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12.5.2005

Polen – unbekannt und doch vertraut. Eine Entdeckungsreise in den "wilden Osten"

Bericht über die Studienreise der bpb vom 27.6. - 6.7. 2002 nach Breslau, Thorn, Danzig, Kolberg und Stettin

Polen – unbekannt und doch vertraut. Die Dokumentation beleuchtet die Entdeckungsreise in den "wilden Osten", welche vom 27. Juni - 6. Juli 2002 in Breslau, Thorn, Danzig, Kolberg und Stettin stattgefunden hat.

Breslau/Wroclaw

Breslau soll wieder auf die europäische Landkarte

Dr. Peter Ohr, deutscher Generalkonsul

Gruppenbild 240 neu
Breslau ist dabei, seine Identität wieder zu entdecken. "Die Einwohner suchen eine Bedienungsanleitung zu einer Stadt, die ihnen lange fremd geblieben ist", schreibt "Der Spiegel" (16/2002). "Jeder Stein wird umgedreht, jede Straße neu ausgemessen. Die Dinge bekommen ihren Sinn. Denn Breslaus Bauten sind heute nicht nur die Heim- und Kaufstätten seiner polnischen Bewohner, sondern Spiegel deutscher Geschichte."

Eine Stadt, die den Nationalsozialisten als "Festung" gedient hat, eine Stadt, deren Bevölkerung komplett ausgetauscht wurde - Wroclaw, von polnischen Fürsten gegründet, mit einer deutschen, österreichischen, böhmischen, polnischen Geschichte, mit einer Bevölkerung, die erst heute, seit ein paar Jahren beginnt, ihre Lemberger Wurzeln zu entdecken, wirkt heute stolzer und selbstbewusster denn je. Peter Ohr, dem deutschen Generalkonsul, merkt man es an, wie sehr er diese Stadt liebt.

"Breslau will wieder auf die europäische Landkarte", sagt er. Peter Ohr ist in Breslau geboren und musste als Kind fliehen. Heute residiert er mit dem Konsulat in dem repräsentativen Wohnhaus der Breslauer Bierbrauerfamilie Haase. 1940 wurde das Haus von den Nazis enteignet und zur Einsatzzentrale der Hitlerjugend umfunktioniert. 1956 zog die konsularische Vertretung der DDR ein. Deutschland übernahm das Gebäude zu Beginn der 90er Jahre. "Wir sind die einzige deutsche Vertretung westlich der Weichsel", sagt der Generalkonsul, "mit einhundert Mitarbeitern an drei Orten."

Seine Arbeit konzentriert sich auf die Anbahnung von Wirtschaftskontakten, auf die Ermöglichung einer Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Justizbehörden und der Polizei, auf die Beratung von Investoren und die Vermittlung kultureller Kontakte. Seit Jahren schon hat die Passabteilung nicht mehr viel zu tun – die Ausreisewünsche verbunden mit dem Nachweis der Deutschstämmigkeit haben nachgelassen.

Peter Ohr unterstützt die Expo-Bewerbung der Stadt. "Breslau braucht eine eigene Identität – das wird klar, wenn man die Stadt mit der Seestadt Danzig oder der Kulturmetropole Krakau vergleicht. Die haben ihre klare Funktion." Der Generalkonsul sieht "eine europäische Metropole" an der Oder heraufziehen. "Die Blume Europas" hat der britische Historiker Norman Davies seine Arbeit über Breslau auf deutsch genannt.

Das vorgeschlagene "Zentrum gegen Vertreibungen", auch das wäre für Peter Ohr ein Projekt für die Stadt. "Aber nur mit einer europäischen Perspektive und unter Einbeziehung der Westukraine, Galiziens und der Lemberger", unterstreicht er. "Das müsste ein Platz für alle europäischen Flüchtlinge und Vertriebene sein, nicht ein bisschen Gedenken an die deutschen Vertriebenen plus ein wenig Europa." Breslau brauche Ausstellungen, Messen, Kongresse. "Wie stark die Idee für das Zentrum gegen Vertreibungen schon gewirkt hat, sehen Sie daran, dass wir bereits die ersten telefonischen Nachfragen nach Arbeitsstellen bekommen haben."

Der EU-Beitritt Polens ist für ihn ausgemacht. "Wir tun manchmal so, als ob die Beitrittsfrage noch offen ist, aber das ist spätestens 2004 abgehakt." Die Schwierigkeiten beginnen nach seiner Ansicht erst nach dem Beitritt: Das Wohlstandsgefälle entspreche dem zwischen den USA und Mexiko, das habe die ILO (International Labour Organization, Genf) festgestellt. "Die Konflikte werden kommen, da ist viel Sensibilität gefragt, gerade, was den Erwerb von Eigentum an Grund und Boden oder Immobilien betrifft. In dieser Frage neigen beide Seiten dazu, die eigene Angst hochzuspielen und die der anderen herunter."

Peter Ohr glaubt nicht, dass die Polen den deutschen Arbeitsmarkt überrennen werden, wenn die offene EU-Grenze kommt. "Die 40- bis 50-jährigen haben sich eingerichtet, das ist eine neue Generation." Und die Jüngeren? "Sie wollen ins Ausland, um eine gute Ausbildung zu bekommen. Aber wenn sie in Polen Perspektiven sehen, kehren sie zurück." Seine Prognose: "Es wird eine Generation brauchen, bis sich die Unterschiede ausgewachsen haben."

Wroclaw will die Expo

Stadtpräsident Jaroslaw Obrenski

So wie in Hannover wollen sie es nicht machen. Die Erwartungen sind nicht so hochgeschraubt und auch die Eintrittspreise werden nicht so teuer sein. "Wir streben eher eine Expo nach dem Vorbild von Sevilla 1992 an", sagt Stadtpräsident Jaroslaw Obrenski zum Projekt Expo 2010 in Wroclaw. Die Konkurrenz ist stark: Moskau hat sich beworben und Schanghai. Und was sagt Warschau dazu? Der Stadtpräsident antwortet diplomatisch: "Ich hoffe, dass die Expo in Gesamtpolen als nationales Anliegen verstanden wird." Warum sich Breslau bewirbt? Die Expo werde ein neues Zentrum schaffen, sie werde die Stadt als europäische Metropole zeigen, sie habe sich seit 1990 in der wirtschaftlichen Entwicklung auf einen der ersten drei Plätze in Polen gerückt, sie ist eine junge Stadt: 200 000 Einwohnern unter den 650 000 sind zwischen 20 und 40 Jahre alt.

"130 Millionen Menschen leben in einem Sechs-Stunden-Autofahrt-Radius um Breslau", sagt Pressesprecher Pawel Romaszkan, "das ist eine Garantie für viele Besucher." Auch Berlin werde 2010 mit einbezogen sein.

Die Bevölkerung stehe hinter dem Projekt. Auch das sei anders als in Hannover. "Hannover ist eine Messestadt, da ist man das gewöhnt", erläutert Pawel Romaszkan. "Für unsere Stadt ist die Expo ein dringendes Bedürfnis, wir brauchen sie, damit unsere ganze Infrastruktur besser wird: Bahn, Straßen, Flugverbindungen. Und deswegen stehen die Menschen ganz anders dahinter."

Das Motto der Expo 2010 soll sein: "Kultur – Wissenschaft – Medien". Der Stadtpräsident: "Medien machen die Welt kleiner, die Wissenschaft braucht den sekundenschnellen Austausch – und Kommunikation wird in ganz Europa die entscheidende Rolle spielen." Die Entscheidung über die Expo 2010 fällt im Dezember 2002.

Kirchen, Kuppeln und Joe Cocker

Elzbieta Zieteks Breslau

"Träumen kann man immer", sagt Elzbieta, "und wer zahlt die Schulden?" Die energische Fremdenführerin hat ihre eigene Meinung zur Expo. Elzbieta kommandiert die Tour de force durch Breslau: von der Dominsel zur Jahrhunderthalle, durch die Leopoldina und zurück auf den Rynek.

