Veranstaltungen: Dokumentation

"Es geht darum, wahrhaftig zu berichten"


22.12.2004
Im Interview mit der bpb äußert sich Sven Gösmann, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, über ethische Grundsätze, das öffentliche Interesse und die Folgen des Caroline-Urteils. Und was die Deutschen von den Briten noch lernen können.

bpb: Herr Gösmann, wie hält es die Bild-Zeitung mit der Ethik?

Gösmann: Wir haben natürlich ethische Grundsätze wie jedes andere Medium in Deutschland auch. So haben wir vor einiger Zeit im Haus einen so genannten "Code of Conduct" verabschiedet. Darin sind rechtliche Steuerungselemente festgeschrieben, die den Journalisten deutlich machen sollen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben, um ethisch nicht angreifbar zu sein. Die Bild-Zeitung ist mit dem Spiegel und den anderen Zeitungen des Springer-Verlages derzeit wohl das einzige Medium, das sich zum Beispiel keine Reisen mehr bezahlen lässt und dessen Journalisten keine der üblichen Presseinladungen annehmen – von wem auch immer.

bpb: Aber Ethik ist nicht gleich Recht. Es geht ja nicht darum, rechtlich unangreifbar zu sein, sondern um moralische Werte. Werden auch die im "Code of Conduct" genannt?

Gösmann: Natürlich, es geht darum unabhängig und kritisch berichten zu können. Es geht darum, so zu berichten, dass die Persönlichkeitsrechte von Menschen gewahrt werden. Es geht darum, wahrhaftig zu berichten. Das sind Dinge, die eine Rolle spielen und auf die wir in der redaktionellen Arbeit achten.

bpb: Trotzdem ist die Bild die Zeitung, die der Presserat am meisten rügt. Wie passt das zusammen?

Gösmann: Rügen muss man sich verdienen - genau wie den Neid, der uns immer begleitet. Wir sind ein Medium mit einer Einschaltquote von zwölf Millionen Zuschauern - um das mal in der Fernseh-Sprache zu sagen. So viele Menschen sehen in Deutschland nicht mal mehr ein Fußball-Länderspiel. Wir erreichen diese Zahl sechsmal die Woche. Dementsprechend viel Aufmerksamkeit und Gegenwind produzieren wir. Natürlich gibt es auch berechtigte Kritik an der Bild-Zeitung. Wenn beispielsweise nicht korrekt recherchiert worden ist, halten wir das intern nach. Es gibt aber Kritik, die uns nur betrifft, weil sie bei anderen nicht wahrgenommen wurde.

bpb: Aber eine Zeitung wie die Bild provoziert doch den Eklat. Der Presserat hat keinerlei rechtliche Machthabe, und eine Rüge bringt ja auch Aufmerksamkeit. Betreffen Sie die Rügen überhaupt?

Gösmann: Natürlich. Jede Rüge ist eine Rüge zuviel. Ich gebe Ihnen Recht, dass der Presserat manchmal nicht die Aufmerksamkeit hat, die er verdient. Manchmal ist er aber auch in seiner Entscheidungsfindung sehr intransparent. Und: Viele Anträge auf Rügen gegen Bild werden berechtigterweise abgelehnt, darüber berichtet dann nur niemand. Im Übrigen haben wir mittlerweile ein ganz anderes Problem aus der Rechtsprechung: das so genannte Caroline-Urteil. Anwälte haben es sich in Deutschland mittlerweile zu einem Geschäft gemacht, die freie Berichterstattung zu behindern - auch dann, wenn ein Bericht im öffentlichen Interesse wäre.

bpb: Was ist denn das "öffentliche Interesse"? Ist es kritisch? Oder will die Öffentlichkeit nur Schmutz- und Privatgeschichten lesen?

Gösmann: Wenn Sie ausschließlich nach dem ökonomischem Erfolg gehen, will sie das. Die Bild-Zeitung ist in Ihrer Kritik und in manchen Entscheidungsformen gewiss nicht zimperlich. Aber eine Marktführerschaft über mittlerweile mehr als 50 Jahre erreichen Sie nicht mit einem Produkt, das an den Leuten vorbei geht.

bpb: Nochmal zurück zum Caroline-Urteil: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte will dadurch die Privatsphäre von Prominenten besser schützen.

Gösmann: Zum einen schützt die Rechtsprechung, die wir haben, die Privatsphäre schon sehr gut. Zum anderen ist es aber richtig, dass man Ausuferungen Einhalt gebietet. Wenn man dabei aber über das Ziel hinausschießt, wird es irgendwann so sein, dass Sie kritische Berichterstattung in Gänze behindern können. Dann gerät die Pressefreiheit, eines unserer höchsten Güter, in Gefahr. Das Beispiel Frankreich sollte eine Warnung sein, denn die französischen Medien gehören zu den zahnlosesten in Europa. Das liegt an dem sehr strengen Presserecht, das dort angewandt wird und immer politiker- und prominenten-, aber nie pressefreundlich ausgelegt wird.

bpb: Sie arbeiten im Ressort Politik und Wirtschaft: Wie stark ist das Interesse am Politiker als Privatmann, wie stark an den wirklich politischen Inhalten?

