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Veranstaltungen: Dokumentation

14.7.2004 | Von:
Herman Prigann

Manipulierte Natur - humanisierte Natur

Thesen von Herman Prigann

Zum Streitgespräch "Manipulierte Natur - humanisierte Natur" erläutert Hermann Prigann seine Thesen über das Verhältnis von Mensch und Natur.

Aus den vielfältigen Betrachtungsperspektiven unseres Themas habe ich drei herausgehoben, die meine zentralen Gedanken in diesem Kontext wiederspiegeln:

Der Naturbegriff, die Wahrnehmungskonditionierungen, die Umweltgestaltung und ökologische Parameter führen zur ökologischen Ästhetik.

1. Der Naturbegriff
Unser Sein ist Natursein und in dem Maße, wie die Natur begriffen wird als ein allein nützliches, zum Zwecke dienliches, ausserhalb Seiendes, entfernen und entfremden wir uns von uns selbst. Denn das Faktische der Einheit des Seins wird durch die Tat dieser Abspaltung nicht aufgehoben, sondern ist eine für unsere Spezies gefährliche Imagination einer von uns scheinbar dominierten Wirklichkeit und domestizierbaren Natur. Der immer noch geltende Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur impliziert die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Führt das Letztere zu all dem Elend des Einzelnen wie ganzer Völker und zur Nivellierung einer humanen Ethik zu blosser Werbegrammatik und zu einer ungehemmten Selbstbefriedigung der Gier, so steht die Frage im Raum: In wieweit ist die Selbstzerstörung des Menschen ein integriertes "Programm" der Natur? Ist nicht das Erstaunlichste unseres Seins, dass wir von Irrtum zu Irrtum überleben? Unser Weg durch Raum und Zeit ist ausgezeichnet durch die Optimierung von Wärme, Bewegung und Licht, auf der Suche nach einem Mass und Sinn in Allem.

2. Wahrnehmungskonditionierungen
Durch die Vermenschlichung der Natur und Umwelt in den Begriffszuordnungen geschieht eine Aneignung mit Herrschaftsanspruch. Die moralischen Anschuldigungen, die esoterischen Beschwörungen im Kontext zu der uns allen nutzenden Energie- und Ressourcengewinnung, sind ein Hinweis auf die nicht eingelöste Mitverantwortung an diesen Prozessen. Es geht bei dem, was wir hier bedenken, um Transformationen: Von den Wäldern zur Kohle-, zur Gruben- und Industrielandschaft in einer elektrifizierten, urbanen Umwelt. Global Village.

Kunst formt unsere Imaginationen vom Menschen, der Umwelt, der Natur in hohem Maße. Sie entwickelt Paradigmen des Schönen, Erhabenen, des Hässlichen und Grotesken, der Ordnung und des Zufalls, als ästhetisches Panorama. Diese Entwürfe und Interpretationen der äusseren und inneren Welt sind Teile unseres Wertesystems, sind Orientierung und Leitbild. Sie ändern sich, Wandel ist Naturgesetz. Eine Kunst, deren Ergebnis immer einen offenen Zustand manifestiert hat diese Tatsache zum ästhetischen Programm erhoben: Die ökologische Ästhetik.

Im Angesicht zweier Tatsachen - der, dass Kunst Wertvorstellungen mitgestaltet, unsere Wahrnehmung von Umwelten prägt, und den selbstverursachten ökologischen Problemen, der kulturellen Indifferenz wird nach einer Neuorientierung gefragt. Durch Integration der Metamorphose, als ein Gestaltungsprinzip in der künstlerischen Arbeit, verändert sich das Werk, seine Wirkung erweitert die Wahrnehmung der Umwelt. Diese ist nicht mehr nur ein Panorama für das Werk, beides durchdringt sich. Natur und Kunst (Gestaltung) wird zu einer Einheit im Dialog. Es bleibt ein offener Zustand, dies wäre ein essentieller Aspekt einer ökologischen Ästhetik.

3.Umweltgestaltung und ökologische Parameter führen zur ökologischen Ästhetik
Wir gestalten unsere Welt, diese Welt ist unsere Gestalt gewordene Phantasie. Es gibt keine zerstörten Landschaften. In der Zeit liegt die Wiederaneignung durch Sukzessionsprozesse.

Im Gestaltungswillen des Menschen liegt das Potenzial einer Landschaft der Spuren und Zeichen. Nicht eine Retusche unserer Ressourcenentnahme im Sinne einer künstlichen Natürlichkeit sollte das Gestaltungsziel sein, sondern ein klares Zeitzeichen, in dem sich das älteste Formenspiel der Erdzeichen mit der heutigen Technik neu definiert.

In diesen Zeichen fallen zusammen: Geschichtlichkeit - ökologisches Wissen - technische Möglichkeiten. Eine ökologische Ästhetik ist der Versuch, die von uns bisher durch eine reduktive, vom Objektivismus bestimmte Wissenschaftsmethodik erkannter Gesetzmässigkeiten einer ästhetischen Praxis zu Grunde zu legen.

Doch die Einführung jener erkannten ökologischen Paradigmen in eine ästhetische Praxis muss von einer Erkenntnistheorie der Wahrnehmung und weiterhin, einer Philosophie der Ethik des Miteinander getragen werden. Wenn heute nach Wegen der Nachhaltigkeit in vielen Handlungsfeldern unserer Gesellschaft gesucht wird, hier ist der Weg beschritten.


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