Als die Oder im Juli 1997 über die Ufer trat und zwei Drittel der Stadt unter Wasser setzte, hatte die Stadtverwaltung gerade viele Gebäude für den Eucharistischen Weltkongress renovieren und auffrischen lassen. Die Fluten aus der Oder samt ihren vier Armen, die die Stadt durchschneiden, machten alles zunichte – fast alles, wie Elzbieta erklärt: Gebirge von Sandsäcken hielten das Wasser davon ab, durch die Leopoldina und weiter in die Innenstadt durchzubrechen. Die Universität feiert am 7. November ihr 350-jähriges Jubiläum – ohne das Baugerüst, das die Fassaden verhüllt. Um so prächtiger der Eindruck von der barocken Aula: Immer noch wird hier jedes Jahr am 1. Oktober das Studienjahr eröffnet, und immer noch finden hier nach vier oder sechs Jahren die Abschlussfeiern für die frisch gebackenen Magister oder Doctores statt. Jeder Fleck in diesem Raum ist gestaltet – und doch wirken Skulpturen, Malerei, Fresken, Statuen, Ornamentik nicht überladen, sondern bilden eine Einheit.

Unter der wesentlich nüchterneren Kuppel der Breslauer Jahrhunderthalle türmen Roadies riesige Lautsprecherboxen aufeinander. Lichtleisten mit Spots in allen Farben werden an Seilen hochgehievt. Einer wuchtet den Verstärker an die richtige Stelle auf der Bühne – Vorbereitungen für das große Joe Cocker Konzert am Abend. Die Karten sind nicht billig, zwischen 150 und 200 Zl, aber es soll ausverkauft sein. Elzbieta erklärt, dass diese Halle die erste freitragende Betonkonstruktion weltweit ist. 1913 erbaut, habe sich der Architekt Max Berg eine Pistole eingesteckt, als die letzten Baugerüste fielen: Wenn seine Konstruktion zusammengebrochen wäre, hätte er sich die Kugel gegeben. Die Jahrhunderthalle hat zwei Weltkriege überstanden. Sie bietet Platz für 10 000 Menschen, und sie hat Geschichte gemacht. 1948 z.B. als ein weltweiter Kongress für den Frieden Intellektuelle aus der ganzen Welt zusammengeführt hat. Damals wurde auch der Nadelturm aufgestellt – eine 100 Meter hohe, spitz zulaufende gigantische Nähnadel, die sich vor der Halle in den Himmel reckt.

Polen ist katholisch. Es fällt schwer, zwischen den sechs Messen, die nacheinander ablaufen, auf der Sandinsel einen Blick in den Dom zu werfen. Die Johannes dem Täufer (Stadtwappen!) geweihte Kathedrale ist nur eine von drei Kirchen auf der Dominsel in der Oder: Auch bei "Maria auf dem Sande" und in der Kreuzkirche (mit einer eigenen Kapelle für Blinde und Taubstumme) gehen die Gläubigen ein und aus. (Übernachtungstipp: Im Grauen Kloster bei den Nonnen auf der Dominsel lässt sich preiswert und zentral logieren.)

Elzbieta schätzt, dass 70 Prozent der Polen nach wie vor tief gläubig sind. "Das sind diejenigen, die sich immer noch durchkämpfen müssen, die oft noch jeden Zloty herumdrehen müssen, denen es zwar schon schlechter ging, aber immer noch nicht gut geht. Die anderen 30 Prozent – das sind die Reichen. Und die haben keine Kirche mehr nötig, die bleiben weg." Der Glaube ist für sie nichts Weltfremdes. Und an den vielen Papst-Porträts in allen Kirchen ist es abzulesen, dass der Mythos lebt: Als es den Polen dreckig ging, gelangte ein polnischer Bischof auf den Stuhl Petris. Und er brachte die Wende. "Solange viele Menschen immer noch hoffen und beten, solange werden auch die Kirchen voll sein", meint Elzbieta. Polen bräuchte eine Schulreform, ein neues Krankenversicherungssystem, eine Rentenreform... "Oberflächlich sieht vieles toll aus bei uns, aber der Unterschied zu Deutschland z.B. ist immer noch riesig. Das dauert noch mindestens 15 Jahre...".

Einige Highlights aus dem scheinbar unerschöpflichen Quell an Informationen des Cicerones Elzbieta: Breslau hat 70 Hochschulen, davon sind drei privat. Ein Sechstel der Stadtbevölkerung sind Studenten (110.000). Allein an der Leopoldina unterrichten 3 000 Professoren rund 47 000 Studenten. Die industrielle Basis der Stadt bilden Elektrotechnik, Waggonbau und Brauereien. Die Arbeitslosigkeit rangiert offiziell bei 13 Prozent (inoffiziell über 18 Prozent). Ein polnischer Durchschnittsverdienst liegt bei rund 1 200 Zloty (1 € = 3,8 Zl), ein Lehrer verdient 1 500 bis 2 000 Zl., ein Rentner verfügt im Durchschnitt über 500 Zl.

Architektur und Ideologie

Maciej Lagiewski, Direktor der Historischen Museen in Breslau

Lagiewski beginnt mit der Zerstörung Breslaus, der größten deutschen Stadt im Osten: Kein Luftangriff hat die Stadt getroffen, wie etwa Dresden. Die Stadt hat sich selbst zerstört – die Deutschen benutzten sie 1945 als Bollwerk gegen die anstürmende Rote Armee. Ganze Häuserzeilen wurden niedergelegt, um Platz für das Schussfeld und einen Flugplatz zu schaffen. Der Kampf um jedes Haus, der Artilleriebeschuss, die Brände – im Mai 1945 bestand die Stadt zu 75 Prozent aus Ruinen (Literaturtipp: Paul Weikert "Festung Breslau"). Strategisch ausgespart blieben das Polizeipräsidium, der Bahnhof, das Gefängnis, das Rathaus. Dagegen waren alle Kirchen frei zum Abschuss.

Anfangs – so Maciej Lagiewski – lieferte die zerstörte Stadt aus den Trümmern geborgene Ziegel für die Restauration Warschaus. Die ersten Pläne für den Wiederaufbau Breslaus zu Beginn der 50er Jahre orientierten sich an der Zeit der Piasten. "Aber die endete 1335 – da ließ sich für heute nichts herüberretten." Sowohl die barocken Bauelemente als auch der wilhelminische Stil interessierte anfangs nicht – die Stadt sollte ein polnisches Gesicht bekommen. Das Museum der Schönen Künste wurde geschleift, und selbst 1966 noch sprengte man die Reste des Königsschlosses, es erinnere an Preußen, hieß es.

Maciej Lagiewski: "Beim Wiederaufbau der Altstadt hatten die Verantwortlichen den festen Vorsatz, die NS-Zeit vergessen zu lassen. So entstand eine historisierende Kulisse, die mit der wirklichen Gestalt des Platzes vor 1945 nicht viel zu tun hat. Die Architekten bemühten sich, auch Krakauer und Lemberger Einflüsse sichtbar zu machen."

Aber nicht nur die NS-Zeit wurde getilgt, alles, was an Deutsche erinnert, hatte zu verschwinden: deutsche Inschriften, Friedhöfe, Hinweise an den Häusern. "Nur die Kanaldeckel hat man nicht ausgetauscht, da steht immer noch 'Stadtwerke Breslau' drauf. Und ich habe mich schon als Kind gefragt, wie das kommt." Lagiewski. Jahrgang 1955, ist Jurist von Beruf und Museumsfachmann aus Leidenschaft.

