Veranstaltungen: Dokumentation

Gedenken an den Holocaust: Die Zukunft der Erinnerung

Interview mit Dr. Martin Doerry


4.2.2005
Martin Doerry dokumentiert in seinem Buch "Lilly Jahn. Mein verwundetes Herz" den Briefwechsel mit seiner Großmutter nach deren Deportation nach Ausschwitz. Im Interview spricht er über Schweigen und Nachfragen, deutsche Erinnerungskultur und den falschen Umgang mit den "Rechten".

Ein Interview mit Dr. Martin Doerry, stellvertretender Spiegel-Chefredakteur, über Schweigen und Nachfragen, deutsche Erinnerungskultur und den falschen Umgang mit den "Rechten".

Lilli Jahn, eine jüdische Ärztin, wurde 1943/44 von den Nazis deportiert und in Auschwitz umgebracht. Hunderte ihrer Briefe sind jedoch erhalten geblieben. Ihr Enkel, Martin Doerry, hat sie 2002 editiert und veröffentlicht. Auf dem Forum Lokaljournalismus im Januar 2005 las er aus dem Buch "Mein verwundetes Herz". Im anschließenden Interview mit der bpb plädiert er für eine echte Aufklärung über das Dritte Reich und den Holocaust. Spielfilme und TV-Serien sind für ihn nur Medienspektakel.

bpb: Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal vom Holocaust oder dem Schicksal ihrer Großmutter erfahren haben?

Doerry: Meine Mutter hat eigentlich nicht über das Schicksal meiner Großmutter gesprochen. Aber als ich ein kleiner Junge von etwa acht oder neun Jahren war, habe ich mal gefragt, warum ich nur eine Oma habe. Da erklärte mir meine Mutter, dass meine Oma in Auschwitz von den Nazis umgebracht wurde. Sie sagte mir auch, dass mein Großvater sich von meiner Großmutter getrennt und sie so als Jüdin den Nazis schutzlos ausgeliefert habe. Aber als Achtjähriger kann man mit so einer Information nicht viel anfangen. Im Geschichtsunterricht oder aus der Zeitung habe ich dann Schritt für Schritt mehr über das Dritte Reich und den Holocaust erfahren.

bpb: Aber bei ihrer Mutter haben Sie nicht weiter nachgefragt? Fühlten Sie, dass Sie eine unsichtbare Grenze überschreiten?

Doerry: Ich habe gar nicht nachgefragt. Es war wie ein Tabu: Meine Mutter sprach nicht über diese Zeit, und ich fragte nicht nach. Ich fürchtete wohl, etwas zu erfahren, was ich besser nicht erfahren sollte. Tatsächlich habe ich erst sehr spät meine eigene Familiengeschichte kennengelernt. In den 80er-Jahren hat meine Mutter mir ein Buch gegeben, dass eine Freundin meiner Großmutter über ihr eigenes Leben als Jüdin im Dritten Reich geschrieben hatte. Dieses Buch, "Ich wurde vergessen" von Lotte Paepcke, enthält auch eine Passage über die Geschichte meiner Großmutter. Ich war wie vom Schlag getroffen. Bis ich 30 Jahre alt war, hatte ich kaum etwas über ihr Schicksal erfahren.

bpb: Aber dann haben Sie nachgefragt?

Doerry: Nein, wieder nicht. Ich dachte: So nun weißt du es! In der Familie haben wir uns auch nie darüber ausgetauscht. Der Bann ist eigentlich erst 1998 gebrochen, als Hunderte von Briefen im Nachlass meines Onkels Gerhard Jahn gefunden wurden, die er und seine Schwestern 1943/44 an die damals schon in einem Arbeitserziehungslager inhaftierte Mutter geschrieben hatten. Danach haben meine Mutter und ich das erste Mal über das Schicksal meiner Großmutter gesprochen. Auch meine Mutter und ihre Geschwister begannen erst zu dieser Zeit, über ihre Erinnerungen zu reden. Sie hatten das Thema all die Jahre zu vergessen versucht.

bpb: Es scheint so, als seien es vor allem die Enkel, die fragen, was die Großeltern im Dritten Reich erlebt haben. Ist das aus Ihrer Sicht ganz natürlich, weil die Enkel, frei von eigener Schuld, eben unbelastet nachfragen können? Oder hat sich überhaupt unser Umgang mit Geschichte verändert?

