartungen, und insofern hat das Wirtschaftswunder auch eine mythische Dimension.

bpb: Als Folge des Krieges gab es erheblich mehr Frauen als Männer. Welche Rolle kam der Frau in den 50er-Jahren zu?

Classen: Die Vorstellungen waren noch sehr traditionell. Die Frau sollte eine eher dienende Rolle einnehmen, der Mann traf die wichtigen Entscheidungen. Es herrschte ein patriarchalisches Familienverständnis. Das Ideal der arbeitenden Frau gab es nicht. Wenn Frauen arbeiteten, dann betrachtete man das als wirtschaftliche Notwendigkeit. In der DDR war das allerdings anders, da galten Frauen als 'wirtschaftliche Produktionsreserve'. Allerdings begannen sich die Vorstellungen der Geschlechterrollen auch im Westen langsam zu wandeln, unter anderem aufgrund der Tatsache, dass viele Frauen nach dem Krieg allein geblieben sind und ihre Familien ernähren mussten.

bpb: Wie wuchsen Jugendliche in den Gründerjahren der Bundesrepublik Deutschland heran? Mit welchen Schwierigkeiten hatten sie zu kämpfen?

Classen: Anfang der 50er-Jahre gingen 90 Prozent der Jugendlichen schon mit 14 Jahren von der Schule in den Beruf, Ende der 50er-Jahre waren es immer noch 80 Prozent. Die Jugend war kurz, die soziale Realität hart. Viele Jugendliche mussten schon früh Verantwortung in der Familie übernehmen, weil die Väter fehlten. In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre prägte sich – einhergehend mit den gestiegenen Konsummöglichkeiten und einer Orientierung an amerikanischen Vorbildern – ein eigener Lebensstil aus. Mit dem Rock´n´roll begann sich auch in Deutschland eine Jugendkultur zu entwickeln.

bpb: Welche Unterschiede gab es denn im Alltag der Menschen in Ost und West?

Classen: In der DDR versuchte man, die Menschen zu politisieren, den "neuen Menschen" zu erschaffen. Das beeinflusste auch den Alltag der Bevölkerung, zum Beispiel, weil man an Versammlungen teilnehmen musste. Der Wunsch vieler Deutscher, sich nach den Erfahrungen von Krieg und Nationalsozialismus ins Private zurückzuziehen, war dem Regime in der DDR eher fremd. Und schließlich hörte auch in den 50er-Jahren die Mangelerfahrung nicht auf – trotz eines wirtschaftlichen Aufschwungs auch hier. Es gab vieles einfach nicht oder nur gegen "harte" Währungen bzw. nach langen Wartezeiten.

bpb: Was meinen Sie: Worauf sollten Journalisten achten, wenn sie über die 50er-Jahre schreiben?

Classen: Es gibt heute eine Tendenz, die 50er-Jahre als "goldene Zeit" darzustellen. Man erinnert sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise vor allem an die Aufbruchstimmung und den Optimismus. Es herrscht die Vorstellung, man habe sich seinerzeit durch harte, entbehrungsreiche Arbeit den Wohlstand aus eigener Kraft erschaffen. Manchmal wird heute dann sogar eine Rückbesinnung auf die Tugenden der 50er-Jahre gefordert. Das ist wenig hilfreich, denn zum einen waren die Rahmenbedingungen seinerzeit ganz andere, zum anderen hat sich die Welt seitdem stark verändert und ist viel komplexer geworden. Abgesehen davon möchte ich davor warnen, nur die positiven Seiten darzustellen. Sicher war es eine Zeit, in der man nach vorne geblickt hat, aber es war auch eine Zeit, in der soziale Härten und gesellschaftliche Zwänge vorherrschten, die heute bestimmt niemand zurück haben will.

Interview: Barbara Lich



 

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