Als Jura-Professor begann er Ende der 70er Jahre seinen "Privatkampf": Er legte überwucherte Grabsteine frei, fand unter Efeu versteckt den schwarzen Marmor-Grabstein mit der Frakturschrift "Ferdinand Lassalle" (der 1863 in Breslau des Allgemeinen Deutschen Arbeitsverein gegründet hat), widmete sich seit 1982 der Rettung des jüdischen Friedhof an der Lohestraße. Auf diesem Friedhof wurden zwischen 1856 und 1942, mehr als 12 000 Menschen beerdigt. Die steinernen Zeugen dokumentieren deutsch-jüdische und schlesische Geschichte. Hier liegt der erste jüdische Ehrenbürger einer deutschen Großstadt – Ferdinand Julius Cohn (1828-1898) – ganz in der Nähe jener 450 im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten. Hier sind auch Edith Stein begraben und der "schlesische Schwan" Friederike Kempner. Es finden sich deutsche, hebräische und polnische Inschriften nebeneinander.

Lagiewskis Arbeit begann erst richtig mit der Wende Ende der 80er Jahre. Er bewarb sich 1990 als Direktor der Historischen Museen Breslaus und bekam prompt den Zuschlag. Jetzt erst begann die Rückbesinnung auf die wirkliche 1 000-jährige Geschichte der Stadt, die 1341 deutsches Stadtrecht erhielt. "Langhans hat hier gebaut, Max Berg, die Bauhaus-Architekten, auch der Synagogenbau stammt aus der preußischen Zeit", sagt Lagiewski. Die Synagoge "Zum weißen Storch" wurde 1829 fertiggestellt, überstand den Krieg unbeschadet und war noch bis Ende der 60er Jahre ein Ort für Gottesdienste der kleinen jüdischen Gemeinde. Nach dem Gomulka-Progrom 1968 zogen viele Juden weg, das Gebäude stand leer und wurde dem Verfall preisgegeben. Seit 1989 wird das Gebäude wieder als Synagoge genutzt.

Maciej Lagiewksi verweist zum Schluss seiner Ausführungen auf das Breslauer Wappen, allein das sei schon ein Stück Geschichtsunterricht.

Der Löwe links oben ist der böhmische Löwe, Zeugnis des böhmischen Einflusses und der Abhängigkeit von Prag. Der schwarze Vogel im Feld daneben ist der piastische Adler, fürstliches Zeichen der Breslauer Linie der schlesischen Piasten. Der Buchstabe "W" stammte von dem legendären Wrocislaw (Vratislawa), dem Begründer der Stadt. Auch der Kopf Johannes des Täufers auf dem Tablett im mittleren Feld zeugt von den slawischen Anfängen der Stadt. Er ist auf den ältesten städtischen Siegelzeichen zu sehen. Rechts unten die Gestalt von Johannes dem Evangelisten, dem Beschützer der städtischen Ratsherren, das Symbol der deutschen Kolonisation.

Zum ersten Mal wurde das vierhundert Jahre alte Breslauer Wappen von den Nationalsozialisten geändert, weil sie der Buchstabe "W" störte, als Zeugnis des Slawentums der in ihren Augen erzdeutschen Stadt Breslau. Zum zweiten Mal wurde das Wappen von der Stadtverwaltung im Jahre 1948 geändert. Ihr gefielen die Anwesenheitsspuren von Nicht-Polen nicht. Zum dritten Mal wurde das Wappen im Juni 1990 von den Breslauer Ratsherren geändert. Nach einer langjährigen publizistischen Kampagne von Maciej Lagiewski, der die Wiedereinführung des historischen Stadtwappens verlangte, stimmte der neu gewählte Stadtrat der Wiederherstellung des Wappens mit den fünf Feldern zu, das durch Ferdinand I. von Habsburg festgelegt worden war. Der Historiker: "Breslau war piastisch, tschechisch-ungarisch, österreichisch, deutsch. Die Einflüsse kreuzten sich und die aufeinanderfolgenden Eroberer zerstörten zuerst und bauten dann wieder auf. Breslau – das ist einfach 'schlesisch'."

Die Lemberger in Breslau

Die Gesellschaft der Freunde und Liebhaber Lembergs

Sie erkennen sich an bestimmten Wendungen im Polnischen. Sie haben Teile ihrer Kultur mitgebracht, ihre Denkmäler, z.B. die Statue des Theaterdichters Fredro vor dem Rynek in Breslau, ihre Bücher, Gemälde (wie das große Panorama von der gewonnenen Schlacht gegen die Russen vor 200 Jahren, das heute in einem eigenen Rundbau zu sehen ist), Teile ihrer Unibibliothek. Und dennoch sind es fast nur noch die Alten, die sich zu der Lemberger Tradition bekennen. Nur zehn Prozent der Breslauer leben heute noch in dem Bewusstsein, eigentlich Lemberger zu sein.

Erst nach der Wende in Polen hatten sie die Freiheit, endlich die Geschichte ihrer Vertreibung aufzuarbeiten, die mit der polnischen Westverschiebung einsetzte. Im Jahre 2002 konnten sie zum achten Mal in Breslau die "Lemberger Tage" feiern. Bis 1989 hießen sie verschleiernd "Repatrianten", ein Ausdruck, der die Geschichte ihrer Ansiedlung in Breslau im patriotischen Sinn erklärte. Heute wissen sie, dass nach ihrer Ausweisung aus Lemberg (dem heutigen Lwow), Ukrainer aus dem Osten der Ukraine neu angesiedelt wurden. "Ihre" Stadt hat genauso ihr Gesicht verändert wie Breslau für die Deutschen, die hier einmal gelebt haben.

Ihr Interesse richtet sich darauf, zumindest die wenigen Kontakte, die es zu der alten Heimat noch gibt, nicht abreißen zu lassen. Aber schon die Frage, wie den dort liegenden Toten gedacht werden soll, wird von offizieller Seite ignoriert. Präsident Kutschma selbst habe die Breslauer Vorstöße in Sachen Denkmalpflege zurück gewiesen. Heute organisieren sie Hilfstransporte, Stipendien und Unterstützungsaktionen für die in Lemberg verbliebenen Polen – "sie gehören zu den Ärmsten der Armen." Unwillkürlich erinnert sich der Zuhörer an die Deutschen, die ihren Verwandten in Polen jahrelang Pakete zukommen ließen. Mit dem Unterschied, dass dies in Polen erst nach einer Unterbrechung von fast 40 Jahren möglich war.

Von Angola nach Niederschlesien

Die Geschichte der Melitta Sallai, geborene von Wietersheim-Kramsta

Spannend ist gar kein Ausdruck für so ein Leben: 1945, mit 17 Jahren, aus Schlesien vertrieben. Von der Familie als Au-Pair-Mädchen nach Portugal geschickt,
Melitta Sallai Melitta Sallai
um die Welt kennen zu lernen. Dort geblieben, als Hauslehrerin Französisch unterrichtet, portugiesisch gelernt, 1952 mit ihrem ungarischen Mann nach Angola ausgewandert. Eine Familie gegründet, 1975 – nach der Unabhängigkeit Angolas – die Kinder nach Deutschland geschickt, 1981 alles aufgegeben, weil die "Pflanzungen" vom Bürgerkrieg bedroht sind. Arbeit als Dolmetscherin und Übersetzerin in München. 1992 Rückkehr auf das Gut ihrer Eltern, derer von Wietersheim-Kramsta nach Muhrau/Morawa in Niederschlesien. Seit 2001 besitzt sie einen polnischen und einen deutschen Pass.

So etwas erzählt sich leicht. Etwas anderes ist es, die heute 74-Jährige, herrschaftliche Dame erzählen zu hören. "Die Heimat habe ich mitgenommen, in mir, und sie immer dort aufgebaut, wo ich gerade gelebt habe", sagt sie im Gespräch einmal. Sie ging nicht zurück, weil sie unbedingt wieder auf das Gut ihrer Eltern wollte, auch wenn sie es heute genießt, wieder dort zu sein, wo ihre Eltern gelebt haben. "Das hat sich so ergeben, als die Anfrage aus Polen kam. Ich bin verwitwet, war gerade pensioniert – also warum sollte ich es nicht tun?"