Gösmann: Die Inhalte überwiegen, aber man darf den Privatmann nicht vergessen. Politik wird zunehmend personalisiert – siehe Stoiber gegen Schröder im Wahlkampf 2002. Was so bewusst inszeniert wird, muss sich in den Medien wiederfinden. Und wenn Politiker, wie etwa der Bundeskanzler, sehr stark mit persönlichen Dingen – den Cousinen aus dem Osten, dem neuen Liebes- und Lebensglück oder dem Familienhund – an die Öffentlichkeit gehen, machen sie damit Politik oder zumindest Image. Diesem Trend darf und kann sich Bild dann nicht verschließen. Entsprechend sind auch persönliche Verfehlungen öffentlich zu machen: Wenn ein Staatsminister in Baden-Württemberg einen Parteifreund öffentlich ohrfeigt und als "Drecksau" beschimpft, wird darüber berichtet, weil es etwas über die Qualitäten, bzw. die nicht vorhandenen Qualitäten des Ministers aussagt.

bpb: Was machen Sie in Ihrer politischen Berichterstattung anders als andere?

Gösmann: Wir haben zum einen den Anspruch, politische Sachverhalte leicht verständlich darzustellen, ohne sie zu vereinfachen. Wir haben den Anspruch, best-informiert zu sein, das heißt, unsere nachrichtliche Stärke und damit die journalistische Meinungsführerschaft zu erhalten. Wir glauben, dass wir ein Vermittler für eine immer größer werdende Schicht von Bürgern sind, die Politik so wie sie von Politikern selbst beschrieben wird, nicht mehr verstehen.

bpb: Freut es Sie, dass sich viele Zeitungen immer mehr in Richtung Boulevard bewegen?

Gösmann: Natürlich, denn das ist eine Bestätigung unserer Arbeit. Wenn die Kollegen ins grübeln kommen, was sie besser machen können und bei uns abkupfern, ist das zuerst einmal eine schwer erarbeitete Form der Anerkennung. Allerdings: Wir müssen uns dann etwas Neues einfallen lassen, damit wir unterscheidbar bleiben. Im übrigen wünsche ich mir natürlich, dass es auch weiter die sehr ausführliche, tiefgehende Form des Journalismus gibt. Ich glaube, mancher Zeitungsmacher sollte ruhig mehr Mut zur eigenen Stärken besitzen.

bpb: Wird Politik insgesamt immer mehr zum Politainment?

Gösmann: Ja. Schauen Sie nach Amerika: es ist eine Binsenweisheit, dass Sie dort sehen, was bei uns in zehn Jahren sein wird. Ich habe den letzten Bundestagswahlkampf bereits erwähnt. Da hat sich zum Beispiel ein Kandidat weichspülen lassen von einer ganzen Berater-Schar. Das Inszenieren von Bildern wird immer wichtiger. Politainment nimmt zu, weil sich viele Menschen von den eigentlichen Inhalten abwenden und sich an Personen orientieren. So war es bei den jüngsten amerikanischen Präsidentenwahlen. Diesen Effekt wird es auch bei uns in Zukunft verstärkt geben.

bpb: Sollten die Medien nicht lieber gegensteuern, statt diesen Trend zu bedienen?

Gösmann: Ich finde, da wird oft undifferenzierte Medienschelte betrieben. Es gibt sehr viele sich mit Inhalten beschäftigende journalistischen Formen – im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen wie bei Bild. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Ich glaube, das gelingt unseren Medien besser als manche Medienkritiker es beschreiben. Wir sind da einer deutschen Tradition verfallen, uns schlechter zu machen, als wir sind. Wenn ich deutsche Zeitungen aufschlage, deutsche TV-Sender anschalte, kann ich mitunter mehr erfahren, finde ich eine komplexere und kritischere Darstellung der Politik als in vielen Medien anderer Ländern. Denken Sie nur an Italien.

bpb: Ist es ein auch deutsches Phänomen, dass wir zu wenig über Politik lachen?

Gösmann: Da fragen Sie mit dem Mann von Bild den Falschen! Wir lachen gerne, oft und laut, setzen Herrn Trittin einen Turban auf oder veranstalten das eine oder andere mit Frau Merkel und Herrn Stoiber. Mitunter ist es schwer, Humor zu bewahren, wenn es um ernsthafte Dinge wie Menschen oder Arbeitsplätze geht. Vielleicht kann man aber auf diesem Gebiet noch etwas lernen, wenn man nach Nordwesten blickt. Denn die Briten beherrschen die politische Satire perfekt.

Interview: Susanne Sitzler


 

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