Europäische Zeitungstagung "Drehscheibe Qualität –die besten Modelle der Zeitungsmacher"
Mit Qualität in die Offensive
Kreativer Stillstand nach der Zeitungskrise? Mitnichten – in den Redaktionen werden alternative Konzepte diskutiert und auch eine alte Debatte ist neu entbrannt.
Wie Qualität in der Zeitung schaffen und halten? Die Q-Frage bewegt aber nicht nur die Redaktionen zwischen Nordsee und Alpen. Qualität und Qualitätsmanagement wurden auch bei der länderübergreifenden Tagung "Drehscheibe Qualität" zum Thema, zu der die Bundeszentrale für politische Bildung/ bpb und das Institut für angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule Winterthur vom 12. bis 14. September 2004 Blattmacher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Winterthur an einen Tisch geholt haben.
Zauberwort Newsdesk
Qualitätsmanagement, Normen und Standards zur Qualitätssteigerung und -sicherung sind in vielen Branchen seit Jahren die Regel. Doch Journalisten werden mit dem berühmten Satz "Das Genie beherrscht das Chaos" zitiert. Wer aber genau hinsieht, stellt fest, dass es jede Menge ungeschriebene Gesetze und Regeln gibt. Jede Redaktion verfügt über sie, doch oftmals sind sie weder strukturiert noch publiziert.
In vielen Häusern soll sich das jedoch ändern. Dort lässt sich eine neue Experimentierfreude entdecken. Die Zauberworte "Newsdesk" und "Newsroom" machen die Runde, Ressortstrukturen aufzubrechen wird diskutiert. Die Ansätze sind vielfältig, die Folgen für die Arbeit in den Redaktionen auch. In Deutschland ist ein wahrer Newsdesk-Tourismus entstanden: Verlagsdelegationen reisen zu anderen Häusern, um sich deren Konzepte vorführen zu lassen. Es gibt Modelle wie "WestPool" der Ruhrnachrichten zu betrachten, wo rotierend an einer zentralen Planungs- und Führungsinsel Blatt gemacht wird.
Zufälligkeit ausschließen
Die Strukturreform hat viele Ansätze diesseits und jenseits der Alpen. So bildet die Rhein-Zeitung etwa mit einem hausinternen Trainingsprogramm den eigenen redaktionellen Führungsnachwuchs aus.
Die Schwäbische Zeitung lockert die Berichterstattung in ihren zahlreichen Kopfblättern mit einer Themenmatrix auf. Mit einem einfachen, aber sehr strukturierten Kontrollsystem wird sichergestellt, dass thematische Defizite nicht unentdeckt bleiben und behoben werden. Die Neue Luzerner Zeitung geht das gleiche Problem mit einem Themenspiegel an, der die Zufälligkeit redaktioneller Themensetzung ausschließt und mittels eines Kontrollmechanismus der wichtigen Themen abfragt.
Die Main-Post hat ein neues Ressort "Aktuelles" im Mantel geschaffen, dass die Redakteure in Editors und Reporters unterscheidet.
Der Zürcher Unterländer setzt auf ein detailliertes Redaktionshandbuch, das ständig wiederkehrende Vorgänge normt und damit nach innen und außen Sicherheit zum Beispiel gegenüber Anzeigenkunden schafft.
Beim Public Journalism der Vorarlberger Nachrichten geht es darum, eine möglichst lesernahe Berichterstattung anzubieten. Dazu gehören Service-Rubriken mit Downloads auf der Website. Die Aargauer Zeitung hat in ihrem Intranet die Blattkritik integriert, zu der jede Redakteurin und jeder Redakteur interaktiv beitragen können.
Organisierte Qualität
Qualität lässt sich organisieren, meint der Schweizer Medienunternehmensberater Carlo Imboden, der sein verfeinertes Messinstrument für die Nutzung einzelner Zeitungsbeiträge für die Leserforschung demonstrierte.
Auch die Saarbrücker Zeitung überlässt nichts dem Zufall. Für den Relaunch wurden klar definierte strategische Ziele vorgegeben. Auf den Weg zu neuer Qualität hat sich die Rheinische Post mit dem Modell "Autorenzeitung" gemacht. Redakteurinnen und Redakteure werden von Chronisten zu Kreativen geschult.
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