Das Gutshaus wurde in kommunistischen Zeiten durch den polnischen Zivilschutz, als Dorfschule und Kinderferienlager der benachbarten LPG genutzt. Nach dem Umbruch 1989 stand das Haus leer – und drohte zu verfallen. Dann geschah das Erstaunliche: Die polnischen Behörden nahmen Kontakt zu den Erben der ehemaligen Gutsbesitzer auf. Und boten ihnen an, das Haus wieder zu übernehmen und daraus eine Stiftung zu machen. 1991 wurde ein Kindergarten in dem Haus eröffnet, 1992 zog Melitta Sallai nach Morawa.

Sie hat alle Skeptiker Lügen gestraft und ist geblieben. Heute funktioniert ihr Haus mit der Akademie Hedwig als deutsch-polnische Begegnungsstätte für Schulklassen und Jugendgruppen. Der Kindergarten nimmt vorwiegend Kinder aus mittellosen Familien auf und betreut sie nach der Montessori-Pädagogik.

"Anfangs haben die Leute im Dorf geglaubt: Jetzt kommen die Deutschen wieder und holen sich alles zurück", sagt sie. "Das hat sich schnell gelegt, als wir den Kindergarten eingerichtet haben. Heute arbeiten viele aus dem Dorf bei uns mit, und die Kinder kommen vorwiegend aus den armen Familien in der Umgebung." Mittlerweile spricht sie "leidlich Polnisch", sagt sie. "Ich kann mich verständigen, und auf den Ämtern hatte es auch gereicht, als ich nach den vielen dreimonatigen Aufenthaltsvisa nun endlich den polnischen Pass beantragen konnte."

Bei dem Wiederaufbau des Hauses hat die deutsch-polnische Stiftung geholfen, die aus dem Jumbo-Fonds entstand (der die polnischen Schulden an Deutschland in Hilfsgelder umwandelte). Doch noch ist das Gutshaus keineswegs perfekt wieder hergerichtet, an allen Ecken und Enden sieht man Renovierungsbedarf. "Aber wir stehen mit anderen Stiftungen in Kontakt", sagt Melitta Sallai, und klopft sich gelassen eine neue Zigarette aus der Packung. "Für mich ist aller Besitz, alles, was Sie hier sehen, geliehener Besitz – niemand kann etwas mitnehmen über den Tod hinaus. Deswegen kommt es darauf an, etwas Nützliches daraus zu machen." Das habe auch ihre Mutter bis zu ihrem Tode immer wiederholt: "Kinder geht zurück und macht was draus"

Die Akademie Hedwig wird geleitet von Jacek Dabrowski und bietet Diplomkurse für Pädagogen, Fortbildungen für Lehrer, Schüleraustausch, Jugendfreizeiten und Platz für Firmenmeetings. Sein Anliegen: Er möchte gerne Gruppen aus dem Ausland Erkundungsprogramme in Polen anbieten. Zu einem Verbund polnischer politischer Bildungsseinrichtungen zählt seine Akademie nicht, solche Organisationen würden in Polen zu schnell von der Bürokratie erstickt. Dabrowski wünscht sich mehr trilaterale Programme: Schlesien, Tschechen, Deutsche. Und er arbeitet daran, Polen nicht nur auf der Erinnerungsschiene zu präsentierten – Auschwitz, Warschauer Ghetto, Kniefall Willy Brandt -, sondern als ein modernes, lebendiges, junges Land. "Die Menschen sollen nicht nur wegen der Toten zu uns kommen, sie sollen sich auch für uns Lebende interessieren."

Die Gedenkstätte für das KZ Groß Rosen (Rogoznica), einer Außenstelle des Lagers Sachsenhausen, liegt keine 20 Kilometer von Muhrau/Morawa entfernt. Das Lager war Ziel der Exkursion einer Gruppe von Offizieren und Unteroffizieren der Bundeswehr. Sie wohnten in der Akademie Hedwig. Und im Freien, auf Holzbänken, trafen die deutschen Soldaten eine Gruppe polnischer Soldaten – alle in voller Uniform. Man sprach über Geschichte und Politik, erkundigte sich nach den wechselseitigen Eindrücken über das eigene Land – und irgendwann waren die Gespräche bei der Familie, beim Wehrsold, bei den persönlichen Zukunftsplänen, bei den privaten Dingen also, angelangt. Melitta Sallai saß dabei, spürte, dass sich da etwas Besonderes anbahnte, und irgendwann brachte es eine ihrer Angestellten, die für den Getränkeachschub sorgte, flüsternd auf den Punkt: "Pani Melitta, ich glaube, wir machen Geschichte."

Pommerellen und Thorn

Agrotourismus und Umschulungsprogramme - Eindrücke aus einer ländlichen Region

Die Kujawisch-Pommersche Wojewodschaft im nördlichen Polen ist landwirtschaftlich geprägt. In der Agrarproduktion liegt sie nach der Wojewodschaft Großpolen auf dem zweiten Platz, 65 Prozent der Fläche sind landwirtschaftlich genutzt. Gleichzeitig verfügt die Wojewodschaft über industrielle Kerne: Möbelindustrie, Chemie (schrumpfend), Elektrotechnik, Papierproduktion. Unter den 16 Wojewodschaften Polens belegt sie beim Export den 7. Platz. Wesentliches Anliegen für die Zukunft ist der Agrotourismus: Man möchte die Naturschutzgebiete erweitern und die Landwirtschaft gleichzeitig sanft und effektiv weiter entwickeln.

Dr. Wieslaw Czarnecki vom Marschallamt der Kujawisch-Pommerschen Wojewodschaft verspricht sich viel vom EU-Beitritt Polens (das Marschallamt entspricht ungefähr dem Amt eines Regionalparlamentspräsidenten – er hat in Polen jedoch mehr Einfluss als in Deutschland). Zwar gesteht Wieslaw Czarnecki ein, dass die Arbeitsplätze in der Kunstfaserherstellung von 15 000 auf nur noch 3 000 zurückgegangen sind, dass einige fleischverarbeitende Betriebe mit jeweils mehr als 500 Arbeitsplätzen eingegangen sind (die offizielle Arbeitslosenrate liegt bei 16 bis 17 Prozent). Aber die Qualifizierungs- und Umschulungsprogramme (z.B. vom Chemiker zum Informatiker) laufen. Für Mittelschulabsolventen gelten Beschäftigungsprogramme. Thorn soll eine moderne Kanalisation bekommen und eine Umgehungsstraße, aus dem Phare-Programm der EU wird für Bydgoszcz ein Technologiepark entstehen.

Wunschdenken, Zukunftsmusik? "Wir brauchen vor allem eine Bildungsoffensive, denn der Umschwung beginnt in den Köpfen", sagt Wieslaw Czarnecki. Dafür gebe es Mittel aus Warschau. "Und Thorn ist eine junge Stadt, mit einer Universität, an der 30 000 junge Leute studieren, mit einer Militär- und einer Finanzhochschule."

Was diese Region auszeichnet – so Wieslaw Czarnecki – war die systematische Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft. "Wir haben im Unterschied zu anderen Regionen besonders jenseits der Weichsel ganz konkrete Strategien und Pläne entwickelt." Seine Wojewodschaft ist in Düsseldorf mit einer Außenhandelsstelle vertreten. "Von dort können wir eine Menge Erfahrungen abschöpfen." Er setzt auf "wachsende Stabilität und Entwicklung" in seiner Region. Sorgen? – Im Gegenteil – "Wir sehen Chancen für unsere Landwirtschaft, die EU wird uns nach vorne bringen."

