"Die Redaktion bestimmt die Agenda der Stadt"
Ein Interview mit Dieter Schneider-Bichel über Volkes Stimme in der Zeitung, Städte im Wettstreit und politische Meinungsbildung.
Ein Interview mit Dieter Schneider-Bichel über Volkes Stimme in der Zeitung, Städte im Wettstreit und politische Meinungsbildung.bpb: Wie kamen Sie auf die Idee, so etwas wie Ihr "Bürgerbarometer" in die Zeitung zu hieven, das so deutlich auf Elemente der Marktforschung setzt?
Schneider-Bichel: Weil es seinerzeit, also 2001, eine einzigartige Möglichkeit war, die kommunale Berichterstattung aufzufrischen und auf qualitativ hochwertige Beine zu stellen. Es ist ja auch keine Umfrage unter Lesern, sondern auf der Basis der gesamtstädtischen Bevölkerung. Die Befragungen für das nächste Thema etwa werden erst nach Ostern losgehen, vier bis sechs Wochen nach Beginnn der Interviews werden die Ergebnisse dann in der NRZ veröffentlicht.
bpb: Und mit welchen Fragen arbeiten Sie?
Schneider-Bichel: Es sind ausschließlich lokale Fragen, es kann aber sein, dass bei Umfragen direkt vor Landtags- oder Bundestagswahlen der thematische Bogen etwas weiter gespannt wird. Ansonsten kommt alles auf die Agenda, was eine Stadt bewegt: Fragen zu Einkaufszentren, zur Infrastruktur, aber auch zu aktuellen und oft strittigen Bauvorhaben, zu Freizeit und Kultur, Parteien und Politikern.
bpb: Was haben Sie dann davon?
Schneider-Bichel: Befragt werden bis zu 1.000 Personen nach Maßstäben, die die Umfrage unstrittig repräsentativ machen. Bisher gab es in den allermeisten Städten solche repräsentativen Erhebungen zum Stadtgeschehen nicht. Was wir machen, ist also einzigartig. Nicht selten kommen die Leute von der Stadt oder vom Stadtmarketing und wollen von den Umfragen profitieren. Wir haben eben den Anspruch, das aktuelle Stadtgeschehen repräsentativ zu bewerten – auf allen Feldern des Gemeinwesens. Und wir verhindern damit, dass die ewigen Einflüsterer aus Parteien und Verbänden uns etwas vorgaukeln und das Gemeinwesen nach ihrem Gusto gestalten.
bpb: Sie haben also jetzt die Ergebnisse der Umfragen. Aber wie betten Sie sie in Ihre Zeitung ein?
Schneider-Bichel: Zum einen verwenden wir sie im Schnitt eine Woche lang massiv im Blatt, eine Seite pro Tag ist das mindestens. Wir lassen graphische Darstellungen aus den Call-Center-Befragungen und den Auswertungen des Marktforschers erstellen und illustrieren damit die Themenseiten. Wir wollen die Ergebnisse so aktuell wie möglich verarbeiten, deshalb sind sie der Redaktion auch nur ein paar Tage im Voraus bekannt. Die Redakteure überlegen sich dann Geschichten zu den entsprechenden Themenfeldern und recherchieren sie an. Als es etwa um den Bürgerservice in einer Verwaltung ging, haben sie den Blick auch auf den Service in anderen Stadtverwaltungen geworfen. Mittlerweile haben wir sogar schon die Möglichkeit, Testergebnisse aus verschiedenen Kommunen zu einem Thema zu vergleichen. Die Zeitung kann so mit unwiderlegbarem Ergebnis einen positiven Wettstreit zwischen den Städten initiieren.
bpb: Das klingt, als würden eher Statistiker als Redakteure bei der NRZ arbeiten.
Schneider-Bichel: Überhaupt nicht, das Bürgerbarometer ist einfach geeignet, die Koordinaten einer Stadt zu untersuchen, gerade in stadtplanerischen Dingen. Und die Redaktion diktiert meist eine Woche lang und länger die Agenda der Stadt.
bpb: Was passiert, wenn Sie Kommunalpolitiker mit den Ergebnissen Ihrer Umfragen konfrontieren – interessiert die das überhaupt?
Schneider-Bichel: Klar, das passiert regelmäßig. Vor allem auch mit Beliebtheitsskalen. Das machen wir oft auch einen Tag vor der Veröffentlichung, um zum Beispiel noch ein Interview mit auf die Seite stellen zu können. Auf diese Weise haben wir Ratssitzungen beeinflusst und sogar den Bau eines Großkaufhauses verhindert. Dank unserer Umfragen wussten die Politiker, dass es große Widerstände gegen das Projekt in der Bevölkerung gibt.
bpb: Das Bürgerbarometer als Mittel politischer Arbeit?
Schneider-Bichel: Der Vorwurf, Journalisten würden mit ihrer eigenen Meinung Politik machen wollen, ist bei uns von vornherein fehl am Platze – denn dem läuft das Wesen des Bürgerbarometers entgegen: Das sind harte Zahlen. Es ist das Instrument schlechthin, das Volkes Stimme wiedergibt. Es ist außerdem ein Instrument, bei dem die Zeitung als Wissensvermittler fungiert oder eine Plattform für Diskussionen bieten kann. Die Zeitung liefert auf diese Weise neue, gute Kenntnisse, die in die Stadtdiskussion hineinwirken – das Bürgerbarometer ist also ein durch und durch konstruktiver Beitrag zur politischen Meinungsbildung.
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