Thomas Leif: Qualität statt Google-Journalismus
Politik kann interessant und transparent vermittelt werden. Wir haben derzeit eine umgedrehte Themenpyramide. Was wirklich wichtig ist, kommt nicht in den etablierten Medien vor. Wir haben etliche Beispiele, dass sperrige Themen zu selten vorkommen. Ein Feature über die Politik von Aldi, Lidl und anderen Großkonzernen, das gar nicht so gut gemacht war, hat plötzlich eine Riesenquote. Alle dachten vorher: Das Ding geht schief. Diese Themen, die eigentlich die Leute betreffen, kommen viel zu wenig vor. Wir haben in elektronischen Medien ein großes Defizit an kritischen Wirtschaftsthemen. Diese umgekehrten Formen der Wahrnehmung müssen wir wieder ändern. Das Wichtige wichtig machen und das Unwichtige an den Rand drängen.
Für die Zukunft sehe ich die problematische Rolle, dass viele Journalisten eher Informationsproduzenten werden, aber nicht mehr von Informationen, die sie selbst geschaffen, sondern Dritte ihnen übermittelt haben. Eine ungeprüfte Veredelung, Erweiterung, Kürzung und Reduktion von fremden Informationen. Die Gefahr des Journalismus besteht also darin, dass seine eigentliche Rolle, die Prüfung aus eigener Beobachtung, Kompetenz und Erfahrung, wegfällt. Dieser Bereich der Erfahrung wird durch den Jugendwahn, den es in der Gesellschaft gibt, diskreditiert. Der Aspekt, der eigentlich eine Gesellschaft und Kulturnation an Erfahrung ausmacht, wird plötzlich in die Schmuddelecke gestellt. Das ist ein ganz großer Fehler. Und ich sehe die Gefahr, dass immer mehr sich Journalisten schimpfen, die aber nur gut mit Agenturen, Bildmaterial, dem Internet und mit Mastersystemen umgehen können. Und im Grunde wissen sie gar nicht mehr, was passiert ist.
Ich halte das Internet für eine riesige Schatzinsel, wobei die Zukunft meiner Ansicht nach aus intelligenten Navigationssystemen bestehen wird. Diese können zielgruppenspezifisch Leuten aus dem Studium, Alltag, den Bürgerinitiativen oder auch der Zivilgesellschaft Hilfestellung leisten, gute Informationen schnell zu bekommen.
Es gibt fantastische Blogs wie etwa Bildblog.de oder andere Watchblogs, die richtig journalistisch arbeiten. Sie geben sich also Mühe, Informationen zu filtern, zu kontrollieren und auszuwerten. Der klassische Blogger will im Grunde nur sein privates Tagebuch öffnen und durch Provokation, Anmaßung oder Verletzung neue Reaktionen erzeugen. Aus diesen Reaktionen speist sich wiederum seine Aufmerksamkeit – ein genuin unjournalistisches Konzept. Und ich sehe die Gefahr, dass so viel Belangloses, Dummes, Banales bei den Bloggern produziert wird, und dass sich eine gigantische Energieverschwendung an Intellekt und Wissen zeigt. Ich bin sehr skeptisch und warte auf die Diskussion, dass Blogger ihre eigenen Regeln aufstellen und endlich wenigstens einen Millimeter weg von ihrem eigenen Bauchnabel kommen.
Redaktion: Tatjana Brode
Kamera und Schnitt: Jovan Arsenic
Das Interview entstand auf dem Bundeskongress für politische Bildung vom 2. bis 04. März 2006.
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