Torun/ Thorn

und Halszka Jankowskas

Thorn ist Weltkulturerbe (seit 1997), besteht zu 90 Prozent aus Ziegeln, einem schiefen Haus, der Nikolaus-Kopernikus-Statue (Inschrift: Terrae motor solis coelique stator), dem feinen Artus-Hof und dem uralten Rathaus.


Aber der Reihe nach – und ohne den Reiseführer zu kopieren: Thorn hat ca. 200 000 Einwohner (doppelt so viele wie vor dem Zweiten Weltkrieg), davon sind ein Sechstel Studenten. Die Stadt zerfällt in einen altstädtischen Teil (Ursprünge im Mittelalter) und die Neustadt, die im 15./16. Jahrhundert gebaut wurde. Als Teil des Deutsch-Ordens-Staates entwickelte sie sich zu einem Handelszentrum, die Weichsel bildete damals einen der bedeutendsten Wasserwege Europas. Unter polnischer Herrschaft entwickelte sich Thorn seit dem 16. Jahrhundert zu einem Zentrum der Wissenschaft und Kunst, der Handel zog um nach Danzig. Als Kaufmannssohn wurde der revolutionäre Astronom Nikolaus Kopernikus 1473 in Thorn geboren.

Das Geburtshaus sei allerdings leider nur sehr karg ausgestattet, meint Halszka Jankowska, die Stadtführerin. Der Dreißigjährige Krieg, die Kämpfe mit den Schweden brachten Thorn an den Rand des Zusammenbruchs. Thorn verfiel und geriet 1793 nach der zweiten Teilung Polens unter preußische Herrschaft. In dieser Zeit hatte die Stadt die Rolle einer Festung, eines Bollwerks an der Grenze zwischen Preußen und Russland zu spielen – eine Entwicklung, die Thorn nicht gerade gut getan hat. 1920 kehrte Torun nach Polen zurück und wurde Wojewodschaftssitz. 1939 vertrieben die Nazis die Polen wieder und bauten – gegen Ende des Krieges – die Stadt wieder zur Festung aus. Glücklicherweise hat sie auch das überlebt.

Thorn oder Torun heute macht den Eindruck einer ruhigen Universitätsstadt. Halszka Jankowska zeigte vorbildlich renovierte gotische Kaufmannshäuser, pries die Promenade an der Weichsel, zählte die Kirchen (13 gibt es, 14 werden neu gebaut), wies ihr Publikum zurecht, wenn nicht richtig zugehört wurde, und entließ alle mit dem Gefühl, dass die Stadt einen erneuten Besuch lohnt. Übrigens: Sie ist keine pensionierte Lehrerin, sondern arbeitete als Chefsekretärin in einem Chemiebetrieb – Deutsch hat sie sich selbst beigebracht.

Wilna in Thorn: Eindrücke von der Universität

Rafael Michalski, Germanist und Philosoph

Die Universität hat die Tradition und das geistige Erbe der Stefan-Batory-Universität von Wilna übernommen. Sie wurde als Nikolaus-Koernikus-Universität 1945 gegründet von Professoren, die aus Litauen vertrieben wurden. Sie brachten die Nationalbibliothek Wilna mit, besorgten sich aus beschlagnahmten deutschen Beständen, was sie für ihre Unibibliothek brauchten. Es begann mit einer Astronomischen Fakultät, Naturwissenschaften und bildender Kunst. Nach Thorn ging man früher, um Naturwissenschaften und Astronomie zu studieren, heute werden auch Sprachen, Jura und Betriebswirtschaft angeboten.

Thorn besitzt eine oppositionelle Tradition. Das hat mit der antistalinistischen Einstellung der ersten Professorengeneration zu tun. Und es ist auch ein Zeichen der starken christlichen Tradition. Thorn besitzt ein Priesterseminar, das von dem Redemptoristenorden geleitet wird. Die seien so weit in Ordnung, nur der Ableger des Seminars – Radio Marya (mit Sitz in Thorn) – sei heute ein antisemitischer, antieuropäischer Propagandasender. "Die müsste man verbieten"!, sagt Michalski. "Sie schwimmen auf einer Welle des übelsten Populismus, der alle Vorurteile gegen das Neue aufgreift." Eine Gegenbewegung dazu gibt es an der Uni erkennbar nicht – "die Studenten sind so unpolitisch wie bei Euch in Deutschland."

Das war nicht immer so. 1970 bereits bildete sich an der Uni eine Solidarnosc-Organisation, 1981 gründete sich ein unabhängiger Studentenverband. Die Studenten forderten eine radikale Reform der PVAP, sie wollten die KP umkrempeln. Bis in die 90er Jahre existierte in Thorn ein Club der polnischen Intelligenz. Und heute? Die Uni machte ihre stärkste Expansion in den letzten acht Jahren durch. In Thorn entwickelte sich mehr und mehr ein akademisches gesellschaftliches Leben. Man sorgt sich um Arbeitsplätze, sucht einträgliche Ferienjobs (besser im Ausland als in Polen) und bastelt an der Karriere.

Historischer Höhepunkt – die Marienburg

Deutscher Orden, der Komtur, Kreuzritter, Hochmeister und endlose Gänge: Wer möchte kann das alles in einem Reiseführer nachklingen lassen.
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Von der anstrengenden Besichtigungstour bleibt besonders in Erinnerung ihr bukolisches Ende: das opulente Mittagessen. Erwähnt sei an dieser Stelle – für einen Wiederbesuch – der Name des rustikalen Biergartens, ganz in der Nähe der Burg am Ufer der Nogat, der von zwei jungen Wirten engagiert geleitet wird.

Danzig – Stadt der Wunder, Stadt der Mythen

Wojtech Duda, der Mythenzertrümmerer

"Gäbe es noch Gespenster in Europa, sie würden sich auf der Westerplatte bei Danzig versammeln.
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Eine Geisterarmee aus vielen Jahrhunderten könnte hier unter dem Ostseemond auf dem Exerzierplatz antreten: Preußen und Kaschuben, Ordensritter und schwedische Kaufleute, Holländer und Jugend, Deutsche und Polen. Zum Abmarsch beim Morgengrauen rührt wahrscheinlich ein kleiner Kerl aus einem großen Roman seine Blechtrommel." (Claus Christian Malzahn, Der Spiegel, 33/2001)

Wojtech Duda, Solidarnosc-Veteran, Kulturhistoriker, Journalist, hat sich vorgenommen, einige dieser Danziger Mythen zu "dekonstruieren", wie er sagt. "Alles wichtige, was im 20. Jahrhundert passierte, ist in Danzig passiert." Wirklich? Immerhin, wer 1910 hier geboren wurde, war nacheinander Bürger des Kaiserreichs, der Novemberrepublik, der Freien Stadt Danzig, des Nazireiches, des kommunistischen Polens und heute des souveränen, freien Polens. Was ist geblieben?

"Wir fühlen uns als Danziger". Deuten lässt es sich nicht – die Danziger waren mal Lutheraner, aber die Kaschuben drum herum sind römisch-katholisch. Im 15./16. Jahrhundert war Danzig Polens Tor zur Welt, ein "deutsches Juwel in der polnischen Krone". Dann preußische Provinz. Später Freie Stadt, eine Republik in der Republik. Gegen die Preußen verteidigten die Danziger ihre angeborene Toleranz, ihr Bürgerrecht, ihren Stolz. Und dann?

"Mourir pour Danzig?", fragten die Westeuropäer – und überließen den Polen allein 1939 den Kampf um die Westerplatte und die Verteidigung der polnischen Post. Die Nazis konnten die Stadt nicht im Sturm nehmen, wie sie es wohl erhofft hatten. Wieder ein Mythos. Der Kampf um die Westerplatte, die polnische Post – Denkmäler des polnischen Eigensinns, des Dennoch – auch wenn es aussichtslos war.

