Veranstaltungen: Dokumentation

20.8.2004

Va bene: Eröffnungsveranstaltung

Ludwig-Maximilians-Universität München, 14. Juli 2004

In ihrer dreitägigen Veranstaltungsreihe in München ging die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb den derzeitigen politisch-kulturellen Strömungen in Italien nach. Bericht von der Eröffnungsveranstaltung in der Ludwig-Maximilians-Universität.

  • PDF-Icon Programm zur Eröffnung (PDF-Version: 67 KB)

    Reinhard Putz

    Die Eröffnung der Veranstaltungsreihe beginnt mit einem kurzen Vortrag des Prorektors der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), Prof. Dr. Dr. Reinhard Putz, in welcher er die historische Nähe zwischen Deutschen und Italiener herausstellt. Er selbst sei Ururenkel eines italienischen Gastarbeiters. Im weiteren Verlauf der Rede verweist er auf die besondere Stellung und intensive Betreuung, die insbesondere italienischen Studenten an der LMU zu gute käme.

    Thomas Krüger

    Anschließend betritt der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, das Podium. Zu Beginn seiner Rede lobt er die besonders "kraftvolle und professionelle Zusammenarbeit" mit dem Münchner Kulturreferat. Im Anschluss führt er aus, dass es sich mit der Veranstaltung "Va bene" um ein neues, Europa-orientiertes Bildungsformat handele, das sich verschiedenster Vermittlungsformen bediene. So werde in den folgenden drei Tagen nicht nur ein intensiver politischer Diskurs geboten, sondern auch Theater, Film, Kino und Lebensart. Der Entscheidung, warum gerade Italien als Veranstaltungsschwerpunkt ausgewählt worden sei, liegen laut Krüger zwei Ursachen zu Grunde: zum einen habe das Land "seit den 90er Jahren einen tiefgreifenden gesellschaftspolitischen und institutionellen Wandel erfahren", zum anderen ist das Land "in der bisherigen bildungspolitischen Arbeit zu kurz gekommen", wie Krüger selbstkritisch anmerkt. Darüber hinaus sei ihm die aktuelle Mediendarstellung "zu einseitig und undifferenziert". In diesem Zusammenhang begrüßt Krüger den italienischen Prof. Gian Enrico Rusconi und weist auf dessen Lesung vom Vormittag hin, auf der Rusconi sein neues Buch "Germania Italia Europa" vorgestellt hatte. In dem Buch geht es um gegenseitige Vorurteile beider Länder.
    Von der Veranstaltung erhofft sich Krüger "eine über den reinen Informationsbedarf hinausgehende neue kulturelle Produktivität und intellektuelle Stimulanz, die keine gängigen Klischees und Stereotypen vermittelt, sondern neue europäische Diskurse vermitteln und auf den Weg bringen."

    S.E. Silvio Fagiolo

    Im Anschluss spricht S.E. Fagiolo, Botschafter der Republik Italien. Er verweist auf die Bedeutung beider Länder für die europäische Einigung, die sich bis hin zu De Gasperi und Adenauer verfolgen lasse. Fagiolo zählt fünf Grunde auf, warum die europäische Zusammenarbeit immer wichtiger werde:

    1. Europa ist für beide Länder ein wichtiger Bezugspunkt
    2. eine globalisierte Wirtschaft stelle neue Aufgaben
    3. die veränderte weltpolitische Sicherheitslage
    4. um die Zukunft des Föderalismus zu bestimmen
    5. um die Sozialsysteme zu bewahren.

    Abschließend äußert der Botschafter die Hoffnung, dass durch die Veranstaltung "ein besseres Bild unseres Landes entsteht".

    Lydia Hartl

    Die letzte Begrüßungsrede wird von Prof. Dr. Dr. Lydia Hartl, Kulturreferentin der Landeshauptstadt, vorgetragen. Hartl lobt als erstes das beispielhaft interdisziplinäre Konzept, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, bevor sie auf die besondere Bedeutung hinweist, die Italiens für München im Bereich der Musik, Kunst und Architektur gespielt hat. Besonders hebt sie den Einfluss Orlando di Lassos am Hof des bayerischen Königs hervor. Grundsätzlich sieht sie Italien und Deutschland im europäischen Kontext eher als "Scharniere", denn als "Achsen".

