Persönlichkeit profilieren
Prof. Otfried Jarren über die Zukunft der Zeitung
Prof. Otfried Jarren über die Zukunft der Zeitungbpb: Herr Jarren, auf dem Forum Lokaljournalismus haben Sie Ihren Vortrag "Innovation ist mehr – die Tageszeitung muss anders werden" genannt. Das impliziert, dass die Tageszeitung in ihrer jetzigen Form keine Zukunft mehr hat. Oder?
Jarren: In der Tat hat die Tageszeitung in ihrer Funktion als universelles Integrationsmedium an Bedeutung eingebüßt. Zeitungen können nicht unterschiedlichste soziale Anspruchsgruppen in ein Produkt "zwängen". Es bedarf verschiedener Produkte von Tages- wie auch Wochenzeitungen aus einem Verlagshaus. Insoweit hat die Gattung "Zeitung" natürlich eine Zukunft, aber die Zeitungstypen werden sich ändern (müssen).
bpb: Welche konkreten Maßnahmen müssen denn Verleger und Chefredakteure von Regional- oder Lokalzeitungen heute treffen, um ein zukunftsfähiges Blatt zu machen?
Jarren: Zeitungen sind persönliche Medien, zu ihnen hat man ein anderes Verhältnis als zu den elektronischen Zuteil- oder Abrufmedien. Die Besonderheiten des Lesemediums sind zu pflegen und zu entwickeln und mehr auf unterschiedliche Rezipientengruppen und Rezeptionssituationen zuzuschneiden. Zudem haben Zeitungen ihre "Persönlichkeit" zu profilieren – als Orientierungsmedium im Alltagsdschungel. Überregionale Qualitätszeitungen sind also anders zu konzipieren als Lokalzeitungen.
bpb: Was heißt das konkret?
Jarren: Für die Regional- und Lokalzeitungen gilt: Sie müssen nah an der sich stark wandelnden Lebenswelt der Leserinnen und Leser sein. Es gibt kein "Zentralkonzept" – außer: Sie müssen für ihre Verbreitungsräume entwickelt werden und dort ein Höchstmaß an Verankerung realisieren. Dazu sind stets Kommunikationsraumanalyse zu machen, es bedarf regelmäßiger redaktioneller Gespräche über die Entwicklungen in den Räumen und bezüglich der sozialen Veränderungen. Redaktionelle Ziele müssen auf die sozial-räumlichen Muster formuliert, umgesetzt und kontinuierlich evaluiert werden.
bpb: Werfen Sie doch mal einen Blick in die Zukunft: Wie wird der Zeitungsmarkt Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen?
Jarren: Es werden sich drei Zeitungstypen etablieren: die Formatzeitungen mit hoher Nutzwert- und Serviceorientierung, die kostenlos verteilt werden, die Regional-/Lokalzeitungen als Forum regionaler und lokaler Kultur, Wirtschaft und Politik, und die Elitezeitungen, die eine eigenständige publizistische Position vertreten. Es wird die Frage sein, ob jedes Verlagshaus in der Lage ist, eine derartige Zeitungsvielfalt zu produzieren. Ich denke, dass dies nicht der Fall sein wird. Es wird zu neuen Formen der Zusammenarbeit kommen müssen.
Interview: Barbara Lich
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