So schien es zunächst auch mit der Gründung der Solidarnosc. Die KP Polens stellte die streikenden Werftarbeiter als "Agenten des Imperialismus" hin, mit einer verheerenden Wirkung im Land. Doch die Danziger behaupteten sich auch gegen die herrschenden Kommunisten und blieben dabei, in einer "Freien Stadt Danzig" zu leben. Auch das hat den Erfolg der Solidarnosc beflügelt. Und dann? Wojtech Duda verliert sich. "Einerseits: Die frühen Solidarnosc-Anhänger wollten gegen Privateigentum und für den Sozialismus kämpfen. Andererseits paktierte Walesa mit den Liberalen, mit den Klerikalen...". Als Zuhörer folgt man gespannt der Übersetzung aus dem polnischen - und verliert prompt die Übersicht: "Die Solidarnosc war in sich gespalten. Warum? Da gibt es zwei Gründe..", aha, denkt der geneigte Zuhörer, jetzt kommt es klar und deutlich – und dann ist von "Waagschalen" und "Plädoyers", "einerseits und andererseits", "Ost-West-Konflikt" und dem "Auge des Zyklops", "Demokratie", "Liberalismus", "der Kirche" die Rede... Nachfragen hilft nicht, dadurch wird die Sache nicht klarer.

Auch der Mythos des Wiederaufbaus von Danzig nach dem Kriege zwischen 1948 und 1955 wurde – wie es sich für Mythen gehört – im Laufe des Gesprächs nie ganz aufgeklärt. Es gab Pläne, Danzig nach den Vorstellungen der Avantgardisten im Stile Le Corbusiers völlig neu entstehen zu lassen, mit einem Hochhaus an der Stelle der Marienkirche. Was passierte? Man kramte die alten deutschen Pläne heraus und schuf eine Kulissenstadt. "Wir bauten eine Stadt, die genau so aussah wie früher, obwohl die Menschen, die darin gelebt hatten, unsere Feinde geworden waren." Warum setzten sich die Neuerer mit ihren Plänen nicht durch? Fakt ist, dass die Danziger ihre Stadt wieder annahmen, so wie sie sie als "deutsche Stadt" gekannt hatten. Sie wurde "ihre" Stadt, und kein Stein erinnerte mehr an die deutsche Vergangenheit? In der Tat steht heute in Danzig in der Nähe des Bahnhofs ein Denkmal für die zerstörten deutschen Friedhöfe, die in den 60er und 70er Jahren von den Polen plattgemacht wurden. Die Platten und Grabsteine waren willkommen als Baumaterial.

Danzig heute – ist das immer noch ein Seismograph des Jahrhunderts? Nein, antwortet Duda. "Jeder, ob Deutscher oder Pole, orientiert sich an seinem Danzig, es fehlt ein gemeinsames Symbol." - Und "Gespenster" taugen nun mal nicht als gemeinsame Erinnerung.

Die Kaschuben

Prof. Dr. B. Synak: Gesellschaft und Wirtschaft in der Region der Kaschubei und Prof. Dr. Joszef Borzykowsky, Professor für Regional- und Geistesgeschichte und Vorsitzender des Kaschubischen Instituts Danzig

"Erinnern heißt auswählen", hat der größte lebende Kaschube, Günter Grass, einmal gesagt. Und ein kaschubisches Sprichwort lautet. "Nur wenn ich andere wertschätze, kann ich mich freuen, dass ich anders bin."

Anders ist vieles in dieser Wojewodschaft Pomerellen, die aus Teilen von vier alten Wojewodschaften zusammengelegt wurde, die zu Danzig, Elbing, Slupsk (Stolp) und Bydgoszcz (Bromberg) gehört haben. Prof. Synak beschreibt die neue Wojewodschaft als in sich gespalten, die Arbeitslosigkeit liege (offiziell) zwischen sieben (im Südwesten) und 30 Prozent (im Osten), weite Teile seinen landwirtschaftlich geprägt. Prof. Synak: "Dort, im Osten, sind die Leute sehr ratlos. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe: Da liegen die ehemaligen staatlichen LPG – die Menschen wandern von dort ab. Und da leben Immigranten, die nach 1945 angesiedelt wurde." Seine These: Wo Traditionen bestehen blieben, wie in der Kaschubei, funktioniert es auf dem Lande besser.

Wo aber liegt die Kaschubei? Die Grenze im Osten bildet die Weichsel. Je weiter nach Westen das Gebiet reicht, desto eher wurden die dort lebenden Kaschuben germanisiert, d.h. sie wurden im Dritten Reich zur Wehrmacht eingezogen. Das bedeutete, dass sie unter KP-Herrschaft in Polen als Deutsche behandelt, unter Druck gesetzt und zum Verlassen Polens gezwungen wurden.

Unter kommunistischer Herrschaft standen die Kaschuben – wie alle Minderheiten in Polen - unter Assimilierungsdruck – man wollte ein Polen und keinen "Flickenteppich". Erst Ende der 80er Jahre begann die Wiederbelebung der alten Traditionen, die Kaschuben übernahmen eine politische Rolle bei der gesellschaftlichen Transformation, sie zogen ins Parlament, in den Sejm ein (mit 5 Abgeordneten, die allerdings verschiedenen Parteien angehören) und stellten Bürgermeister und Gemeinderäte.

Heute ist kaschubisch als eigene slawisch-baltische Sprache anerkannt. Es gibt eine einheitliche Schreibweise, Lesebücher, Gesangbücher, eine Bibel sind auf Kaschubisch erschienen. Prof. Borzykowsky ergänzt, dass der österreichische Slawist Ferdinand Neureiter eine "Geschichte der kaschubischen Literatur" geschrieben hat. Wer ist Kaschube? Prof. Borzykowsky nennt die Zahl 500 000 Menschen, die von sich sagen "Ich bin Kaschube." 300 000 darunter sprechen die Sprache noch, ein Gymnasium unterrichtet drei Stunden Kaschubisch die Woche, manche Gemeinde haben zweisprachige Schilder, an 60 Grundschulen wird auch kaschubisch unterrichtet.

Prof. Synak erwähnt, dass "Kaschube" in Polen immer noch so etwas wie ein Schimpfwort ist, die Eltern lassen ihre Kinder lieber Deutsch und Englisch lernen, in der Familie, zu Hause wird kaschubisch gesprochen, kaum in der Öffentlichkeit.

Auf dem Weg nach Europa fühlen sich die Kaschuben gerade als Minderheit bestärkt. Synak: "Angesichts der Globalisierung kann Europa nur dann erfolgreich sein, wenn die kulturellen Identitäten nicht eingeschmolzen werden." In einer größer werdenden Welt suche der Mensch regionale Wurzeln, und die könne er in einer Minderheitenkultur gerade finden. So gehören auch die Kaschube wie selbstverständlich zu den NGO (Nichtregierungsorganisationen), die in Brüssel mit über den EU-Beitritt und seine Modalitäten verhandeln.

Prof. Borzykowsky sieht das ähnlich: "Die Minderheiten gewinnen durch die EU, weil sie – ähnlich wie die Elsässer oder die Südtiroler – Grenzgänger waren und sind. Sie sind von vornherein eher bereit, eine multikulturelle Gemeinschaft zu akzeptieren." Polen fehle noch ein Minderheitengesetz – so Prof. Synak. Aber bereits die Verfassung von 1997 garantiere gewisse Grundrechte. Auch die Kaschuben erlebten den Strukturwandel, erwähnt Prof. Borzykowsky abschließend, kaum einer mehr sei – wie früher – Bauer oder Fischer. Und zitiert wieder ein kaschubisches Sprichwort: "Für Ängstliche gibt es kein Erbarmen."

Solidarnosc- Was ist geblieben?