    Leoluca Orlando

    In einem sehr persönlichen, einstündigen Vortrag stellt Leoluca Orlando, der ehemalige Oberbürgermeister von Palermo, heutige Oppositionsführer im sizilianischen Regionalparlament und erfolgreicher Buchautor, seinen Lokalpatriotismus und seine dualistische Lebensphilosophie vor, die er gerne bildhaft mit dem "sizilianischen Karren" beschreibt. Wie bei einem Karren mit zwei Rädern geht es für Orlando in allen Lebensbereichen um das Gleichgewicht zweier Pole. Orlando nutzt den Eröffnungsvortrag aber auch, um die aktuellen Ereignisse in Sizilien zu kritisieren, wo Helfer der Flüchtlingsorganisation Cap Anamur 37 Afrikaner aus Seenot gerettet haben und nach dem Einlaufen in einen italienischen Hafen inhaftiert wurden.

    Die Rede beginnt jedoch mit der Beschreibung seines besonderen Verhältnisses zu Deutschland. Orlando erzählt, dass sein Vater in Heidelberg studiert hatte und ihm das Lied "Trink, trink, Brüderlein trink" beigebracht habe. Er selbst habe auch unbedingt die deutsche Sprache sprechen wollen, wie der Vater. So sei er mit 20 Jahren auch nach Heidelberg gegangen. Dort habe ein wichtiges Erlebnis gehabt, das ihn sehr geprägt haben muss. In seiner Heimat Sizilien habe er nie das Wort Mafia gehört. In Deutschland war Sizilien dagegen nur wegen der Mafia bekannt. "Ich bin stolz auf die sizilianische Identität, deshalb entschied ich mich zum Kampf gegen die Mafia." Orlando betont, dass er zugleich Sizilianer und Weltbürger sei. Dies gelinge ihm, da er versuche, das Globale durch lokale Augen zu sehen. "Ich sehe Italien mit sizilianischen Augen, ich sehe Europa mit italienischen Augen, ich sehe die Welt mit europäischen Augen." Der Kampf gegen die Mafia sei ihm auch so wichtig gewesen, weil die Mafia die sizilianische Kultur benutzt habe, um ihre Herrschaft aufzubauen. Sie benutzten die Ehre, die Familie, die Freunde für ihre Zwecke. Orlando betont, dass die Instrumentalisierung kultureller Werte derzeit in aller Welt geschehe und mit mafiösen Strukturen in Russland, China, Japan, dem Baskenland und in islamischen Ländern die Grundlage für organisiertes Verbrechen bilden. "Wie bei der italienische Mafia werden überall die kulturellen Werte pervertiert." Orlando erinnert auch daran, dass Deutschland mit Adolf Hitler eine Person gehabt habe, die den deutschen "Respekt vor dem Gesetz" pervertierte. So wie Adolf Hitler der größte Feind der deutschen Kultur gewesen sei, "ist Osama Bin Laden der größte Feind der islamischen Kultur."

    Die Frage, wie man das organisierte Verbrechen in solchen Fällen bekämpft, beantwortet Orlando mit seinem berühmten Karren-Gleichnis: "Wir brauchen beide Räder des sizilianischen Karrens." Im Kampf gegen die organisierte Kriminalität sei dies neben der Polizei als Vertreter der Legalität die Kultur und Zivilgesellschaft. "Sonst fährt die Karre nicht geradeaus." Seit Jahren exportiere er den sizilianischen Karren in die ganze Welt, so zum Beispiel auch nach Mexiko.

    Mit einer Anekdote von der Feier bei Georgiens neu gewählten Präsident Sakaschwilli und dessen Vision von einem Beitritt zur EU macht er deutlich, dass Europa nicht nur eine leere Wirtschaftsgemeinschaft der Banken sein dürfe, sondern eine "Vision" brauche, "eine Allianz zwischen den Kindern in Palermo und den Banken in Frankfurt". Mit Blick auf die Cap Anamur-Tragödie spricht Orlando dem heutigen Europa jegliche zivilgesellschaftliche Vision ab. Als Gegenposition zum unwürdigen Zuständigkeitspoker der Behörden in Italien, Deutschland und Malta stellt Orlando die Gegenposition auf, dass jeglicher Visumzwang aufgehoben werden solle: "Ich habe nicht entschieden wo ich geboren wurde, ich kann nur entscheiden wo ich lebe", und Orlando schlussfolgert: "Alle sollen kommen!"

    Das Problem der Migration sei allerdings mit der Einwanderung noch nicht getan. Immer wieder beobachte er zwei verlorene Generationen. Die erste Generation hänge starr an ihrer Kultur und ignoriere die Legalität der neuen Heimat, wodurch sie sich in Schulen und bei der Polizei Feinde mache. Die zweite Generation entscheide sich dann, ähnlich einem Pendel, meist im Übermaß für die Befolgung der Legalität und opfere ihre Identität. So gingen jedes mal zwei Generationen verloren. "Erst die dritte Generation ist eine normale Generation."

    Von Marco Eisenack


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