Doerry: Beides stimmt – und läßt sich ganz schwer trennen. Dass die Generation der Kinder von Holocaust-Opfern lange nicht über ihre Erinnerungen gesprochen hat, liegt sicherlich an der Traumatisierung durch den Verlust. Seit ungefähr 15 Jahren gibt es aber außerdem eine neue Kultur der Erinnerung. Wir erleben eine ungeheuer starke Gedenkkultur, die sich um die Vergangenheit in einem Ausmaß bemüht, wie das in Deutschland zumindest in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nicht der Fall gewesen ist.

bpb: Ist das ein temporäres Phänomen?

Doerry: Der Holocaust wird neben der Atombombe auch in Zukunft für die Menschen das entscheidende Ereignis im 20. Jahrhundert sein. Ich bin überzeugt, dass er die Menschen noch über Jahrhunderte verfolgen wird, natürlich mit abnehmender Intensität. Aber im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Deutschen bleibt der Holocaust ein wichtiger Markstein.

bpb: Aber brauchen wir nicht in Zukunft andere Formen der Darstellung, um immer wieder Menschen für die Geschichte des Dritte Reich und des Holocaust zu interessieren? Die unmittelbare Überlieferung wird uns bald fehlen.

Doerry: Das stimmt, die Gedenkkultur wird sich ändern. Es ist schließlich etwas anderes, ob am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, der KZ-Überlebende Arno Lustiger im Bundestag spricht, oder ob es keinen mehr gibt, der darüber berichten kann. Wir haben jetzt die letzte Gelegenheit mit den Überlebenden zu sprechen: Langsam werden ihre Stimmen verstummen und wir müssen andere Formen der Dokumentation suchen.

bpb: Welche können das sein?

Doerry: Ich plädiere ganz stark für Aufklärung über Dokumente und Gedenkstätten. Filme und Fernsehserien, produziert von der Unterhaltungsindustrie, erklären nicht wirklich, was den Faschismus und den Holocaust ausgemacht hat. Auch "Der Untergang" ist einfach nur ein Kinospektakel! Filme können vielleicht die Erinnerung an diese Zeit wachhalten, aber die Vergangenheit würde auch in anderer Form nicht in Vergessenheit geraten. Das Unrecht, das den Menschen millionenfach in den Konzentrationslagern angetan wurde, können wir in Deutschland an so vielen Orten direkt nachempfinden. Wer einmal in Dachau oder Buchenwald war, der braucht auch keinen Kinofilm, um Emotionen zu wecken.

bpb: Rechtsextreme Parteien, wie erst kürzlich die NPD im Sächsischen Landtag, versuchen immer wieder, das Gedenken an den Holocaust zu boykottieren, die Verbrechen der Nazis zu relativieren oder gar zu leugnen. Wie sollten Medien, Politik und Gesellschaft damit umgehen? Parteien wie die NPD verbieten, rechtsextreme Positionen ignorieren oder den Dialog wagen? Was ist ihre Meinung dazu?

Doerry: Mit Holocaust-Leugnern kann man nicht diskutieren. Das einzige was hilft, ich sage es noch einmal, ist Aufklärung über das, was damals geschah. Nur so können vielleicht auch jene beeindruckt werden, die den Neonazis nahestehen. Ob die NPD verboten werden kann, müssen Politiker und Juristen klären - ich wäre froh, wenn das gelänge. Der Rechtsstaat muss sich mit allen legalen Mitteln gegen diese barbarische Partei wehren.

Das Interview führte Sandra Schmid


 

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