Bogdan Borusewicz, Solidarnosc-Veteran

"Vom Streikkomitee (vom August 1980) einzig allen bekannt ist dessen Vorsitzender, der ehemalige Elektriker Lech Walesa, damals 37 Jahre alt, der später - bis Anfang 1990 - Vorsitzender der Solidarnosc war. 1990 wurde er zum polnischen Präsidenten gewählt, 1995 fehlten ihm 124 000 Stimmen zur Wiederwahl. Lech Badkowski, Publizist, ist verstorben. Kurz vor seinem Tode schrieb er für Lech Walesa dessen Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises. Von vielen anderen wissen die Menschen nicht einmal mehr die Namen, von deren Schicksal ganz zu schweigen. Wenige nur noch stehen ab und zu im Rampenlicht. Alina Píenkowska, die vielleicht streikentscheidende Person, war von 1991 bis 1993 Senatorin. Sie merkte sehr schnell, die große Politik sei nichts für sie, und kehrte in ihren alten Beruf als Krankenschwester zurück. Bis 1996 lebte sie mit zwei Kindern und ihrem Mann, Bogdan Borusewicz, auf 38 Quadratmetern Wohnfläche. Bogdan Borusewicz, der eigentliche Initiator des Auguststreiks, gehörte von 1984 bis 1986 der Untergrundleitung der Solidarnosc an. Er ist seit 1991 Abgeordneter des polnischen Sejm, zuerst für die Solidarnosc, dann für die Demokratische Union-Freiheitsunion. Von 1997 bis zum Juli 2000 war er stellvertretender Innen- und Administrationsminister." (Hartmut Kühn: "Polen und die Wende", Berliner Zeitung vom 2.9.2000)

Heute ist er leitendes Mitglied des Wojewodschaftsamtes Pomerellen und zuständig für Infrastruktur und Firmenbeihilfen. Borusewicz ist keiner, der Karriere gemacht hat. Er ist Praktiker geblieben, und heute befindet er sich im Clinch mit der Zentralmacht Warschaus. "Die Solidarnosc hat die Verwaltungsreform nicht geschafft, wir stehen in unserem Streben nach Selbstverwaltungsstrukturen immer noch fast am Anfang."

Der Wojwode wird vom Ministerpräsidenten bestimmt, das Volk wählt zwar den Sejmnik, das Selbstverwaltungsgremium, aber dieses hat nur ein Fünftel der Mitarbeiter, die dem Wojewodschaftsamt zur Verfügung stehen. Die Mittel für die Wojewodschaft werden aus Warschau zugewiesen, nur ein Bruchteil der lokalen Steuermittel fließt in die Selbstverwaltungskasse.

Bogdan Borusewicz kämpft also weiter, in seinem Polen, das er mit zu schaffen geholfen hat. Was von der Solidarnosc geblieben sei? "Ein unabhängiges und demokratisches Polen – das ist das wichtigste", lautet seine Antwort. "Ich bin froh, dass wir den Kommunismus gestürzt haben, aber das Paradies auf Erden haben wir deswegen nicht erreicht."

Kraft und Zeit – das hat ihn der jahrelange Kampf mit dem Betonkopf Jaruzelski gekostet, vom August 1980, dem Beginn der Streiks auf der Lenin-Werft bis zur Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981, und dann die dunklen sieben Jahre bis August 1988, als die neue Streikwelle den Anfang vom Ende des KP-Regimes einläutete. "Die Gesellschaft war müde, die Wirtschaft lag am Boden, das Interesse an Politik fast erloschen in dieser Zeit...". "Die Russen hatten Afghanistan am Hals. Es war abgesprochen, dass es beim Kriegsrecht bleiben sollte, die Proklamation wurde in Wilna gedruckt." Dennoch standen die Warschauer Pakt Armeen Gewehr bei Fuß, und es war vor allem Honecker, der eine Intervention nicht ausschloss.

Aus der Solidarnosc gingen zwei Parteien hervor: die UP (Arbeitsunion) und die AWS (Wahlaktion Solidarität). Die UL ging aus dem linken Solidarnosc-Flügels hervor, versteht sich als sozialdemokratische Partei. Die AWS ist ein Wahlbündnis von 40 programmatisch heterogenen Parteien, Vereinigungen und Gewerkschaften, sie spalteten sich später in zwei konkurrierende Gruppen auf, die AWSP (Wahlaktion Solidarnosc der Rechten) und die ROP, aus der die LPR (Liga der polnischen Familien) entstand. Für Bogdan Borusewiscz hat die Solidarnosc bei der Parteibildung "alle Fehler begangen, die man sich denken kann": "Wir haben nicht auf die Wähler gehört, wir haben keine Meinungsumfragen beachtet." Heute beklagt er, dass die Unterstützung für die Populisten ständig wächst – das sei eine Folge der ständig wechselnden Regierungskoalitionen. "Die Wähler fühlen sich betrogen, sie sind die Versprechungen leid."

Politische Bildung in Polen? "So etwas wie Sie es gewöhnt sind, gibt es bei uns nicht", antwortet Borusewiscz. Die politische Bildung erfolgt auf der Straße, so wie es zumindest vor zehn Jahren gewesen ist."

Kolberg und Westpommern

Interview mit Arnold Wardak, Chefredakteur der "Pommerschen Zeitung"/"Neue Kolberger Zeitung" (Beilage)

Wie gründet man in Polen ein Zeitschrift?

Seit 1989 ist das sehr einfach. Man gründet eine Firma, lässt sie bei Gericht registrieren, bekommt eine ISSN-Nummer und besorgt sich Geld. Ich war früher Chefredakteur der polnischen "Kolberger Zeitung", da lag die Neugründung auf der Hand.

Wie groß ist das Verbreitungsgebiet? Wie hoch ist die Auflage?

Wir versuchen, von Stettin bis Danzig ganz Pommern abzudecken. Im Sommer legen wir 8000 Exemplare auf, im Winter 4000 bis 5000.

Wer sind Ihre Sponsoren?

Firmen, Institutionen, Geschäftsleute aus Kolberg selbst. Und Anzeigenkunden, das sind alle, die an deutschen Lesern interessiert sind, z.B. Hotels, Pensionen und Touristikunternehmen.

Wer schreibt die deutschen Artikel?

Wir lassen Artikel aus anderen Zeitungen übersetzen. Andere Journalisten arbeiten uns zu, wir tauschen Material aus.

Gibt es noch eine deutsche Minderheit in Kolberg?

Die gibt es kaum noch. Wir wollen die Leser erreichen, die sich als Gast oder als Tourist in Pommern aufhalten. Unsere Idee ist der Brückenbau über die Grenzen der Vorurteile hinweg.

Wie haben die Polen auf eine deutsche Zeitung in Kolberg reagiert?

Zunächst mit einem Schock, aber es gab keinen Protest, nur dem früheren Herausgeber der "Kolberger Zeitung" passte es nicht, dass wir uns "Neue Kolberger Zeitung" nennen. Jetzt heißen wir nur noch "Pommersche Zeitung".

Wer sind Ihre Leser?

Meist nur die Älteren, bei Jungen finden wir kaum Interesse.

Wie viele Arbeitsplätze bietet Ihre Zeitung?

Wir haben sieben Festangestellte und dazu freie Mitarbeiter, die ihre Texte anliefern.

Warum sind Sie zweisprachig?

Das erweitert den Kreis der Leser.

Warum ist für Sie heute noch Versöhnung so wichtig?

Die Versöhnung der Veteranen, 55 Jahre nach den Kämpfen um Kolberg – das hat doch eine große Bedeutung in der Region. Ich verstehe mich als Brückenbauer, als Vorreiter für die europäische Integration.

Haben Sie Kontakte zu den Vertriebenenverbänden?

Nein, wir verkaufen unsere Zeitschrift auch über sie, aber wir sind unabhängig, es gibt keine regelmäßige Zusammenarbeit.

"Wir haben zum Ziel, dass alle deutschen Bürger ihr nach dem 2. Weltkrieg verlorenes Eigentum zurückbekommen" – sagte Dieter Brehmer auf der Pressekonferenz. - Wie kommt es, dass solche Aussagen in Ihrer Zeitung (Erscheinungstermin "Frühling/Sommer 2001) unkommentiert stehen bleiben? Und wieso drucken Sie eine alte Karte nach, auf der es noch eine "Adolf-Hitler-Straße" gibt?

Die Karte ist Teil einer Dokumentation von Stadtplänen in einem langen historischen Zeitraum – da gehören die alten Namen einfach dazu. Und das Zitat ... wir können nicht alles kommentieren, dafür haben wir den Platz in unserer Zeitung nicht.

Das klingt doch wie Revanchismus...

Warum soll man nicht publik machen, was andere sagen? Das ist doch nur eine sachliche Information über die Vertreter der deutschen Minderheit in Polen, mehr nicht.

Und wieso erscheinen die Aussagen nur in deutsch und nicht in polnisch?

Ich vermute, das hat auch schon auf polnisch irgendwo gestanden.

Haben Sie noch keinen Ärger mit so etwas gehabt?

Solche Meldungen tauchen dauernd in der Presse auf, das ist nichts ungewöhnliches. Wir haben noch keinen Ärger deswegen gehabt.

Sie betreiben rückwärts gewandt Versöhnung und Brückenbau, reden der deutschen Minderheit nach dem Mund – was haben Sie für Absichten?

Die Zeitung ist vielfältiger als Sie aus dem ersehen können, was Sie vor sich haben.....

Pomerania: Üben für die EU-Erweiterung

Südschweden, Nordostdeutschland und Nordwestpolen haben sich 1995 zu einer Euroregio zusammengeschlossen. Die Ostsee-Anrainer repräsentieren eines von vier Regionalprojekten an der polnisch-deutschen Grenze. Die anderen Euroregionen entstanden an Spree-Neiße-Bober (Cottbus), im Dreiländereck Tschechien-Polen-Deutschland und in Frankfurt/Oder mit der deutsch-polnischen Universität Viadrina im Zentrum.

Einmal saßen sie auf 30 000 Freikarten für den Ueckermünder Tierpark. "Da sind wir echt ins Schwitzen gekommen, bis wir die verteilt hatten", sagt Artur Zöllner. Aber auch das Problem konnten sie lösen - sämtliche Mitarbeiter, Freunde, Verwandten und Bekannte wurden eingespannt und mussten die Karten verteilen.

Der Mann mit dem unpassenden Namen Zöllner ist von Beruf Grenzöffner. Sein Arbeitsfeld: Die Euroregion Pomerania. Artur Zöllner ist Pole und vertritt das Präsidium am Sitz der Euroregion in Sczcecin.

Zöllner packt an. Zum Beispiel bei der Sache mit dem Tierpark. "Er stand kurz vor der Schließung – Besuchermangel. Wir organisierten eine kombinierte Schiff-Bus-Verbindung von Stettin aus, so dass polnische Familien und Kindergruppen leichter dorthin gelangen können. Und so wurde der Ueckermünder zum 'Stettiner Tierpark' mit heute 12 000 Besuchern jährlich. Aus Dankbarkeit regnete es Freikarten."

Die Euroregio sei keine Organisation mit einer festen Struktur, erläutert Zöllner, sondern beruhe auf einem "gentlemen agreement": "Wir verstehen uns als Lobbyisten der Grenzregion, und wir üben schon mal die EU-Erweiterung. Immerhin fällt heute keine wichtige Entscheidung in der Grenzregion mehr, ohne dass wir gehört werden." Tourismus sei nicht das Problem, da werde man sich schnell einig. "Schwierig wird es, wenn es um die Finanzen geht. Da spricht jeder doch wieder seine eigene Sprache."

Ein Beispiel: Die Suche nach dem Standort für eine Müllverbrennungsanlage. "Wir können nicht entscheiden, wo sie angesiedelt wird. Aber wir bieten allen Beteiligten – Bürgermeistern, Landkreisabgeordneten, Naturschützern – eine Plattform. Unter dem Dach der Euroregio können sie sich zusammensetzen und so lange diskutieren, bis sie einen Konsens gefunden haben."

Artur Zöllners Alltag besteht aus der Vermittlung von Kontakten: Ein deutscher Imkerverein sucht einen Partner auf der polnischen Seite, eine polnische Schule möchte Kontakt zu einer deutschen Partnerschule aufnehmen, die Schweden beschweren sich über den Dreck, der von der Oder über die Ostsee an ihre Küste angespült wird, der deutsch-polnische Kinderlandhof Arche bei Groß Pinnow braucht mehr Übernachtungsplätze, die Universitäten in Greifswald, Lund und Stettin möchten stärker zusammenarbeiten.

Stolz ist die Euroregion auf das deutsch-polnische Gymnasium in Löckwitz, das in Kooperation mit der Partnergemeinde Police entstand. Seit 1995 nimmt die Schule jährlich 25 polnische Schüler auf. Sie werden mit den deutschen Schülern gemeinsam in gemischten Klassen unterrichtet. Grundbedingung war, dass die polnischen Schüler ihr Abitur nach den Richtlinien ihres Heimatlandes ablegen können. Das bedeutet für sie: Unterricht und Prüfung in polnischer Geschichte, Sozialkunde sowie Sprache und Literatur – wöchentlich 15 Unterrichtsstunden mehr.

1999 legte die erste deutsch-polnische Klasse ihr Abitur ab. Heute kommen von den 505 Schülern 90 aus Polen. Sie werden morgens an der Grenze abgeholt und nach dem Unterricht zurückgefahren. Für Zöllner ist es ein Zeichen für die gute Verständigung, dass die Hälfte der deutschen Schüler Polnisch als zweite Fremdsprache wählt. "Wir unterstützen das Gymnasium mit Inventar und Lehrmaterial, fördern Umbaumaßnahmen und Schulfahrten."

Aber ob die Abiturienten auch Jobs finden werden? Sicherlich werde der wachsende Absatzmarkt Polen Menschen brauchen, die mit Sprache, Mentalität und Kultur beider Länder vertraut sind, sagen die Experten. Doch immer noch ist die Arbeitslosigkeit in den ländlichen Regionen beiderseits der Grenze hoch.

Optimist Zöllner baut auf die Sogkraft der Metropole Stettin mit ihren 450 000 Einwohnern. "50 Jahre konnte sich diese Stadt nicht normal entwickeln, weil die Grenze ihr Hinterland zerschnitt. Heute zieht die Wirtschaftsregion aus allen Richtungen Investoren an."

Kann aus zwei Regionen, die am Rand liegen, eine Region werden, in der die Wirtschaft boomt? "Zweimal minus gibt Plus", antwortet Zöllner prompt. "Es wird weiter Regionen entlang der Grenze geben, die rückständig sind und Fördermittel brauchen, nehmen Sie nur Mecklenburg-Vorpommern. Aber man kann doch nicht zehn oder 20 Kilometer auseinander wohnen und nichts voneinander wissen!"

Weitere Informationen

Die Euroregion Pomerania umfasst sechs Landkreise und zwei kreisfreie Städte der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. In Polen gehören zu ihr 77 Gemeinden und Städte der polnischen Wojewodschaft Westpommern sowie die Stadt Szczecin. Aus Schweden kam 1998 ein Kommunalverbund von 33 Gemeinden der südschwedischen Provinz Skåne hinzu. Das Gebiet "Pomerania" misst 38 000 Quadratkilometer und hat über 3,3 Millionen Einwohner.
Weitere Informationen im Internet unter:
www.pomerania.net
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Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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